In den Fluren des Berliner Reichstagsgebäudes herrscht eine Atmosphäre, die man nur als toxisch bezeichnen kann. Es ist nicht die übliche geschäftige Hektik des parlamentarischen Alltags, sondern eine bleierne Schwere, die über allem liegt. Friedrich Merz, der Mann, der antrat, um Deutschland wieder auf Kurs zu bringen, steht mit dem Rücken zur Wand. Die Situation ist so paradox wie gefährlich: Auf dem Papier, rein rechnerisch, gäbe es im Deutschen Bundestag eine klare bürgerliche Mehrheit. Eine Mehrheit, die viele der Probleme, die den Bürgern unter den Nägeln brennen – von der Migrationskrise bis zur wirtschaftlichen Stagnation – mit einer konservativen Handschrift lösen könnte. Doch diese Mehrheit ist ein Phantom. Sie existiert in den Zahlen, aber sie darf in der Realität nicht stattfinden. Der Grund dafür ist eine selbstauferlegte Fessel, die unter dem Begriff “Brandmauer” inzwischen fast religiöse Züge angenommen hat. Friedrich Merz blockiert die AfD. Koste es, was es wolle. Und der Preis, den das Land dafür zahlt, wird mit jedem Tag höher, an dem politische Entscheidungen vertagt, Kompromisse verwässert und der Wählerwille ignoriert wird.

Die Strategie von Merz war von Anfang an riskant. Er hatte geglaubt, durch einen harten Kurs und rhetorische Schärfe die Wähler vom rechten Rand zurückzuholen. Doch die Realität hat diesen Plan brutal zerschlagen. Die AfD ist nicht verschwunden, sie wurde nicht halbiert, wie einst vollmundig angekündigt. Sie ist da, sie ist stark, und sie ist der Elefant im Raum, an dem niemand vorbeikommt, ohne sich zu verrenken. Indem Merz nun kategorisch jede Form der Zusammenarbeit ausschließt, manövriert er sich und seine Partei in eine Sackgasse. Denn um zu regieren, um überhaupt Mehrheiten zu organisieren, bleibt ihm nur der Weg nach links. Er ist gezwungen, Bündnisse einzugehen oder zumindest Gespräche zu führen mit Parteien, deren politische Agenda diametral dem entgegensteht, was die CDU-Basis und ihre Wähler eigentlich wollen. Das Gespenst der “GroKo”, der Großen Koalition, oder noch instabilerer Bündnisse, schwebt wie ein Damoklesschwert über Berlin. Es droht ein Chaos, in dem Prinzipien gegen Machterhalt getauscht werden und am Ende ein politischer Brei entsteht, der niemanden zufriedenstellt.

Für den Wähler ist dieses Schauspiel kaum noch nachvollziehbar. Millionen Menschen haben ihr Kreuz bei Parteien gemacht, die eine Wende in der Politik versprochen haben. Wenn man die Stimmen von Union und AfD zusammenzählt, ergibt sich in vielen Bereichen ein klares Bild davon, was die Mehrheit der Deutschen will: Eine restriktivere Migrationspolitik, eine Stärkung der inneren Sicherheit, eine Wirtschaftspolitik, die auf Wachstum statt auf ideologische Klimavorgaben setzt. Dass diese Mehrheit im Parlament faktisch neutralisiert wird, weil der Kanzler sich weigert, mit der zweitstärksten Kraft auch nur punktuell zu stimmen, empfinden viele als demokratische Farce. Es stellt sich die grundlegende Frage: Wie viel ist eine Wählerstimme wert, wenn ihr politisches Gewicht durch Parteitaktik nullifiziert wird? Die Blockadehaltung führt dazu, dass die Oppositionspartei AfD in eine Opferrolle gedrängt wird, die sie dankbar annimmt und politisch ausschlachtet, während die Union als wortbrüchig dasteht, weil sie bürgerliche Politik verspricht, aber linke Politik umsetzen muss, um die “Brandmauer” zu halten.

Das Szenario, das sich nun abzeichnet, ist düster. Wenn Merz bei seiner totalen Blockade bleibt, ist eine stabile Regierungsbildung ohne die SPD oder die Grünen faktisch unmöglich. Das bedeutet, dass Deutschland weiterhin von Kompromissen regiert wird, die das Land lähmen. Es droht das “GroKo-Chaos”: Ein ständiges Hauen und Stechen, fauler Formelkompromisse und ein “Weiter so”, das genau jene Unzufriedenheit weiter nährt, die die Ränder überhaupt erst stark gemacht hat. Die Alternative dazu wären Neuwahlen. Doch auch hier ist die Angst groß. Denn wer garantiert, dass das Ergebnis nach einer Neuwahl anders aussieht? Die Umfragen deuten darauf hin, dass sich die Lager nur noch weiter verhärten könnten. Ein erneuter Urnengang könnte das politische System endgültig an seine Belastungsgrenze bringen und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Demokratie irreparabel beschädigen. Es ist ein Teufelskreis: Man will die AfD verhindern und stärkt sie durch die offensichtliche Hilflosigkeit der etablierten Parteien nur noch mehr.

