Es gibt Abende im deutschen Fernsehen, die plätschern dahin, gefüllt mit den üblichen Phrasen und einstudierten Sprechblasen, die wir alle zur Genüge kennen. Und dann gibt es Abende wie diesen. Abende, an denen die dünne Tünche der politischen Zivilisation abblättert und der nackte, ungeschönte Machtkampf zum Vorschein kommt, der in Berlin hinter verschlossenen Türen tobt. Was sich gestern Nacht im Studio von Markus Lanz abspielte, war weit mehr als eine hitzige Diskussion. Es war eine politische Selbstentlarvung von beängstigendem Ausmaß. Die Protagonisten: Jens Spahn, der rhetorische Scharfschütze der CDU, und Bärbel Bas, die eigentlich zur Überparteilichkeit verpflichtete Bundestagspräsidentin der SPD. Was als Austausch über die aktuelle Lage der Nation geplant war, endete in einem verbalen Trümmerfeld, das Zuschauer und Moderator gleichermaßen fassungslos zurückließ. Es war ein Moment, in dem die politische Kultur nicht nur Risse bekam, sondern lautstark zerbrach.

Die Stimmung im Studio war von Anfang an geladen, fast elektrisch. Man konnte spüren, dass Jens Spahn nicht gekommen war, um Nettigkeiten auszutauschen. Der ehemalige Gesundheitsminister, bekannt für seine Attacken gegen die Ampel-Regierung, wirkte wie ein Boxer, der schon beim Einlauf in den Ring Schaum vor dem Mund hat. Ihm gegenüber saß Bärbel Bas. Normalerweise ist sie die Hüterin der Ordnung im Parlament, die Frau, die mit strengem Blick und Glocke für Anstand sorgt. Doch an diesem Abend legte sie ihr Amt an der Garderobe ab und stieg in den Ring. Der Auslöser des Streits schien zunächst fast banal – es ging um die Haushaltskrise und die soziale Gerechtigkeit im Land. Doch wie so oft bei solchen Eklats war das Thema nur der Zünder für eine Bombe, die schon lange tickte. Spahn eröffnete das Feuer mit einer Breitseite gegen die vermeintliche Unfähigkeit der Sozialdemokratie, das Land in Krisenzeiten zu führen. Er warf der SPD vor, die Realität der Bürger komplett aus den Augen verloren zu haben und sich in ideologischen Traumschlössern zu verbarrikadieren.

Bis hierhin war es das übliche Geplänkel, das man von der Opposition erwartet. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Bärbel Bas, die sich sonst in öffentlicher Zurückhaltung übt, schlug mit einer Vehemenz zurück, die Jens Spahn sichtlich überraschte. Sie unterbrach ihn nicht nur, sie fiel ihm regelrecht ins Wort und warf ihm vor, ein Brandstifter zu sein, der die Gesellschaft spalte, nur um kurzfristige Umfragegewinne zu erzielen. Ihre Stimme zitterte dabei nicht vor Unsicherheit, sondern vor unterdrückter Wut. Sie konfrontierte Spahn mit der Erbschaft von sechzehn Jahren CDU-Regierung, mit dem Investitionsstau, der maroden Infrastruktur und der Abhängigkeit von russischem Gas, die, so Bas, erst den Nährboden für die jetzige Krise bereitet hätten. Es war der Moment, in dem die Diskussion kippte. Markus Lanz, der sonst so souverän die Fäden in der Hand hält, wurde zum Statisten in seiner eigenen Show. Seine Versuche, ordnend einzugreifen, gingen im Lärm der gegenseitigen Anschuldigungen unter.

Der eigentliche Eklat bestand jedoch nicht in der Lautstärke, sondern in der Art der Vorwürfe. Jens Spahn, in die Enge getrieben durch die aggressive Gegenwehr, verlor die Contenance. Er attackierte Bas nicht mehr nur politisch, sondern persönlich. Er stellte ihre Integrität als Bundestagspräsidentin in Frage, warf ihr vor, ihr Amt für Parteipolitik zu missbrauchen und Teil eines Systems zu sein, das Kritiker mundtot machen wolle. Das war der Punkt der Selbstentlarvung. In seinem Eifer, den Gegner zu vernichten, entblößte Spahn eine Seite an sich, die viele Wähler abschrecken dürfte: die des rücksichtslosen Machtpolitikers, dem jedes Mittel recht ist. Doch auch Bärbel Bas blieb die Antwort auf die Frage nach der eigenen Glaubwürdigkeit schuldig. Als Spahn sie konkret auf Fehler der aktuellen Regierung festnagelte, auf gebrochene Versprechen und handwerkliche Fehler in der Gesetzgebung, flüchtete sie sich in Angriffe, statt Antworten zu geben. Beide Politiker demontierten sich gegenseitig.

