Die Dämmerung verwandelte die ukrainische Steppe in eine Masse aus Grautönen. Oberschütze Werner Krieger lag regungslos im gefrorenen Schlamm, 12 m von der vordersten deutschen Stellung entfernt. Seine Finger steif vor Kälte umklammerten ein Fernglas. Kein militärisches Zeismodell, sondern einfaches Jägerfernglas mit Lederriemen, das seine Frau ihm aus ihrem Dorf in Bayern geschickt hatte.

Seund entfernt bewegte sich etwas. Krieger hob das Fernglas langsam, so langsam, daß die Bewegung einem Beobachter wie das Wachsen von Gras erschienen wäre. Das Okular berührte seine Augenbraue. Er atmete aus, hielt den Atem an. Die Linsen waren beschlagen, aber nicht stark genug, um das Bild zu zerstören. Dort ein sowjetischer Offizier, der Mann trug keine Rangabzeichen, die aus dieser Entfernung sichtbar gewesen wären, aber Krieger erkannte ihn an der Haltung, an der Art, wie Soldaten zurückwichen, wenn er sprach, an der Geste, mit der er auf

eine Karte deutete, die ein Untergebener vor ihm ausbreitete. Kriegers Finger glitten zum Abzug seiner Karabiner 98 K. Der Lauf ruhte auf einem flachen Stein, den er vor drei Stunden präpariert hatte. Keine Sandsäcke, keine Stütze, nur der Stein glatt poliert vom Wind und seine eigene Kontrolle.

Die Entfernung war grenzwertig, 600 m bei Wind, der in Böhen über die Ebene strich. Aber Krieger hatte die letzten 20zig Minuten damit verbracht, den Wind zu lesen. Nicht mit Instrumenten, sondern mit dem Gras, das sich in wellenförmigen Mustern bewegte, mit dem Staub, der von den sowjetischen Stellungen aufstieg. Er atmete zweimal.

Beim dritten Ausatmen drückte er ab. Der Rückstoß war vertraut, fast tröstend. Der Klang des Schusses rollte über die Steppe wie ein kurzes Donnern. Meter entfernt brach der sowjetische Offizier zusammen. Keine dramatische Geste, keine erhobenen Arme. Er fiel einfach, als hätten seine Beine aufgehört zu existieren.

Krieger senkte die Waffe nicht. Er beobachtete durch sein billiges Fernglas, wie die sowjetischen Soldaten in Panik auseinandersprangen, wie drei Männer zum gefallenen Offizier eilten, wie einer von ihnen, vermutlich ein Sanitäter, sich über den Körper beugte und dann den Kopf schüttelte. Bestätigt.

Erst jetzt begann Krieger seinen Rückzug. Er robbte rückwärts, Zentimeter für Zentimeter, wobei sein Körper eine flache Furche im Schlamm hinterließ. Meter, 20. Dann erst wagte er es sich zu erheben und in gebeugter Haltung zur deutschen Linie zu laufen. Die Kameraden in der Stellung empfingen ihn mit einem Schweigen, das schwerer wog als Worte.

Drei Tage zuvor war Werner Krieger in diese Kompanie versetzt worden. Er war kein typischer Soldat, zu alt mit 37 Jahren, zu ruhig, zu zivil in seinen Manieren. Vor dem Krieg hatte er Förster in den bayerischen Alpen gearbeitet, hatte Hirsche gejagt und Wölfe beobachtet. Seine Ausbildung zum Scharfschützen hatte genau acht Wochen gedauert, und das nur, weil ein Offizier seine Trefferquote auf dem Schießstand bemerkt hatte.

Als er sein Fernglas zum ersten Mal ausgepackt hatte, war das Gelächter laut gewesen. “Was ist das?”, hatte gefreiter Holzer gefragt, ein junger Mann mit Aknenarben und einem ständigen Grinsen. “Ein Spielzeug?” “Ein Jäger Fernglas”, hatte Krieger ruhig geantwortet. Die Wehrmacht gibt dir ein Zeisfernglas und du benutzt das hier. Hauptfeldwebelrichter hatte es in die Hand genommen, es gedreht, als wäre es ein seltsames Insekt.

Das ist Müll, keine Skala, keine Entfernungsmessung, nicht einmal militärische Vergütung. Krieger hatte nichts erwidert. Er hatte nur zugesehen, wie Richter das Fernglas zurückgab mit einer Bewegung, die gefährlich nah an einem Wurf war. Wir haben echte Ausrüstung hier. hatte Richter gesagt. Wenn du überleben willst, Krieger, dann vergissß deinen Bauernchrott.

Aber Krieger hatte sein Fernglas behalten, nicht aus Sturheit, sondern weil er etwas wusste, dass die anderen nicht verstanden. In den Bergen hatte er gelernt, dass teure Optik oft bedeutete. Komplizierte Optik, mehr Linsen, mehr Gewicht, mehr Teile, die versagen konnten. Sein einfaches Jägerfernglas hatte nur vier Linsen. Es wog 600 g.

Es konnte in einer Pfütze landen und funktionierte immer noch und es hatte keine Reflexion. Die teuren Zeisgläser, die die Wehrmacht ausgab, hatten exzellente Vergütung, aber sie hatten auch kristallklare Linsen, die im falschen Winkel das Sonnenlicht wie kleine Spiegel reflektierten. Krieger hatte in den Alpen genug Rehe verloren, weil ein Lichtreflex sie gewarnt hatte.

Hier, wo sowjetische Gegensniper jeden Lichtblitz verfolgten, war Reflexion der Tod. Am vierten Tag nach seiner Ankunft lag Krieger wieder in Position. Diesmal in einem verlassenen Kornspeicher, dessen Dach zur Hälfte eingestürzt war. Er hatte sich eine Lücke in den Brettern erweitert, nicht groß genug für einen Kopf, gerade groß genug für das Fernglas.

