Als Premierminister Lee Hsien Loong die Bühne des 45. St. Gallen Symposiums betrat, war die Erwartungshaltung im Saal fast greifbar. Es war das Jahr 2015, ein Jahr des Stolzes für Singapur, das sein 50-jähriges Bestehen als unabhängige Nation feierte. Doch statt sich in Selbstgefälligkeit zu sonnen, lieferte Lee ein investigatives und tiefgründiges Interview ab, das die fundamentalen Fragen von Staatsführung, Identität und dem unaufhörlichen Kampf um Relevanz in einer sich rasant verändernden Welt thematisierte.

Die Geschichte Singapurs wird oft als ein “Wirtschaftswunder” bezeichnet, doch Lee räumte in seinen Ausführungen sofort mit der Vorstellung auf, dass dieser Erfolg ein Selbstläufer war oder gar garantiert sei. Er beschrieb Singapur als eine “unwahrscheinliche Nation” – ein kleiner roter Punkt auf der Landkarte, der ohne natürliche Ressourcen und ohne ein Hinterland in die Unabhängigkeit geworfen wurde. Das Überleben Singapurs über fünf Jahrzehnte hinweg sei das Ergebnis einer außergewöhnlichen Disziplin und eines tiefen Verständnisses für die eigene Verwundbarkeit gewesen.

In dem Gespräch wurde deutlich, dass die Identität Singapurs untrennbar mit seiner Effizienz und seinem Pragmatismus verbunden ist. Lee erklärte, dass Singapur stets “außergewöhnlich” sein müsse, um überhaupt existieren zu dürfen. Ein durchschnittliches Singapur würde in der Region untergehen. Diese fast schon existenzielle Angst ist der Motor für die ständigen Innovationen und die strikte Regierungsführung, die das Land charakterisieren. Es geht nicht nur um Wirtschaftswachstum, sondern um die Schaffung eines sozialen Gefüges, das in einer multiethnischen Gesellschaft stabil bleibt.

Ein zentraler Punkt des Interviews war die Frage nach der Demokratie und der politischen Partizipation. Lee wurde mit der Kritik konfrontiert, dass Singapurs Modell zwar wirtschaftlich erfolgreich, aber politisch restriktiv sei. Seine Antwort war so präzise wie entwaffnend: Er betonte, dass jedes Land ein System finden müsse, das zu seiner Geschichte und seinen Bedürfnissen passt. In Singapur gehe es darum, eine Regierung zu haben, die langfristig denkt und nicht nur von Wahlzyklus zu Wahlzyklus agiert. Die Legitimität der Regierung speise sich aus den Ergebnissen, die sie für ihre Bürger liefert.

Lee Hsien Loong sprach auch über die Herausforderungen der Globalisierung. Als eine der offensten Volkswirtschaften der Welt ist Singapur wie kaum ein anderes Land von den globalen Handelsströmen abhängig. Er warnte davor, dass der wachsende Protektionismus in vielen westlichen Ländern eine Gefahr für den weltweiten Wohlstand darstelle. Singapur müsse sich ständig neu erfinden, um in der Wertschöpfungskette oben zu bleiben. Bildung und lebenslanges Lernen seien dabei keine bloßen Schlagworte, sondern Überlebensstrategien.

Besonders emotional wurde es, als Lee über das Erbe seines Vaters, Lee Kuan Yew, sprach, der kurz zuvor verstorben war. Er beschrieb die Last und die Ehre, die Grundsätze weiterzuführen, die Singapur groß gemacht haben: Integrität, Multikulturalismus und eine strikte Null-Toleranz-Politik gegenüber Korruption. Diese Werte seien das Fundament, auf dem alles andere aufgebaut sei. Ohne dieses moralische Rückgrat würde das System Singapur wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.

Das Interview beim St. Gallen Symposium war mehr als nur eine Bestandsaufnahme nach 50 Jahren. Es war ein philosophischer Exkurs über die Natur des Staates im 21. Jahrhundert. Lee machte klar, dass die größten Bedrohungen für Singapur heute nicht mehr von außen kommen, sondern von innen: die Gefahr der Bequemlichkeit, die Alterung der Gesellschaft und die Herausforderung, die junge Generation, die den harten Kampf der Gründerväter nicht selbst erlebt hat, für die gemeinsamen Ziele zu begeistern.

Die Zuschauer in St. Gallen erlebten einen Staatsmann, der keine einfachen Antworten gab. Lee Hsien Loong forderte dazu auf, Komplexität zu akzeptieren. Er zeichnete das Bild einer Nation, die sich in einem permanenten Zustand des Werden befindet. Singapur nach 50 Jahren ist ein Erfolg, ja, aber es ist ein Erfolg, der jeden Tag neu erarbeitet werden muss. Diese Botschaft hallte weit über den Campus der Universität St. Gallen hinaus.

Abschließend lässt sich sagen, dass Lees Auftritt ein flammendes Plädoyer für rationales Handeln und nationale Einigkeit war. In einer Zeit, in der viele Gesellschaften durch Populismus und kurzfristiges Denken gespalten werden, bot Singapur – durch die Worte seines Premierministers – ein alternatives Modell an. Es ist ein Modell, das auf Leistung, Vertrauen in die Institutionen und einer unerschütterlichen Vision für die Zukunft basiert. Das 45. St. Gallen Symposium wird als der Ort in Erinnerung bleiben, an dem die Welt einen tiefen Einblick in die Seele eines kleinen Landes erhielt, das es wagte, groß zu denken.

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