Innerhalb der CDU brodelt es längst. Hinter vorgehaltener Hand – und zunehmend auch offener – fragen sich Abgeordnete und Parteimitglieder, wie lange man diese Strategie noch durchhalten kann. Besonders in den ostdeutschen Landesverbänden, wo die AfD Volksparteistatus hat, wirkt die Order aus dem Konrad-Adenauer-Haus in Berlin wie Realitätsverweigerung. Dort weiß man: Wer die Probleme vor Ort lösen will, kommt an den Realitäten nicht vorbei. Merz riskiert mit seiner harten Linie nicht nur den Verlust der Kanzlerschaft oder eine unregierbare Legislaturperiode, er riskiert die Spaltung seiner eigenen Partei. Die konservative Basis fühlt sich entfremdet, während der linke Flügel der Partei die Brandmauer um jeden Preis verteidigen will. Friedrich Merz, der sich gerne als führungsstark inszeniert, wirkt in diesem Konflikt getrieben. Er ist Gefangener seines eigenen Wortes und der medialen Erwartungshaltung, die ihm jeden Schritt auf die AfD zu als Sündenfall auslegen würde.

Doch die politische Realität ist kein moralisches Wunschkonzert. Demokratie lebt von Mehrheiten. Wenn eine bürgerliche Mehrheit dauerhaft ignoriert wird, um eine moralische Überlegenheit zu demonstrieren, die an der Lebenswirklichkeit der Bürger vorbeigeht, dann erodiert das Fundament des Staates. Die Bürger sehen, dass in anderen europäischen Ländern der Umgang mit Rechtsparteien pragmatischer gehandhabt wird, ohne dass dort die Demokratie untergeht. Der deutsche Sonderweg der totalen Ausgrenzung führt hingegen in die politische Handlungsunfähigkeit. Merz steht vor der Entscheidung seines Lebens: Hält er an der Blockade fest und akzeptiert den politischen Stillstand oder gar den Niedergang der Union als letzte große Volkspartei? Oder wagt er den Tabubruch, um bürgerliche Politik durchzusetzen, und riskiert damit den Aufschrei des politischen und medialen Establishments?

Die Gefahr des “GroKo-Chaos” ist dabei nicht nur eine innenpolitische Frage. In einer Zeit globaler Krisen, von Kriegen in der Ukraine und Nahost bis hin zu wirtschaftlichen Verwerfungen durch den Aufstieg Chinas, braucht Deutschland eine handlungsfähige Regierung. Eine Regierung, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, die in Dauerstreitigkeiten gefangen ist, weil die Koalitionspartner nicht zusammenpassen, ist ein Sicherheitsrisiko. Merz weiß das. Er ist ein Analytiker, ein Mann der Wirtschaft. Er sieht die Zahlen, er sieht den Abgrund. Und doch scheint er wie gelähmt. Die Blockade der AfD ist für ihn zur Raison d’être geworden, zum ultimativen Beweis seiner demokratischen Standfestigkeit. Aber was nützt diese Standfestigkeit, wenn das Land dabei vor die Hunde geht? Die Wut der Bürger wächst. Sie fühlen sich bevormundet. Das Gefühl, dass “die da oben” machen, was sie wollen, egal wie gewählt wurde, war selten so stark wie heute.

Sollte es tatsächlich zu Neuwahlen kommen, wäre dies eine Bankrotterklärung der aktuellen politischen Klasse. Es wäre das Eingeständnis, dass man unfähig ist, mit dem Ergebnis, das der Souverän – das Volk – geliefert hat, umzugehen. Es wäre ein Offenbarungseid. Und in diesem Szenario könnte der Schuss für Merz gewaltig nach hinten losgehen. Die Wähler könnten die Nase voll haben von den taktischen Spielchen und der Ausgrenzungslogik und erst recht jene wählen, die ausgegrenzt werden. Der “Märtyrer-Effekt” für die AfD wäre gewaltig. Merz spielt also Poker mit dem höchsten Einsatz: der Stabilität der Bundesrepublik Deutschland. Die Mehrheit wird ignoriert, das ist der Vorwurf, der im Raum steht und der nicht mehr wegzudiskutieren ist. Es ist ein Vorwurf, der das Potenzial hat, das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie nachhaltig zu zerstören.

Wir erleben gerade live, wie sich ein politisches System selbst blockiert, weil es die Realität nicht akzeptieren will. Die Brandmauer mag als Schutzwall gedacht gewesen sein, doch mittlerweile wirkt sie wie eine Gefängnismauer, die die etablierten Parteien einsperrt und ihnen jeden Bewegungsspielraum nimmt. Friedrich Merz hält den Schlüssel in der Hand, doch er weigert sich, ihn zu benutzen. Stattdessen starrt er auf das Schloss und hofft auf ein Wunder, das nicht eintreten wird. Die kommenden Wochen und Monate werden entscheidend sein. Wird der Druck der Basis zu groß? Wird die wirtschaftliche Lage die Politik zum Umdenken zwingen? Oder fahren wir sehenden Auges gegen die Wand, nur um sagen zu können, wir hätten uns bis zum Schluss an die Prinzipien gehalten? Das “GroKo-Chaos” oder unkalkulierbare Neuwahlen sind keine Schreckgespenster mehr, sie sind die logische Konsequenz einer Politik der Verweigerung. Deutschland steht am Scheideweg, und der Mann, der führen sollte, steht als Blockierer im Weg. Die Geschichte wird hart über diese Phase urteilen, in der Ideologie über Pragmatismus siegte und die Mehrheit der Bürger zum Zuschauer im eigenen Land degradiert wurde.