Die sowjetische Linie war 800 m entfernt. Eine unmögliche Entfernungfür die meisten Schützen. Aber Krieger suchte nicht nach normalen Zielen, er suchte nach Mustern. Durch sein Fernglas beobachtete er, wie sich Soldaten bewegten, wie sie Wachen wechselten, wie sie Nahrung verteilten und er bemerkte etwas.

Jeden Morgen um 8:15 Uhr erschien ein Mann in der rückwärtigen Linie. Er trug keine offensichtlichen Rangabzeichen, aber wenn er sprach, hörten die Soldaten zu. Wenn er zeigte, bewegten sie sich. Ein Offizier Krieger wartete. Am fünften Tag1 erschien der Mann wieder. Er stand neben einem zerstörten Lastwagen eine Karte in der Hand und zeigte auf die deutsche Linie. Krieger legte an.

Sein billiges Fernglas lag neben ihm. Er brauchte es jetzt nicht mehr. Er hatte die Position auswendig gelernt. Der Schuss halte durch den Morgen. Der sowjetische Offizier fiel. Zurück in der deutschen Stellung wartete Hauptfeldwebel Richter auf ihn. “Zweiter bestätigter Abschuss”, sagte Richter.

Sein Tonfall war neutral, aber in seinen Augen lag etwas Neues. Keine Warmherzigkeit, aber Respekt. “Wie machst du das?” Krieger setzte sich auf eine Munitionskiste. Er zog sein Fernglas aus der Tasche, wischte die Linsen mit einem weichen Tuch ab. “Ich beobachte”, sagte er einfach “mit dem. Richter nickte zum Fernglas. Ja, warum nimmst du nicht die Standardoptik? Krieger schaute durch das Fernglas, fokussierte auf einen Baum in der Ferne.

Weil das hier nicht glänzt, sagte er, weil es leicht ist, weil ich damit einen ganzen Tag liegen kann, ohne dass meine Arme zittern und weil die Sowjets nicht nach einem billigen Jägerfernglas suchen. Richter schwieg, dann nickte er langsam. Vielleicht, sagte er, bist du nicht so dumm, wie du aussiehst.

Es war das nächste zu einem Kompliment, das Krieger je von ihm hören würde. In den folgenden Tagen verbreitete sich Kriegers Ruf. nicht laut, nicht mit Fanfaren, aber die Soldaten bemerkten, dass sowjetische Offiziere fielen, dass die sowjetischen Angriffe zögerlicher wurden, dass die Kommandostrukturen brüchig wirkten und sie bemerkten, dass Krieger immer mit seinem lächerlichen Fernglas zurückkam.

Am zehn Tag nach seiner Ankunft hatte Krieger vier bestätigte Abschüsse, alle Offiziere, alle auf Entfernungen zwischen 600 und 800 m. Niemand lachte mehr über sein Fernglas. Eines Abends, als Krieger seine Waffe reinigte, setzte sich gefreiter Holzer neben ihn. Der junge Mann, der ihn anfangs verspottet hatte, wirkte jetzt beinahe ehrfürchtig.

“Wie wählst du die Ziele aus?”, fragte Holzer leise. Krieger schaute nicht auf. “Ich warte, bis Sie sicher fühlen.” “Sicher? Offiziere denken, sie sind sicher in der zweiten Reihe. Sie denken, 800 m sind zu weit. Sie entspannen sich. Krieger pausierte, ölte den Verschluss seiner Waffe. Das ist ihr Fehler.

Holzer nickte langsam. Und das Fernglas? Warum funktioniert es wirklich? Krieger lächelte. Ein seltenes dünnes Lächeln, weil niemand erwartet, dass ein Jäger mit Bauernwerkzeug gefährlich ist. In der Nacht, bevor Krieger seine fünfte Mission antreten würde, schrieb er einen Brief nach Hause. Er schrieb über das Wetter, über die Kameraden, über die Monotonie des Wartens.

Er erwähnte die Abschüsse nicht, aber er schrieb: “Das Fernglas, das du mir geschickt hast, ist das Beste, was ich hier habe. Es erinnert mich daran, wer ich bin. Es hält mich bei Verstand.” Er versiegelte den Brief. Draußen heulte der Wind über die Steppe. Morgen würde er wieder hinausgehen, wieder beobachten, wieder warten, wieder jagen.

Und sein billiges Jägerfernglas würde ihm dabei helfen, einen weiteren sowjetischen Offizier zu finden, einen weiteren Mann, der sich zu sicher fühlte, zu weit von der Front, zu beschützt durch Entfernung. Krieger wußte, dass diese Sicherheit eine Illusion war, und er wußte, daß sein unscheinbares Fernglas der Schlüssel war, diese Illusion zu zerstören.

Der Morgen des zwölften Tages begann mit Nebel. Er legte sich über die Steppe wie eine graue Decke, verschluckte Konturen, verwandelte die Welt in ein Reich der Schatten. Krieger lag bereits seit zwei Stunden in seiner Position, einem ausgehühlten Erdloch 30 m vor der deutschen Hauptlinie, getarnt mit verrottetem Stroh und gefrorenen Grasbüscheln.

Seine Atmung war so flach, dass sie kaum Dampf erzeugte. Das Fernglas ruhte vor seinem Gesicht, die Linsen leicht angewinkelt, um jede mögliche Reflexion zu vermeiden. Aber im Moment war das unnötig. Der Nebel war zu dicht. Er konnte kaum 50 m sehen. Also wartete er. Warten war keine Passivität. Das hatten die meisten Soldaten nie verstanden.

Sie sahen im Warten nur verschwendete Zeit, nur Langeweile. Aber Krieger hatte in den bayerischen Wäldern gelernt, dass Warten eine aktive Disziplin war, eine Form der Jagd, bei der Geduld die Waffe war. Er zählte seine Atemzüge, er lauschte dem Wind, er spürte, wie sich die Temperatur um Bruchteile eines Grades veränderte, als die Sonne langsam den Nebel zu durchdringen begann.

