Es sind Szenen, die an die dunkelsten Stunden politischer Königsmorde erinnern, Szenen, die man in einer disziplinierten Partei wie der CDU für längst überwunden hielt. Doch was sich in diesen Tagen in Berlin abspielt, spottet jeder Beschreibung von geordneter Regierungsarbeit oder parteiinterner Solidarität. Der Machtkampf in der Christlich Demokratischen Union ist nicht nur ausgebrochen, er ist mit einer Wucht eskaliert, die selbst erfahrene Hauptstadtjournalisten sprachlos macht. Im Zentrum dieses Sturms steht Friedrich Merz, der Mann, der einst als Retter der Konservativen gefeiert wurde und nun eine Demütigung erlebt, die in die Geschichtsbücher eingehen dürfte. Es ist nicht nur ein Streit um Personalien oder einzelne Sachfragen; es ist eine existenzielle Zerreißprobe für die letzte verbliebene Volkspartei Deutschlands, die droht, an ihren inneren Widersprüchen und den Ambitionen ihrer Protagonisten zu zerbrechen. Die Autorität des Vorsitzenden liegt in Trümmern, und die Disziplin, die die Union jahrzehntelang stark gemacht hat, ist einem Hauen und Stechen gewichen, das die politische Handlungsfähigkeit des ganzen Landes gefährdet.

Der Auslöser für diese beispiellose Eskalation war ein Vorgang, der als offener Affront gegen die Führung von Friedrich Merz gewertet werden muss. Was als vertrauliche Strategierunde im Konrad-Adenauer-Haus geplant war, endete in einem Fiasko, als interne Papiere und vernichtende Kritikprotokolle noch während der laufenden Sitzung an die Öffentlichkeit durchgestochen wurden. In diesen Dokumenten wird Merz nicht nur eine verfehlte Kommunikationsstrategie vorgeworfen, sondern ihm wird faktisch die Eignung abgesprochen, die Partei und das Land durch die kommenden Krisenjahre zu führen. Dass führende Mitglieder des Bundesvorstands und einflussreiche Landesfürsten dem eigenen Vorsitzenden derart in den Rücken fallen, kommt einer politischen Kriegserklärung gleich. Merz, der stets auf Führungsstärke und klare Kante setzte, wirkt in diesen Tagen seltsam entrückt, isoliert und vor allem: machtlos. Die Bilder, die ihn mit versteinertem Gesicht beim Verlassen der Parteizentrale zeigen, sprechen eine deutliche Sprache. Hier geht nicht nur ein Arbeitstag zu Ende, hier bröckelt ein ganzes politisches Lebenswerk.

Besonders bitter für Merz ist die Rolle der Schwesterpartei CSU und ihres Vorsitzenden Markus Söder. Während man in der Öffentlichkeit noch den Schein der Geschlossenheit zu wahren versucht, feuert Söder aus München Breitseite um Breitseite gegen den Kurs in Berlin. Die Kritik aus Bayern ist nicht neu, doch ihre Schärfe und ihr Timing sind vernichtend. Söder nutzt die Schwäche von Merz gnadenlos aus, um sich selbst als den eigentlichen starken Mann der Union zu inszenieren. Er fordert Kurskorrekturen, die einer Kapitulation von Merz gleichkämen, und demütigt den Kanzler und Parteichef damit auf offener Bühne. Für Merz ist dies eine Zwickmühle, aus der es kaum ein Entrinnen gibt: Gibt er dem Druck nach, verliert er sein Gesicht und seine Glaubwürdigkeit als Führungspersönlichkeit. Bleibt er hart, riskiert er den endgültigen Bruch mit der CSU und damit das Ende der Fraktionsgemeinschaft – ein Szenario, das dem politischen Selbstmord der Union gleichkäme.

Doch der Widerstand gegen Merz formiert sich nicht nur im Süden. Auch die mächtigen Landesverbände im Norden und Westen, angeführt von populären Ministerpräsidenten wie Hendrik Wüst und Daniel Günther, gehen auf Distanz. Sie repräsentieren den moderneren, liberaleren Flügel der Partei, der sich von Merz’ eher traditionellem und oft polarisierendem Kurs zunehmend entfremdet fühlt. Für sie ist Merz zu einem Risiko geworden, zu einem Bremsklotz für notwendige Erneuerungsprozesse. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits offen über die Nachfolge diskutiert. Die Tatsache, dass solche Debatten geführt werden, während Merz noch im Amt ist, zeigt, wie tief der Respekt vor dem Vorsitzenden gesunken ist. Es ist eine schleichende Entmachtung, die nun in eine offene Rebellion umgeschlagen ist. Die “Mittelstands-Union”, einst Merz’ treueste Hausmacht, ist gespalten, und selbst dort wachsen die Zweifel, ob er noch der Richtige ist, um die wirtschaftlichen Interessen des Landes zu vertreten.

