Wenn man verstehen will, warum Deutschland im Jahr 2025 noch immer über Themen streitet, die andere Nationen längst pragmatisch zu den Akten gelegt haben, dann musste man gestern Abend das ZDF einschalten. In der Arena von Markus Lanz, der sich mittlerweile mehr als Dompteur denn als Moderator verstehen muss, trafen drei Männer aufeinander, die repräsentativ für die drei großen Strömungen in diesem Land stehen: Der unerschütterliche Glaube an die Technologie, verkörpert durch den Investor Frank Thelen; die unbestechliche Strenge der Naturwissenschaft, vertreten durch den allseits beliebten Astrophysiker Harald Lesch; und die kühle Rationalität der Ökonomie, personifiziert durch DIW-Chef Marcel Fratscher. Das Thema war die Kernkraft, jener “Zombie” der deutschen Energiepolitik, der einfach nicht sterben will. Was als sachlicher Austausch über die Zukunft unserer Energieversorgung geplant war, entwickelte sich schnell zu einem Lehrstück über die deutsche Unfähigkeit, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es war ein Abend zum Verzweifeln, nicht weil die Argumente fehlten, sondern weil sie aus völlig unterschiedlichen Realitäten zu stammen schienen.

Frank Thelen, bekannt aus der „Höhle der Löwen“ und nie um eine steile These verlegen, eröffnete den Reigen mit dem ihm eigenen Duktus des Silicon-Valley-Optimismus. Für Thelen ist die Sache klar: Deutschland ist ein Land der Bedenkenträger, gefangen in “German Angst”, während der Rest der Welt die Zukunft baut. Seine Vision klingt verlockend. Er spricht von Kernfusion, von kleinen, modularen Reaktoren (SMRs), die sicher, sauber und effizient Energie liefern könnten. In Thelens Welt ist die Physik ein Problem, das man mit genug Start-up-Kapital und dem richtigen Mindset lösen kann. Er saß dort, chic im dunklen Hemd, und malte das Bild einer Nation, die sich selbst abschafft, weil sie sich weigert, auf den Zug der Innovation aufzuspringen. Für ihn ist der deutsche Atomausstieg ein historischer Fehler, korrigierbar nur durch eine radikale Kehrtwende hin zu neuer nuklearer Technologie. Man spürte förmlich seinen Drang, die Ärmel hochzukrempeln und “einfach mal zu machen”. Doch diese Start-up-Mentalität prallte an diesem Abend auf zwei Schwergewichte, die sich von bunten Powerpoint-Präsentationen nicht beeindrucken ließen.
Harald Lesch, der Mann, der den Deutschen seit Jahren das Universum erklärt, wirkte anfangs fast mitleidig, als er Thelen zuhörte. Seine Körpersprache war eindeutig: Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme, schüttelte sanft den Kopf, wie ein Lehrer, der einem übereifrigen Schüler zuhört, der die Hausaufgaben nicht ganz verstanden hat. Als Lesch dann das Wort ergriff, tat er das mit der Wucht der unverhandelbaren Fakten. Mit seiner typischen Mischung aus väterlicher Ruhe und wissenschaftlicher Schärfe zerlegte er die Träume von der schnellen nuklearen Rettung. Lesch erinnerte daran, dass Kernkraftwerke keine Apps sind, die man über Nacht programmiert. Er sprach von Bauzeiten, die Jahrzehnte verschlingen, von Sicherheitsanforderungen, die nicht durch “Mindset” außer Kraft gesetzt werden können, und vor allem vom ewigen Problem des Atommülls. “Die Physik verhandelt nicht”, ist einer seiner Leitsätze, und den bekam Thelen in voller Härte zu spüren. Wenn Lesch über Thermodynamik und die Komplexität der Kernspaltung spricht, dann schrumpfen die Visionen von den kleinen Reaktoren im Vorgarten ganz schnell auf das Maß von Science-Fiction zusammen. Besonders beim Thema Kernfusion, Thelens großem Hoffnungsträger, goss Lesch Eimer voller Wasser in den Wein. Seit fünfzig Jahren heißt es, die Fusion sei in fünfzig Jahren fertig. Daran habe sich wenig geändert.