Um 9:30 Uhr begann der Nebel sich zu lichten. KriegersFinger bewegten sich zum Fernglas langsam, Millimeter für Millimeter. Er hob es an sein Auge, die sowjetische Linie wurde sichtbar. Erst verschwommen, dann klarer. Schützengräben, ein zerstörtes Bauernhaus, ein Kommunikationsgraben, der sich schlängelnd nach hinten zog und dort am Rand des Kommunikationsgrabens zwei Männer.

Einer trug eine Landkarte, der andere gestikulierte. Krieger beobachtete. Er schoss nicht, noch nicht. Er studierte ihre Bewegungen. Der Mann mit der Karte deutete nach Norden. Der andere nickte, schrieb etwas in ein Notizbuch. Dann verschwanden beide im Graben. Krieger senkte das Fernglas nicht. Er wartete. 15 Minuten vergingen. 20.

Seine Muskeln begannen zu schmerzen, aber er bewegte sich nicht. Bewegung bedeutete Entdeckung. Entdeckung bedeutete Tod. Bei der. Minute erschien der Mann mit der Karte wieder, diesmal allein. Er kletterte aus dem Graben, ging drei Schritte nach links, blieb stehen. Er zündete sich eine Zigarette an. Das war der Moment. Krieger wusste aus Erfahrung.

Offiziere, die sich eine Zigarette anzündeten, fühlten sich sicher. Sie entspannten für genau diese Sekunden. Ihr Körper wurde still. Ihr Kopf hörte auf sich zu bewegen. Er legte an. Met Wind von links, leicht. Er korrigierte minimal. Der Schuss zerriss die Stille. Der sowjetische Offizier fiel rückwärts. Die Zigarette flog aus seiner Hand, zeichnete einen kleinen Bogen aus Rauch. Krieger verharrte.

Er zählte bis 30. Dann begann er seinen Rückzug nicht direkt zurück zur Linie, sondern seitlich in einem Bogen, der ihn durch einen anderen Abschnitt des Niemandslands führte. Als er die deutsche Stellung erreichte, wartete Hauptfeldwebel Richter bereits. “Fünfter bestätigter Abschuss”, sagte Richter. “Die Sowjets werden nervös.

Wir haben Funksprüche abgefangen. Sie suchen nach einem deutschen Scharfschützen der Offiziere jagt.” Krieger nickte schweigend. Er reinigte sein Fernglas, überprüfte jede Linse auf Kratzer. “Du mußt vorsichtiger werden”, sagte Richter. “Ich bin immer vorsichtig.” “Das meine ich nicht.” Richters Stimme wurde leiser.

“Die Sowjets haben gegen Scharfschützen. Gute, wenn sie ein Muster erkennen, werden sie auf dich warten.” Krieger schaute auf. “Dann muss ich das Muster ändern.” Die nächsten Tage verbrachte Krieger damit, sein System zu perfektionieren. Er verstand, daß Routine der Feind war, nicht nur seine eigene Routine, sondern auch die des Feindes.

Also begann er die sowjetische Linie zu studieren, wie ein Wissenschaftler ein Experiment studiert. Er kroch jeden Tag zu einer anderen Position hinaus, manchmal vor Sonnenaufgang, manchmal in der Mittagshitze, wenn die Luft über der Steppe flimmerte. Er beobachtete nicht nur einzelne Soldaten, sondern ganze Abläufe.

Er lernte, dass die sowjetischen Offiziere sich um 10 Uhr im hinteren Graben versammelten, dass sie um 15 Uhr Tee tranken, dass sie kurz nach Sonnenuntergang die Wachen wechselten. Aber er lernte auch, dass nicht alle Offiziere gleich wertvoll waren. Es gab die jungen Leutnans kaum älter als 20, die nervös wirkten, die zu viel sprachen.

Diese waren leichte Ziele, aber ihre Eliminierung änderte wenig. Dann gab es die Hauptleute und Majore, Männer in den 30ern und0ern, die sich mit ruhiger Autorität bewegten. Diese waren die Stützen der sowjetischen Verteidigung und schließlich gab es die seltenen obersten und Kommissare, Männer, die nur selten an der Front erschienen, die sich in scheinbar sicheren Bereichen aufhielten.

Krieger jagte die zweite und dritte Kategorie. Am 18. Tag entdeckte er einen wertvollen Hinweis. Er lag in einem zerstörten Stall. Das Dach war teilweise eingestürzt, aber die Wände boten Deckung. Durch sein Fernglas beobachtete er einen sowjetischen Hauptmann, der an einem provisorischen Tisch saß. Der Mann studierte Dokumente, trank aus einer Blechschale, aber Krieger schoss nicht.

Stattdessen beobachtete er weiter und nach 20zig Minuten bemerkte er etwas ungewöhnliches. Ein junger Soldat kam, salutierte, wartete. Der Hauptmann winkte ihn weg, aber der Soldat blieb in der Nähe nervös, als würde er auf etwas warten. 5 Minuten später erschien ein weiterer Offizier. Dieser war älter, trug eine bessere Uniform.

Er sprach kurz mit dem Hauptmann, dann verschwanden beide in einem Bunker. Krieger notierte sich die Position des Bunkers mental, dann zog er sich zurück. In den nächsten drei Tagen beobachtete er denselben Bunker und er erkannte das Muster. Der ältere Offizier, vermutlich ein Oberst oder höher, erschien jeden zweiten Tag gegen 14 Uhr.

Er blieb etwa eine Stunde. Dann verließ er den Bunker durch einen Seitenausgang. Am vierten Tag wartete Krieger am Seitenausgang. Die Position war gefährlich, nur vier Meter von der sowjetischen Linie entfernt, viel näher als seine üblichen Schussabstände. Aber die Nähe hatte einen Vorteil, Präzision. Um 14:45 Uhr öffnete sich die Bunkertür.

