Es war der Moment, der die geopolitische Landkarte Europas über Nacht veränderte und die Energieversorgung eines ganzen Kontinents in Frage stellte. Am 26. September 2022 registrierten Seismologen in Skandinavien Erschütterungen am Grund der Ostsee, die nicht natürlichen Ursprungs sein konnten. Kurz darauf brodelte das Meer. Riesige Gasblasen stiegen an die Oberfläche nahe der dänischen Insel Bornholm. Die Pipelines Nord Stream 1 und 2, jene stählernen Adern, die über Jahre hinweg billiges russisches Gas nach Deutschland gepumpt und den wirtschaftlichen Motor der Bundesrepublik am Laufen gehalten hatten, waren zerstört. Was folgte, war ein Informationskrieg, wie ihn die Welt selten gesehen hat. Schuldzuweisungen flogen hin und her. War es Putin selbst, der den Gashahn endgültig zudrehen wollte, um den Westen zu erpressen? Waren es die USA, die schon immer gegen das Projekt waren, wie es der legendäre, aber umstrittene Reporter Seymour Hersh behauptete? Oder war es eine Operation unter falscher Flagge? Die Öffentlichkeit tappte lange im Dunkeln, gefüttert mit Halbwahrheiten und Spekulationen. Doch nun, Monate nach dem Anschlag, lichtet sich der Nebel, und was zum Vorschein kommt, ist ein Szenario, das für die deutsche Bundesregierung und ihre westlichen Verbündeten brisanter kaum sein könnte. Die Spuren führen nicht in den Kreml und auch nicht ins Weiße Haus, sondern in die Ukraine.
Die Ermittlungen, die zunächst schleppend anliefen und von absoluter Geheimhaltung geprägt waren, haben sich auf ein ganz bestimmtes Objekt konzentriert: eine 15 Meter lange Segelyacht namens „Andromeda“. Dieses unscheinbare Boot, ein Modell vom Typ Bavaria Cruiser 50, scheint der Schlüssel zu einem der spektakulärsten Sabotageakte der Geschichte zu sein. Es klingt wie der Plot eines Hollywood-Films, doch die Indizien, die das Bundeskriminalamt (BKA) und der Generalbundesanwalt zusammengetragen haben, sind erdrückend detailliert. Die Geschichte beginnt in Rostock-Warnemünde. Dort soll die Yacht Anfang September 2022 angemietet worden sein. Die Mieter: eine Gruppe von Personen, die gefälschte Pässe benutzten. Zeugen beschreiben sie als professionell, ruhig und unauffällig. Doch an Bord der Andromeda befand sich keine normale Urlaubsausrüstung. Spürhunde der Polizei schlugen später auf dem Boot an und fanden Rückstände von Sprengstoff. Es handelte sich dabei um Oktogen, einen militärischen Sprengstoff, der auch unter Wasser extrem leistungsfähig ist. Dies war der erste handfeste Beweis, der die Theorie eines staatlichen Akteurs oder zumindest einer hochprofessionellen Gruppe untermauerte. Hobbytaucher oder wütende Aktivisten hätten weder Zugang zu solchem Material noch das Know-how gehabt, es in 80 Metern Tiefe so präzise an den Pipelines anzubringen.
Die Route der Andromeda ließ sich rekonstruieren. Von Rostock aus segelte das Boot nach Wiek auf Rügen und später zur kleinen dänischen Insel Christiansø, die nordöstlich von Bornholm liegt – also in unmittelbarer Nähe der Tatorte. Die Ermittler gehen davon aus, dass ein sechsköpfiges Team an der Operation beteiligt war: ein Kapitän, zwei Taucher, zwei Tauchassistenten und eine Ärztin. Dass eine Ärztin an Bord war, deutet auf die hohen Risiken des Tauchgangs hin. In diesen Tiefen ist jeder Fehler tödlich, und die Dekompression muss streng überwacht werden. Die Vorstellung, dass eine kleine Gruppe auf einer Charteryacht einen solchen Anschlag verüben konnte, wirkte zunächst unglaubwürdig. Viele Experten bezweifelten, dass die Menge an benötigtem Sprengstoff – geschätzt auf mehrere hundert Kilogramm – auf einem so kleinen Boot transportiert und ohne Kran ins Wasser gelassen werden konnte. Doch Simulationen und praktische Tests haben gezeigt: Es ist möglich. Erfahrene technische Taucher können mit entsprechender Ausrüstung, wie sie auf der Andromeda vermutlich vorhanden war, solche Lasten bewegen und platzieren. Die Theorie, dass ein großes Militärschiff oder ein U-Boot nötig gewesen wäre, gilt mittlerweile als überholt.

Doch wer waren diese Männer und die Frau an Bord? Hier wird es politisch extrem heikel. Die Ermittler stießen auf Spuren, die direkt in ukrainische Kreise führen. Einer der Tatverdächtigen soll ein ukrainischer Staatsbürger sein, der Verbindungen zum Militär hat. Fotos von Überwachungskameras, Passdaten und digitale Spuren verfestigen dieses Bild. Es verdichten sich die Hinweise, dass es sich um eine proukrainische Gruppierung handelte. Ob diese Gruppe auf direkten Befehl der Regierung in Kiew handelte, oder ob es sich um eine eigenmächtige Aktion von Patrioten oder abtrünnigen Militärs handelte, ist die wohl wichtigste offene Frage. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat jede Beteiligung seines Landes strikt dementiert. „Wir haben das nicht getan“, sagte er mehrfach. Dennoch berichten internationale Medien unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, dass es Pläne für einen solchen Anschlag gegeben habe und westliche Dienste, darunter die CIA, davon wussten und sogar versuchten, Kiew davon abzubringen. Dass der Anschlag dennoch stattfand, wirft ein grelles Licht auf die Dynamik innerhalb des westlichen Bündnisses.