Doch es war nicht nur die Physik, die Thelens Visionen in die Zange nahm. Von der anderen Flanke griff Marcel Fratscher an, und seine Waffe war der Taschenrechner. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung argumentierte nicht ideologisch, sondern rein finanziell. Er rechnete vor, dass Atomkraft schlichtweg die teuerste Form der Energiegewinnung ist, die wir kennen. Ohne massive staatliche Subventionen würde kein privatwirtschaftliches Unternehmen der Welt heute noch ein Atomkraftwerk bauen. Fratscher wies darauf hin, dass die Erneuerbaren Energien – Wind und Sonne – mittlerweile so unschlagbar günstig geworden sind, dass jede Investition in neue Nukleartechnik volkswirtschaftlicher Selbstmord wäre. Er entlarvte die Forderung nach “Technologieoffenheit” als eine Chiffre für die Verschwendung von Steuergeldern in Milliarde-Höhe für Technologien, die vielleicht nie marktreif werden. Während Thelen von Chancen sprach, sprach Fratscher von Opportunitätskosten: Jeder Euro, der in nukleare Forschung fließt, fehlt beim Ausbau der Netze und Speichertechnologien.
Die Dynamik der Sendung kippte, als die Diskussion emotional wurde. Thelen fühlte sich sichtlich in die Ecke gedrängt, missverstanden als Bote einer besseren Zukunft, der von “alten weißen Männern” ausgebremst wird – eine Ironie, da er selbst nicht mehr der Jüngste ist. Er warf Lesch und Fratscher vor, dogmatisch zu sein und Deutschland deindustrialisieren zu wollen. Es war der Moment, in dem die Debatte exemplarisch für den Riss wurde, der durch die Gesellschaft geht. Hier der Glaube, dass Technik alles lösen wird, dort die Mahnung, dass wir uns den Grenzen des Machbaren und Finanzierbaren beugen müssen. Markus Lanz versuchte zwar, die Wogen zu glätten, doch man merkte auch ihm an, dass er an die Grenzen seiner Moderationskunst stieß. Er stocherte immer wieder nach, fragte Thelen konkret, wo denn diese Wunderreaktoren stünden, und fragte Lesch, ob wir uns den Luxus des Ausstiegs wirklich leisten könnten, wenn rundherum in Europa neue Meiler geplant würden.
Besonders spannend war der Moment, als es um die sogenannten “Dunkelflauten” ging – jene Tage, an denen weder Wind weht noch Sonne scheint. Thelen sieht hier die Stunde der Kernkraft, als verlässliche Grundlast. Lesch hingegen erklärte geduldig, warum Atomkraftwerke denkbar schlecht geeignet sind, um flexibel auf die Schwankungen der Erneuerbaren zu reagieren. Ein Atomkraftwerk könne man nicht einfach mal schnell an- und abschalten wie einen Lichtschalter. Das technische System dahinter sei zu träge, zu gefährlich für solche Manöver. Fratscher sprang ihm bei und verwies auf Speichertechnologien und Wasserstoff als die ökonomisch sinnvollere Lösung. Thelen schüttelte nur den Kopf, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Unglauben und Resignation. Für ihn sind Gas und Wasserstoff Übergangslösungen von gestern, er will den “Quantensprung”.

Was diesen Abend so “zum Verzweifeln” machte, war die absolute Unvereinbarkeit der Positionen. Es gab keinen Moment der Annäherung, kein “Da haben Sie einen Punkt”. Es war ein reines Senden, kein Empfangen. Für den Zuschauer zu Hause auf dem Sofa war das gleichermaßen unterhaltsam wie frustrierend. Man sah drei intelligenten Menschen dabei zu, wie sie aneinander vorbeiredeten. Thelen argumentierte auf der Ebene der Möglichkeit (“Was wäre, wenn es funktioniert?”), Lesch auf der Ebene der Materialität (“Was geht physikalisch?”) und Fratscher auf der Ebene der Rentabilität (“Was lohnt sich?”). Alle drei haben in ihren eigenen Logiksystemen recht, und genau das ist das Dilemma der deutschen Debatte. Wir finden keine gemeinsame Sprache mehr, um diese komplexen Probleme zu lösen.
Der Tiefpunkt – oder Höhepunkt, je nach Sichtweise – war erreicht, als Thelen versuchte, das Thema Endlagerung wegzuwischen. Neue Technologien, so seine These, könnten den Müll in Zukunft “verbrennen” oder unschädlich machen. Hier platzte Harald Lesch fast der Kragen. Mit einer Vehemenz, die man selten bei ihm sieht, geißelte er dieses Denken als unverantwortlich. Man könne nicht Gifte produzieren, die eine Million Jahre strahlen, in der vagen Hoffnung, dass unseren Urenkeln schon irgendetwas einfallen werde. Das sei ethisch bankrott. Die Stille im Studio nach diesem Ausbruch war greifbar. Selbst Thelen wirkte für einen Moment kleinlaut, bevor er sich wieder in seine Pose des missverstandenen Pioniers flüchtete.

Am Ende der Sendung blieb Ratlosigkeit. Markus Lanz beendete die Runde mit einem nachdenklichen Blick, der wohl vielen Zuschauern aus der Seele sprach. Wir wissen nun, dass Frank Thelen an das Unmögliche glaubt, Harald Lesch das Unmögliche ausschließt und Marcel Fratscher das Unmögliche für zu teuer hält. Geholfen ist damit niemandem. Die Energiepreise bleiben hoch, die Unsicherheit in der Industrie wächst, und die politische Klasse scheint gelähmt zwischen diesen Fronten. Der Abend bei Lanz hat nicht gezeigt, wie die Lösung aussieht, sondern warum sie so verdammt schwer zu finden ist. Es ist ein Kampf von Glaube gegen Wissen, von Hoffnung gegen Erfahrung. Und solange Deutschland diesen Kampf führt, statt pragmatisch zu handeln, wird die Verzweiflung, die über dieser Sendung lag, wohl ein ständiger Begleiter unserer politischen Kultur bleiben. Es war Fernsehen, das weh tat – weil es so wahr war.
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