Der ältere Offizier trat heraus. Er trug eine pelzgefütterte Uniformjacke. Anseiner Seite hing eine Pistolentasche. Zwei Soldaten begleiteten ihn. Krieger zielte nicht auf den Offizier. noch nicht. Er wartete, bis die kleine Gruppe zehn Meter vom Bunker entfernt war, weit genug, dass eine sofortige Rettung unmöglich wäre. Dann schoss er.

Der Offizier fiel nach vorne. Die beiden Soldaten drehten sich um, suchten verzweifelt nach der Schussrichtung. Einer rannte zum Bunker zurück, der andere kniete beim gefallenen Offizier nieder. Krieger schoss nicht auf die Soldaten. Er hatte bereits begonnen, sich zurückzuziehen. Langsam, methodisch, jede Bewegung kontrolliert.

Als er die deutsche Linie erreichte, war sein Gesicht schweißnass, obwohl die Temperatur unter null lag. Sechster Abschuss, verkündete Richter, aber diesmal klang er besorgt. Krieger, die Sowjets reagieren. Wir haben Berichte von verstärkter Aufklärung. Sie suchen dich. Krieger nickte. Er hatte es erwartet. Wie lange kannst du das noch durchhalten?”, fragte Richter, “Solange ich unsichtbar bleibe.

Niemand bleibt ewig unsichtbar.” Krieger reinigte sein Fernglas eine Gewohnheit, die fast rituell geworden war. “Dann muss ich besser werden im Verschwinden.” In jener Nacht konnte Krieger nicht schlafen. Er lag in seinem Erdloch, hörte das Donnern der Artillerie in der Ferne, dachte über Richters Worte nach.

Der Hauptfeldwebel hatte recht. Die Sowjets waren nicht nicht dumm. Sie würden Muster erkennen. Sie würden Fallen stellen. Also mußte Krieger sein eigenes Muster durchbrechen. In den folgenden Tagen änderte er seine Taktik radikal. Statt jeden Tag hinauszugehen, wartete er zwei Tage, dann drei. Er variierte seine Positionen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich.

Er schoss nicht mehr nur am Morgen oder Mittag, sondern auch in der Dämmerung, wenn die Schatten lang wurden und die Zielerfassung schwierig, und er begann Ablenkungen zu nutzen. Einmal positionierte er sich während eines leichten Artilleriebeschusses. Das Donnern der Geschütze überdeckte den Klang seines Schusses. Ein andermal wartete er auf einen Moment, als sowjetische Flugzeuge über die Front flogen.

Die Motoren waren so laut, dass niemand einen einzelnen Gewehrschuss hören konnte. Sein billiges Fernglas wurde dabei zum entscheidenden Werkzeug. Es erlaubte ihm stundenlang zu beobachten, ohne dass seine Arme ermüdeten. Es produzierte keine verräterischen Reflexionen und es war so unscheinbar, dass selbst wenn ein sowjetischer Beobachter es zufällig gesehen hätte, er nicht als Bedrohung erkannt hätte. Am 24.

Tag erzielte Krieger seinen neunten bestätigten Abschuss. Am 27. Tag seinen 10. Die sowjetische Kommandostruktur begann zu bröckeln. Offiziere wurden vorsichtiger, zeigten sich seltener. Aber das spielte Krieger in die Hände. Je seltener sie erschienen, desto mehr mussten sie erscheinen, wenn tatsächliche Befehle erteilt werden mussten.

Und wenn sie erschienen, wartete Krieger mit seinem lächerlichen Jägerfernglas, mit seiner unendlichen Geduld, mit seiner Kunst des Wartens. Der 30. Tag begann mit einem schlechten Omen. Krieger erwachte vor Sonnenaufgang wie immer, aber etwas fühlte sich anders an. Die Luft war zu still, kein Wind, kein Artilleriefeuer in der Ferne, nur eine bedrückende unnatürliche Stille, die über der Steppe lag wie eine unsichtbare Last.

Er rollte sich aus seiner Decke, griff nach seinem Fernglas, überprüfte die Linsen. Alles in Ordnung, aber das Unbehagen blieb. Hauptfeldwebelrichter fand ihn beim Reinigen seiner Waffe. Krieger sagte Richter leise, wir haben ein Problem. Krieger schaute auf. Die Aufklärung hat Bewegungen hinter der sowjetischen Linie bemerkt.

Neue Einheiten, keine regulären Truppen. Richter pausierte. Spezialsen, wahrscheinlich Scharfschützeneinheiten. Wegen mir. Die Sowjets haben in den letzten zwei Wochen zehn Offiziere verloren. Alle durch präzise Schüsse aus großer Entfernung. Sie sind nicht dumm, Krieger. Sie haben verstanden, dass hier jemand systematisch jagt.

Krieger nickte langsam. Er hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Jede erfolgreiche Jagd zog irgendwann Jäger an. “Was empfiehlst du?”, fragte er. Pausiere eine Woche. Laß sie denken, du bist weg. Krieger betrachtete sein Fernglas, drehte es in seinen Händen. Und wenn ich das nicht tue, Richter seufzte. Dann wirst du selbst zum Ziel.

Und sowjetische Gegenscharfschützen sind gut. Krieger sehr gut. Sie haben in Stalingrad gekämpft. Sie kennen jede Taktik. Dann muß ich neue Taktiken lernen. Krieger ging nicht hinaus, nicht an diesem Tag, nicht am nächsten. Stattdessen verbrachte er die Zeit mit Beobachtung aus der deutschen Hauptlinie.