Es war ein Schauspiel, das tief blicken ließ. Auf der einen Seite ein Vertreter der Union, der vor lauter Angriffslust vergaß, eigene Lösungen zu präsentieren, und stattdessen auf Zerstörung setzte. Auf der anderen Seite eine Repräsentantin des Staates, die sich auf das Niveau einer Straßenschlacht herabließ und dabei ihre staatstragende Rolle vergaß. Die Zuschauer im Studio saßen wie versteinert auf ihren Stühlen. Das sonst übliche Klatschen oder Raunen blieb aus, ersetzt durch eine bedrückende Stille, die nur von den aggressiven Stimmen der beiden Kontrahenten durchschnitten wurde. Es war, als würde man Eltern beim Streiten zuhören und plötzlich erkennen, dass sie selbst keine Ahnung haben, wie es weitergehen soll. Die Hilflosigkeit der politischen Elite wurde in diesen Minuten greifbar. Es ging nicht um das Land, nicht um die Bürger, nicht um Lösungen für Inflation oder Migration. Es ging nur um das Ego zweier Menschen, die es nicht ertragen konnten, dem anderen auch nur einen Zentimeter Boden zu überlassen.

Markus Lanz versuchte mehrmals, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zurückzuführen, doch der Zug war abgefahren. Jedes neue Stichwort war wie Öl im Feuer. Als das Thema Bürgergeld und Leistungsgerechtigkeit angeschnitten wurde, eskalierte die Situation vollends. Spahn warf der SPD vor, Arbeit zu entwerten und Faulheit zu finanzieren. Bas konterte, die Union betreibe Sozialneid nach unten und schütze Vermögen oben. Die Argumente waren bekannt, aber die Hässlichkeit, mit der sie vorgetragen wurden, war neu. Sie fielen sich ins Wort, redeten gleichzeitig, zeigten mit den Fingern aufeinander. Es war ein Bild des Jammers für die politische Streitkultur in Deutschland. Man fragte sich unweigerlich: Wenn diese Leute schon in einer TV-Show nicht mehr miteinander reden können, wie sollen sie dann im Parlament gemeinsam Kompromisse für unser Land finden? Die Antwort, die dieser Abend gab, war ernüchternd: Gar nicht.

Besonders bitter war der Moment der sogenannten Selbstentlarvung für Bärbel Bas. In einem Moment der Erregung ließ sie einen Satz fallen, der tief in das Selbstverständnis der Ampel-Koalition blicken ließ. Sie deutete an, dass die ständige Kritik der Opposition die Arbeit der Regierung sabotiere und man ohne diese “Störfeuer” längst viel weiter wäre. Ein verräterischer Satz, der ein problematisches Demokratieverständnis offenbart. Demokratie lebt vom Streit, von der Opposition, vom Hinterfragen. Wenn eine Bundestagspräsidentin Kritik als Sabotage empfindet, ist das ein Alarmzeichen. Jens Spahn nutzte diese Vorlage sofort, schlachtete sie aus, überdrehte aber auch hier wieder maßlos, indem er von “diktatorischen Tendenzen” sprach. So schaukelten sich zwei Extreme hoch, bis jede Vernunft auf der Strecke blieb.

Was bleibt von diesem Abend? Es bleibt das ungute Gefühl, dass die politische Klasse in Deutschland den Kontakt zur Basis und den Respekt voreinander verloren hat. Der Eklat bei Lanz war kein Unfall, er war ein Symptom. Ein Symptom für eine nervöse, gereizte Republik, in der der politische Gegner nicht mehr als Wettbewerber, sondern als Feind betrachtet wird. Jens Spahn hat gezeigt, dass er bereit ist, verbrannte Erde zu hinterlassen, um zu punkten. Bärbel Bas hat gezeigt, dass auch unter der Robe der Würde ein dünnes Nervenkostüm steckt und die Nerven der Regierung blank liegen. Für den Zuschauer war es Unterhaltungswert mit bitterem Beigeschmack. Man sah zwei Menschen zu, die sich gegenseitig zerlegten, und merkte dabei gar nicht, wie sie dabei eigentlich das Vertrauen in die Institutionen zerlegten, die sie repräsentieren.

Am Ende der Sendung wirkte Markus Lanz erschöpft, fast resigniert. Er verabschiedete seine Gäste mit knappen Worten, wohl wissend, dass das, was gerade geschehen war, noch lange nachhallen würde. In den sozialen Netzwerken explodierten die Kommentare noch während der Sendung. Von “Schande” bis “Endlich sagt es mal einer” war alles dabei, was zeigt, wie gespalten auch das Publikum ist. Doch jenseits der Polemik sollte dieser Auftritt uns zu denken geben. Wenn Diskussionen nur noch dazu dienen, den anderen zu vernichten, wenn Zuhören als Schwäche gilt und Lautstärke Argumente ersetzt, dann steuert unsere politische Kultur auf einen Abgrund zu. Spahn und Bas haben uns gestern Abend unfreiwillig einen Blick in diesen Abgrund gewährt. Es war kein schöner Anblick. Es war Selbstentlarvung pur – nicht nur zweier Politiker, sondern eines ganzen politischen Stils, der in einer Sackgasse gelandet ist.