Die Stimmung an der Parteibasis ist katastrophal. Viele Mitglieder fühlen sich von den Grabenkämpfen an der Spitze abgestoßen und verraten. Sie sehen, wie sich die Partei mit sich selbst beschäftigt, während die Probleme im Land – von der maroden Infrastruktur bis zur Migrationskrise – ungelöst bleiben. Die Zerreißprobe der Volkspartei manifestiert sich in Austritten und sinkenden Umfragewerten. Wenn die CDU nicht mehr in der Lage ist, ihre internen Konflikte zu befrieden, wie soll sie dann den Anspruch erheben, das Land zu führen? Diese Frage stellen sich immer mehr Wähler, und die Antworten, die sie derzeit aus Berlin erhalten, sind alles andere als beruhigend. Die Union droht, ihren Status als Anker der Stabilität zu verlieren und zu einem weiteren Unsicherheitsfaktor in einer ohnehin schon volatilen politischen Landschaft zu werden.

Die Demütigung von Friedrich Merz hat auch eine menschliche Tragik. Er, der so lange auf diesen Moment hingearbeitet hat, der Rückschläge wegsteckte und sich zurückkämpfte, muss nun erleben, wie sein Traum vom erfolgreichen Kanzleramt zu einem Albtraum wird. Seine Gegner werfen ihm vor, beratungsresistent zu sein, sich in einer Echokammer von Ja-Sagern zu bewegen und den Kontakt zur Realität verloren zu haben. Ob diese Vorwürfe in ihrer Härte berechtigt sind oder ob sie Teil einer gezielten Kampagne sind, spielt politisch kaum noch eine Rolle. In der Politik zählt die Wahrnehmung, und die Wahrnehmung ist derzeit die eines Mannes, der die Zügel nicht mehr fest in der Hand hält. Jeder öffentliche Auftritt wird zur Zitterpartie, jedes Interview birgt die Gefahr neuer Missverständnisse, die von seinen Kritikern sofort begierig aufgegriffen werden.

Analysten warnen davor, dass dieser Machtkampf zu einer Lähmung der gesamten Bundesregierung führen könnte. Ein Kanzler, der im eigenen Haus um sein Überleben kämpft, hat keine Kraft für große Reformen. Er wird zum Getriebenen der Ereignisse. Die Opposition reibt sich bereits die Hände und sieht die Chance, die Regierung vor sich her zu treiben. Doch für die Demokratie ist diese Entwicklung brandgefährlich. Eine schwache Regierung in Zeiten globaler Krisen ist ein Sicherheitsrisiko. Wenn die CDU als staatstragende Partei implodiert, entsteht ein Vakuum, das von populistischen Kräften am linken und rechten Rand gefüllt werden könnte. Die Verantwortung, die auf den Schultern der Akteure lastet, ist immens, doch momentan scheinen persönliche Eitelkeiten und Machtkalküle schwerer zu wiegen als das Staatswohl.

Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Kann Friedrich Merz das Ruder noch einmal herumreißen? Kann er einen Befreiungsschlag landen, der seine Kritiker verstummen lässt? Die Chancen dafür stehen schlecht. Das Vertrauen ist zerrüttet, die Verletzungen sind tief. Es bräuchte ein politisches Wunder, um die Risse zu kitten, die dieser Machtkampf in das Fundament der Union geschlagen hat. Wahrscheinlicher ist ein Szenario, in dem der Druck weiter steigt, bis er unerträglich wird. Die Geschichte der CDU zeigt, dass die Partei grausam sein kann, wenn sie den Erfolg gefährdet sieht. Helmut Kohl und Angela Merkel mussten dies auf unterschiedliche Weise erfahren, und nun scheint es Friedrich Merz zu treffen – härter und schneller, als viele es erwartet hätten.

Wir erleben live, wie eine Volkspartei an ihre Grenzen gerät. Der Spagat zwischen den verschiedenen Flügeln, zwischen Tradition und Moderne, zwischen konservativem Kern und liberaler Öffnung scheint unter der Führung von Merz nicht mehr zu gelingen. Die Demütigung des Vorsitzenden ist das Symptom einer tieferen Identitätskrise der Christdemokratie. Wenn es nicht gelingt, diese Krise inhaltlich und personell zu lösen, droht der Union der Weg in die Bedeutungslosigkeit. Der Machtkampf ist noch nicht entschieden, aber er hat bereits jetzt nur Verlierer hervorgebracht: Friedrich Merz, die CDU und letztlich auch die politische Kultur in Deutschland. Es bleibt die bange Frage, was nach diesem Sturm noch stehen wird.