Er benutzte sein Fernglas, um die sowjetischen Stellungen zu studieren, aber diesmal suchte er nicht nach Offizieren. Er suchte nach Gegenscharfschützen. Es dauerte drei Tage, bis er den ersten entdeckte. Die Position war clever. Ein zerstörter Wasserturm, etwa nehmen Meter von der deutschen Linie entfernt. Der Turm sah verlassen aus, seine Wändewaren von Granatsplittern durchlöchert.

Aber Krieger bemerkte etwas. Eine der Öffnungen war zu gleichmäßig, zu sauber, als hätte jemand sie erweitert und dann getarnt. Er beobachtete den Turm sechs Stunden lang. Nichts bewegte sich. Aber kurz vor Sonnenuntergang, als die Schatten lang wurden, sah er einen winzigen Lichtblitz, nur einen Bruchteil einer Sekunde, aber genug. Ein Fernglas.

Ein sowjetischer Scharfschütze beobachtete die deutsche Linie. Krieger lächelte dünn. Er hatte seinen ersten Jäger gefunden. In der Nacht zeichnete er eine Karte. Nicht auf Papier. Papier konnte verloren gehen. Stattdessen nutzte er den Boden seines Erdlochs, zeichnete mit einem Stock im gefrorenen Schlamm. Er markierte den Wasserturm.

Dann begann er andere potenzielle Positionen zu identifizieren, Orte, von denen aus ein sowjetischer Scharfschütze die deutsche Linie beobachten könnte. Ein zerstörtes Bauernhaus, m östlich, ein umgestürzter Lastwagen, 800 m nördlich, ein Bombenkrater mit erhöhtem Rand, 600 m westlich, jede Position bot Deckung, Sichtlinien und einen Fluchtweg.

Genau die Kriterien, nach denen Krieger selbst seine Stellungen auswählte. Er studierte die Karte im Schlamm, prägte sie sich ein, dann verwischte er sie. Am nächsten Morgen war er bereit. Krieger verließ die deutsche Linie nicht durch den üblichen Weg. Stattdessen kroch er durch einen seitlichen Kommunikationsgraben, der in ein verlassenes Artillerienest führte.

Von dort aus bewegte er sich in einem weiten Bogen nach Norden, weit weg von seinen gewohnten Routen. Es dauerte zwei Stunden, bis er seine neue Position erreichte. Ein flacher Graben, überwachsen mit verdorrtem Gestrüpp, etwa 500 m von der sowjetischen Linie entfernt. Die Position war nicht ideal für die Jagd auf Offiziere, aber das war nicht sein Ziel heute.

Heute jagte er Jäger. Er positionierte sich so, daß er den Wasserturm beobachten konnte, ohne direkt darauf zu blicken. Sein Fernglas lag in einem Winkel, der Reflexionen verhinderte. Seine Atmung war flach, seine Bewegungen waren minimal. Stunden vergingen. Um 11 Uhr bemerkte er Aktivität bei der sowjetischen Linie. Ein Trup Soldaten bewegte sich durch den Kommunikationsgraben.

Normale Routine, aber Krieger beobachtete genauer und dann sah er es. Ein einzelner Soldat, der sich vom Trup trennte. Er bewegte sich nicht wie die anderen. Er ging nicht direkt, sondern in einem leichten Bogen, nutzte jede Deckung. Ein Scharfschütze. Krieger beobachtete, wie der Mann eine Position bezog.

nicht im Wasserturm, sondern in dem umgestürzten Lastwagen. Der Soldat legte sich flach hin, ein Gewehr vor sich. Dann wurde er vollkommen still. Krieger wartete. Er wartete, weil er wusste. Sowjetische Scharfschützen arbeiteten oft in Teams. Einer schoss, der andere beobachtete. Wenn er jetzt den Mann im Lastwagen erschoss, würde der Beobachter im Wasserturm ihn sofort identifizieren.

Also tat Krieger nichts. Er beobachtete nur. Um 13 Uhr passierte es. Ein deutscher Soldat, wahrscheinlich ein unerfahrener Rekrut, stand zu weit aus der Deckung auf. Nur für einen Moment. Aber es reichte. Der Schuss kam vom Lastwagen. Der deutsche Soldat fiel. Krieger sah, wie der sowjetische Scharfschütze im Lastwagen sich leicht bewegte, um nachzuladen.

Und im selben Moment sah er einen Lichtblitz vom Wasserturm. Der Beobachter. Bestätigt. ein Zweimannteam. Jetzt mußte Krieger eine Entscheidung treffen. Er konnte einen der beiden Scharfschützen erschießen, aber sobald er schoss würde der andere wissen, wo er war. Und in einem Duell zwischen Scharfschützen überlebte meist derjenige, der zuerst unsichtbar blieb.

Krieger entschied sich für Geduld. Er zog sich zurück langsam, Zentimeter für Zentimeter. Er brauchte eine Stunde, um 50 Meter zurückzulegen. Dann erst erhob er sich und lief in gebeugter Haltung zur deutschen Linie zurück. “Sie habe Müller erwischt”, sagte Richter, als Krieger zurückkehrte.

Seine Stimme war hart. Kopfschuss, sauber, professionell. Ich weiß, ich habe es gesehen. Und zwei Scharfschützen, einer im umgestürzten Lastwagen Meter nördlich, einer im Wasserturm als Beobachter. Richter nickte langsam. Was planst du? Ich warte. Worauf? Darauf, dass sie einen Fehler machen. Die nächsten zwei Tage waren ein Geduldsspiel. Krieger ging nicht hinaus.

Er beobachtete nur aus der Hauptlinie, nutzte sein Fernglas, um die sowjetischen Positionen zu studieren. Er sah, wie die beiden Scharfschützen ihre Stellungen wechselten. Der Mann im Lastwagen blieb nicht länger als 4er Stunden an einem Ort. Der Beobachter im Wasserturm verließ seine Position nur nachts.