Für Deutschland ist diese Entwicklung ein diplomatischer Albtraum. Sollte sich zweifelsfrei herausstellen, dass ukrainische Stellen in die Zerstörung der kritischen Infrastruktur eines NATO-Partners verwickelt waren, hätte das massive Konsequenzen. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland. Waffenlieferungen, finanzielle Hilfen, die Aufnahme von Flüchtlingen – die Solidarität ist groß. Doch ein Angriff auf die Energieversorgung, der die deutsche Wirtschaft massiv geschädigt und die Inflation in die Höhe getrieben hat, wäre, nüchtern betrachtet, ein feindlicher Akt. Bundeskanzler Olaf Scholz und seine Regierung schweigen sich zu den Details der Ermittlungen weitgehend aus. Man verweist auf das laufende Verfahren beim Generalbundesanwalt. Dieses Schweigen ist beredt. Es zeugt von der Angst vor den politischen Folgen der Wahrheit. Wenn bestätigt wird, dass „Freunde“ die Pipeline gesprengt haben, wie erklärt man der deutschen Bevölkerung dann weitere Milliardenhilfen? Wie reagiert man diplomatisch, ohne die Unterstützung für die Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression komplett zu untergraben? Es ist eine Zwickmühle, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt.
Ein weiterer Aspekt, der die Ermittlungen erschwert, ist die Rolle Polens. Die Andromeda soll auf ihrer Rückreise in einem polnischen Hafen Halt gemacht haben. Es gibt Berichte, wonach die polnischen Behörden nicht im gewünschten Maße mit den deutschen Ermittlern kooperierten, Videomaterial verschwand oder Hinweise nicht weiterverfolgt wurden. Polen hat Nord Stream stets als Sicherheitsrisiko betrachtet und die Projekte scharf kritisiert. Eine klammheimliche Freude über das Ende der Pipelines war in Warschau kaum zu verbergen. Ob es aber eine aktive Unterstützung der Saboteure gab, bleibt Spekulation, belastet aber das deutsch-polnische Verhältnis zusätzlich. Währenddessen versucht Russland, die Situation für sich zu nutzen. Moskau fordert internationale Untersuchungen unter Beteiligung der UN und wirft dem Westen vor, die wahren Täter zu decken. Für den Kreml ist die „ukrainische Spur“ zwar einerseits nützlich, um die Ukraine als Terrorstaat darzustellen, andererseits widerspricht sie dem russischen Narrativ, dass die allmächtigen USA hinter allem stecken.
Die technische Raffinesse des Anschlags darf bei aller politischen Diskussion nicht unterschätzt werden. Die Täter mussten genau wissen, wo die Röhren liegen, wie sie beschaffen sind und wie man die Sprengladungen so platziert, dass der Stahlmantel und der Betonmantel durchbrochen werden. Sie mussten Strömungen berechnen, das Wetter abpassen und absolut geräuschlos arbeiten, um nicht von den zahlreichen Sensoren und militärischen Überwachungsanlagen in der Ostsee entdeckt zu werden. Dass dies von einer Segelyacht aus gelang, zeugt von einer fast unheimlichen Präzision und Kaltblütigkeit. Es war kein Akt blinder Zerstörungswut, sondern eine chirurgische Operation am offenen Herzen der europäischen Energieversorgung. Die Detonationen waren so stark, dass sie wie kleine Erdbeben wirkten. Hunderte Meter Rohrleitung wurden einfach weggerissen oder zerfetzt. Das ausströmende Methan verursachte nicht nur einen gewaltigen Umweltschaden, sondern symbolisierte auch das endgültige Ende einer Ära – der Ära der deutsch-russischen Energiepartnerschaft.
Was bleibt, ist eine tiefe Verunsicherung. Die Infrastruktur am Meeresboden – Pipelines, Datenkabel, Stromleitungen – hat sich als extrem verletzlich erwiesen. Es ist fast unmöglich, tausende Kilometer Kabel und Röhren lückenlos zu überwachen. Der Anschlag auf Nord Stream hat gezeigt, dass entschlossene Akteure mit vergleichsweise geringen Mitteln immensen Schaden anrichten können. Die NATO und die EU haben darauf reagiert und die Patrouillen verstärkt, doch eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Die Geschichte der Andromeda und ihrer mysteriösen Crew ist noch nicht zu Ende erzählt. Es gibt noch immer Puzzleteile, die fehlen. Wer hat die Yacht bezahlt? Wer hat die gefälschten Pässe besorgt? Woher stammte der Sprengstoff genau? Und vor allem: Wer hat den ultimativen Befehl gegeben? Die Ermittler graben weiter, und Stück für Stück setzt sich das Bild zusammen. Es ist ein Bild, das vielen nicht gefallen wird, weil es einfache Freund-Feind-Schemata durchbricht. Die Wahrheit über Nord Stream ist schmutzig, komplex und gefährlich. Sie zeigt, dass im Schatten moderner Kriege Operationen laufen, die wir uns in unserer geordneten Welt kaum vorstellen können. Und sie mahnt uns, dass im Kampf um geopolitische Interessen oft auch die Interessen von Verbündeten kollateralen Schaden erleiden können. Europa ist fassungslos, nicht nur wegen der Tat selbst, sondern wegen der Erkenntnis, wie zerbrechlich Sicherheit und Vertrauen in diesen Zeiten geworden sind.
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