Sie waren vorsichtig, erfahren, diszipliniert. Aber Krieger bemerkte ein Detail. Der Scharfschütze im Lastwagen rauchte nicht oft, aber einmal pro Tag gegenzehn Uhr, wenn die Sonne tief stand, sah Krieger einen dünnen Rauchfaden. Das war der Fehler. Am dritten Tag bereitete Krieger seinen Plan vor. Er verließ die deutsche Linie vor Sonnenaufgang und bewegte sichweit nach Osten außerhalb des Sichtfelds beider sowjetischer Scharfschützen.

Dann kroch er in einem weiten Bogen nach Norden, bis er eine Position erreichte, die ihm einen Blickwinkel auf den Lastwagen gab, aber von einer Richtung, die der Sowjet nicht erwartete. Die Position war riskant. 750 m Entfernung. Kein perfekter Schutz. Aber sie hatte einen entscheidenden Vorteil. Die Sonne würde gegen 15 Uhr hinter Krieger stehen.

Jeder, der in seine Richtung blickte, würde geblendet. Er wartete 14 Uhr, 14:30 Uhr, 14:45 Uhr. Um 14:5 Uhr sah er Bewegung beim Lastwagen. Der sowjetische Scharfschütze verschob sich leicht. Dann, eine Minute später, der vertraute dünne Rauchfaden. Krieger hob sein billiges Fernglas. Er sah den Mann jetzt klarer. Er saß halb verdeckt hinter dem Lastwagen.

Die Zigarette in der linken Hand, das Gewehr in der rechten. Krieger legte sein Fernglas ab, griff zu seinem Karabiner. Er zielte nicht auf den Körper, zu viel Deckung. Stattdessen zielte er auf den Bereich neben dem Lastwagen, wo der Kopf des Mannes teilweise sichtbar war. 750, Wind minimal, Sonne im Rücken. Er atmete aus, hielt den Atem, drückte ab, der Schuss halte über die Steppe.

Im ersten Moment war Krieger nicht sicher, ob er getroffen hatte, aber dann sah er, wie der Rauchfaden aufhörte, wie eine Gestalt nach hinten kippte. Er wartete nicht auf Bestätigung. Er wusste, dass der Beobachter im Wasserturm jetzt nach ihm suchte. Also begann er sofort seinen Rückzug nicht direkt zurück, sondern erst nach Osten, dann in einem Bogen nach Süden.

Es dauerte drei Stunden, bis er die deutsche Linie erreichte. Als er ankam, zitterten seine Hände, nicht vor Angst, sondern vor angestauter Anspannung. Richter wartete auf ihn. Wir haben Aktivität bei den Sowjets gesehen, viel Bewegung beim Lastwagen. Hast du Einer von ihnen ist erledigt, sagte Krieger und der andere? Der andere weiß jetzt, dass ich existiere.

Richters Gesicht wurde ernst. Das bedeutet, er wird dich jagen. Ja. Krieger legte sein Fernglas ab, begann seine Waffe zu reinigen. Aber jetzt kenne ich sein Gesicht. Ich weiß, wie er sich bewegt. Ich weiß, wo er sich versteckt. Das reicht nicht immer. Krieger schaute auf, seine Augen waren müde, aber in ihnen lag etwas Hartes.

Dann muss ich besser sein. In jener Nacht schlief Krieger unruhig. Er träumte von Lichtblitzen, von Rauchfäden, von Augen, die ihn durch Ferngläser beobachteten. Er wusste, dass das Spiel sich verändert hatte. Er war nicht mehr nur der Jäger, er war auch die Beute. Der vißigste Tag brachte Schnee. Nicht viel, nur eine dünne Schicht, die die Steppe in ein gespenstisches Weiß verwandelte.

Krieger betrachtete den Schnee mit gemischten Gefühlen. Er bot Tarnung, aber er hinterließ auch Spuren. Jede Bewegung würde sichtbar sein. Er blieb in der deutschen Linie, beobachtete, wartete. Der sowjetische Beobachter aus dem Wasserturm hatte sich zurückgezogen. Seit drei Tagen hatte Krieger keine Aktivität mehr dort gesehen.

Das bedeutete entweder, dass der Mann sich neu positioniert hatte oder dass er auf Verstärkung wartete. Beides war gefährlich. Am fünften Tag nach dem Schneefall änderte sich die Situation. Ein deutscher Aufklärungstrupp meldete Bewegungen in einem zerstörten Dorf dreieinhalb Kilometer hinter der sowjetischen Linie. Offiziere, mehrere.

Vermutlich eine Lagebesprechung. Hauptfeldwebel Richter kam zu Krieger mit der Information. “Das ist deine Chance”, sagte Richter. “Wenn dort wirklich hochrangige Offiziere sind. Dreiehalb Kilometer, unterbrach Krieger. Das ist weit, zu weit. Für einen meistens normalen Schützen. Ja, aber du bist nicht normal. Krieger schwieg.

Er dachte nach. Dreieinhalb Kilometer bedeutete extreme Distanz, unmögliche Windbedingungen, minimale Trefferwahrscheinlichkeit. Aber wenn dort wirklich ein sowjetischer Oberst oder höher war? Ich brauche Aufklärung, sagte er schließlich. Genaue Positionen, Zeitfenster, die haben wir. Richter breitete grobe Skizze aus.

Das Dorf heißt Novaja Sloboda. Hier ist ein Keller, der als Kommandoposten genutzt wird. Die Offiziere versammeln sich jeden Tag gegen 10 Uhr. Sie bleiben etwa 2 Stunden. Krieger studierte die Skizze. Gibt es einen erhöhten Punkt mit Sicht auf das Dorf? Einen alten Kirchturm. 2 Kilometer entfernt vom Dorf, aber er liegt im Niemandsland. Gefährlich.

Alles ist gefährlich. Krieger verließ die Linie um 4 Uhr morgens. Er bewegte sich langsam durch den Schnee, achtete darauf, seine Spuren zu verwischen. Das Gewehr hing über seiner Schulter, das Fernglas war in seinem Mantel verstaut. Der Kirchturm war ein Skelett aus Stein und verbranntem Holz.

Die Glocke hing schief, halb aus ihrer Verankerung gerissen, aber die Turmplattform war noch stabil genug. Krieger kletterte hinauf, vorsichtig, jede Stufe testend. Oben angekommen, positionierte er sich hinter einem zerstörten Fensterrahmen. Er hob sein Fernglas. Das Dorf lag vor ihm wie eine Miniatur. Rauch stieg auseinigen Gebäuden auf.

Soldaten bewegten sich durch die Straßen und dort am Rand des Dorfes der Keller mit dem Kommandoposten. Krieger wartete. Um 9:45 Uhr begann die Aktivität. Mehrere Fahrzeuge erreichten das Dorf. Offiziere stiegen aus. Krieger zählte sechs. Einer von ihnen, ein großer Mann mit pel gefütter Uniformjacke, bewegte sich mit der Autorität eines hohen Ranges.

Sie verschwanden im Keller. Krieger senkte das Fernglas nicht. Er wartete. Geduld war seine Waffe. Um 11:30 Uhr verließen die Offiziere den Keller. Sie standen in einer Gruppe, diskutierten, zeigten auf Karten. Der große Mann in der Pelzjacke stand in der Mitte. Dreiehalb Kilometer. Krieger hatte auf solche Distanzen noch nie geschossen. Niemand tat das.

Der Wind allein konnte eine Kugel um Meter ablenken. Die Erdkrümmung spielte eine Rolle. Selbst die Luftfeuchtigkeit beeinflusste die Flugbahn. Aber Krieger hatte etwas, das andere nicht hatten. Erfahrung als Jäger. Er hatte in den Alpen auf Hirsche geschossen, über Täller hinweg durch Wind und Nebel. Er verstand instinktiv, was Mathematik nicht erfassen konnte.

Er legte an, korrigierte für Wind, korrigierte für Distanz, korrigierte für die leichte Neigung des Turms. Dann hielt er den Atem an und schoss. Die Kugel brauchte fast 4 Sekunden, um ihr Ziel zu erreichen. In dieser Zeit hätte der Offizier 100 Schritte machen können, aber er stand still, in ein Gespräch vertieft.

Der große Mann in der Pelzjacke brach zusammen. Krieger sah durch sein Fernglas, wie Panik ausbrach. Offiziere sprangen zur Seite. Soldaten rannten heran. Niemand wusste, woher der Schuss gekommen war. Er lut nach, zielte auf einen zweiten Offizier, der noch immer verwirrt da. Der zweite Schuss, der zweite Fall.

Dann begann Krieger seinen Abstieg. Er wusste, dass die Sowjets jetzt nach ihm suchten. Er hatte vielleicht 10ehn Minuten Vorsprung. Es reichte. Als er die deutsche Linie erreichte, erwartete ihn nicht nur Richter, sondern auch der Kompanchef Hauptmann “Foss.” “Zwei bestätigte Abschüsse”, sagte Foss. Seine Stimme klang ungläubig.

Auf dreieinhalb Kilometer mit einem Standardkarabiner. Krieger sagte nichts, er war erschöpft. Das macht, sagte Richter leise. Bestätigte Offiziersabschüsse in fünf Wochen. Foss betrachtete Krieger mit einer Mischung aus Respekt und Unbehagen. Die Sowjets werden dich jetzt mit allem jagen, was sie haben. Das tun sie bereits. Dann musst du aufhören.

Krieger schaute auf. Noch einer. Was? Noch ein Offizier. Dann habe ich 20. Richter schüttelte den Kopf. Krieger, das ist Wahnsinn. Du wirst dich selbst umbringen. Vielleicht. Krieger reinigte sein Fernglas, die vertraute Bewegung, aber 20 ist eine Zahl, die man sich merkt. In jener Nacht schrieb Krieger keinen Brief nach Hause.

Er saß in seinem Erdloch das billige Fernglas in den Händen und dachte nach. 19 Männer, neun Väter, Söhne, Ehemänner. Vielleicht alle durch sein Fernglas beobachtet, alle durch seine Kugel gefallen, noch einer. Dann würde die Zahl komplett sein. Dann könnte er vielleicht aufhören. Rastdel 5. Der Preis der Präzision. Der 39.

Tag begann mit Stille. Keine Artillerie, kein Gewehrfeuer, nur der Wind, der über die gefrorene Steppe strich wie ein kaltes Flüstern. Krieger wusste, dass diese Stille gefährlich war. Er lag in seinem Erdloch das Fernglas vor sich und beobachtete die sowjetische Linie. Seit dem Doppelabschuss vor drei Tagen hatte sich die Aktivität verändert.

Die Sowjets waren vorsichtiger geworden. Offiziere zeigten sich nicht mehr. Bewegungen waren minimal. Sie warteten genau wie er. Hauptfeldwebelrichter kam kurz nach Sonnenaufgang. Funkaufklärung hat etwas aufgefangen”, sagte er leise. “Die Sowjets haben eine spezielle Einheit angefordert. Jäger Scharfschützen aus Moskau.

Sie wollen dich eliminieren, bevor du 20 erreichst. Wann kommen sie?” “Vielleicht schon heute.” Krieger nickte langsam. Er hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde. 19 Offiziere in 5 Wochen. Das war mehr als nur eine Störung. Das war eine Bedrohung für die sowjetische Kommandostruktur. “Ich gehe heute nicht raus”, sagte er.

Richter sah überrascht aus. “Du gibst auf.” “Nein, ich bereite vor.” Krieger verbrachte den Tag damit, die sowjetischen Stellungen zu studieren, aber diesmal suchte er nicht nach Offizieren. Er suchte nach dem 20. Ziel, dem einen Schuss, der alles beenden würde. Durch sein Fernglas beobachtete er Muster, Truppenbewegungen, Versorgungslinien und dann gegen 14 Uhr sah er etwas ungewöhnliches, ein Fahrzeug, besser gepflegt als die anderen.

Es hielt weit hinter der sowjetischen Linie, fast einen Kilometer entfernt. Drei Männer stiegen aus. Einer von ihnen trug eine Uniform, die selbst aus dieser Distanz erkennbar anders war. Dunkler, besser geschnitten. Ein hochrangiger Offizier, vielleicht ein Oberst, vielleicht höher. Krieger beobachtete, wie der Mann in einen verstärkten Bunker ging.

Dann wartete er. Zwei Stunden später verließ derOffizier den Bunker. Er stand für einen Moment im Freien, sprach mit einem Adjutanten. Dann stieg er wieder ins Fahrzeug. Krieger notierte sich die Position, die Zeit, das Verhalten. Das war sein Ziel. Derigste in der Nacht bereitete Krieger seine Ausrüstung vor. Er reinigte jede Komponente seiner Waffe. Er überprüfte jede Patrone.

Er polierte die Linsen seines Fernglases, bis sie makellos waren. Dann schlief er tief und traumlos. Am Morgen des 40. Tages erwachte er vor Sonnenaufgang. Die Luft war klar. Der Wind minimal, perfekte Bedingungen. Er verließ die deutsche Linie ohne jemandem Bescheid zu sagen, bewegte sich durch das vertraute Niemandsland, nutzte jede Deckung, jede Senke im Gelände.

Seine Position war eine, die er bereits vor Tagen ausgewählt hatte. Ein flacher Graben mit Sicht auf den Bunker, 850 m entfernt, weit genug für Sicherheit, nah genug für Präzision. Er richtete sich ein, legte sein Fernglas in Position, wartete. Stunden vergingen. Die Sonne stieg höher. Krieger bewegte sich nicht. Seine Atmung war flach, sein Körper war eins mit dem Boden.

Um 13:45 Uhr kam das Fahrzeug. Krieger hob sein Fernglas. Der hochrangige Offizier stieg aus genau wie gestern. Er trug heute keine Pelzjacke, sondern eine reguläre Uniformjacke. An seiner Brust glänzten mehrere Orden. Der Mann stand still, sprach mit seinem Adjutanten. Krieger senkte das Fernglas, griff zu seiner Waffe, legte an.

850 m, wind leicht von links, keine anderen Komplikationen. Er zielte nicht auf den Körper, er zielte auf den Brustbereich, wo die Orden glänzten. Sein Finger lag am Abzug. Dann hielt er inne. Durch den Zielfernrohr sah er das Gesicht des Offiziers klarer. Ein älterer Mann, Mitte 50 vielleicht.

Tiefe Falten um die Augen, eine Narbe an der Wange, ein Mann wie er selbst, ein Soldat, der Befehle befolgte, der vielleicht eine Familie hatte, der nach Hause wollte. Kriegers Finger zitterte leicht. 20, dachte er, 19 ist genug, du mußt nicht. Aber dann dachte er an die neunzehn deutschen Soldaten, die gefallen waren, weil sowjetische Offiziere Angriffe befohlen hatten, an die Kameraden, die er verloren hatte, an den Krieg, der nicht enden würde, solange Männer wie dieser Befehle gaben. Er atmete aus und schoss.

Der sowjetische Offizier fiel. Krieger sah es durch den Zielfernrohr, sah, wie der Mann nach hinten kippte, wie der Adjutant schrie, wie Soldaten herbeilten. 20. Er begann sofort seinen Rückzug, aber diesmal fühlte sich etwas anders an. Keine Erleichterung, keine Zufriedenheit, nur Lehre. Als er die deutsche Linie erreichte, wartete die halbe Kompanie auf ihn.

Richter, Foss, sogar einige einfache Soldaten. Sagte Richter leise, du hast es geschafft. Krieger nickte nur. Er fühlte sich müde, unendlich müde. Fost trat vor. Oberschütze Krieger, ich empfehle dich für das eiserne Kreuz, was du geleistet hast. Nein, unterbrach Krieger. Was? Keine Auszeichnung, bitte. Foss starrte ihn an.

Warum nicht? Krieger zog sein billiges Fernglas hervor, betrachtete es in seinen Händen. Die Linsen waren zerkratzt, das Leder war abgenutzt, aber es hatte funktioniert. Die ganze Zeit über hatte es funktioniert, weil ich nicht geehrt werden will für das Töten, sagte er leise. Ich habe getan, was nötig war, aber es war kein Ruhm, es war nur notwendig.

Die Stille danach war schwer. In jener Nacht schrieb Krieger einen letzten Brief nach Hause. Meine Liebe, schrieb er, das Fernglas, das du mir geschickt hast, hat mir das Leben gerettet. Nicht weil es besser war als die militärische Ausrüstung, sondern weil es mich daran erinnert hat, wer ich bin.

Ein Jäger, kein Krieger, jemand, der wartet und beobachtet und nur dann handelt, wenn es unvermeidbar ist. Er pausierte, starrte auf das Papier. Ich habe 20 Männer getötet. Alle Offiziere, alle notwendig, sagen sie mir. Aber ich sehe ihre Gesichter, wenn ich schlafe. Ich sehe, wie sie fallen. Und ich frage mich, ob ihre Familien dasselbe Fernglas besaßen, dasselbe billige Jägerfernglas und ob ihre Frauen auch so hofften, dass es sie beschützen würde.

Er unterschrieb, versiegelte ihn. Draußen heulte der Wind. Krieger legte sich hin, das Fernglas neben sich. Morgen würde ein neuer Tag kommen, neue Befehle, vielleicht neue Ziele, aber für heute war es genug. Sterne waren gefallen, der Preis war bezahlt.