Das Jahr 2025 war ein Jahr der Umbrüche, der Krisen und der historischen Entscheidungen. Friedrich Merz ist Kanzler, Donald Trump regiert erneut im Weißen Haus, die Wirtschaft kämpft ums Überleben, und globale Konflikte halten die Welt in Atem. Es war ein Jahr, das nach Einordnung schrie, nach klaren Gedanken und journalistischer Schärfe. Doch was die ARD ihrem Publikum im großen Jahresrückblick servierte, war das genaue Gegenteil: Ein Abend, der weniger durch Analyse bestach, sondern durch eine Mischung aus banalen Plattitüden, bizarrer Themenauswahl und einer fast schon körperlich schmerzhaften Oberflächlichkeit. Ein Abend zum Fremdschämen, der den Begriff des „betreuten Fühlens“ auf eine neue, traurige Spitze trieb.

Ein Trio ohne Taktgefühl

Die ARD entschied sich, die Ereignisse des Jahres von einem Trio kommentieren zu lassen, das unterschiedlicher kaum sein könnte: „Tagesthemen“-Anchor Ingo Zamperoni, „Morgenmagazin“-Moderatorin Anna Planken und „Tatort“-Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Die Idee dahinter war wohl, Lockerheit und Emotionalität zu vermischen. Das Ergebnis jedoch war eine fatale Schieflage. Während draußen die Weltgeschichte geschrieben wurde, verlor sich die Runde im Studio in Befindlichkeiten. Anstatt den Zuschauern Orientierung zu bieten, wurde ihnen vorgeführt, wie man richtig zu fühlen hat – und dabei trat man gleich mehrfach in Fettnäpfchen, die so tief waren, dass man sich als Zuschauer unweigerlich schütteln musste.

Der zynische Tiefpunkt: Ein Satz über Laura Dahlmeier

Der wohl verstörendste Moment des Abends ereignete sich, als die Sprache auf die im Juli 2025 verstorbene Biathlon-Legende Laura Dahlmeier kam. Der Tod der 31-Jährigen in den Bergen Pakistans hatte das Land erschüttert. Eine junge Frau, eine Ausnahmesportlerin, die ihr Leben den Bergen verschrieben hatte, war nicht mehr. Man hätte einen Moment der Pietät, der Würdigung oder zumindest des respektvollen Schweigens erwartet.

Stattdessen lieferte Anna Planken einen Kommentar ab, der an Kälte und Zynismus kaum zu überbieten war. Mit einer fast schon beiläufigen Nüchternheit analysierte sie: „Sie hat extreme Situationen gesucht. Ja, dann ist das eben so.“

Ein Satz wie ein Schlag in die Magengrube. „Dann ist das eben so.“ In diesen fünf Worten manifestierte sich eine Distanz, die nicht journalistisch, sondern empathielos wirkte. Planken schob sogar noch ihre eigene „Kletterexpertise“ hinterher („Ich gehe selbst gern in die Berge“), als würde dies ihr Urteil legitimieren. Es wirkte unbedarft, fast naiv, aber in seiner Wirkung war es verheerend. Hier wurde ein tragisches Schicksal zur simplen Konsequenz eines Hobbys degradiert. Ein Moment, der exemplarisch für die fehlende Tiefe der gesamten Sendung stand: Bauchgefühl ersetzt Anstand.

Pudding statt Politik: Die falsche Prioritätensetzung

Doch der Abend krankte nicht nur an moralischen Aussetzern, sondern auch an einer thematischen Beliebigkeit, die angesichts der Weltlage wie Hohn wirkte. In einem Jahr, in dem die deutsche Industrie 120.000 Arbeitsplätze verlor, hielt es die Runde für angemessen, ausführlich über einen bizarren Internet-Trend zu diskutieren: Pudding essen mit der Gabel.

Während Stefanie Reinsperger offenbar tief in der Materie steckte, steuerte Planken ihr Urteil bei: „Cool… eine Gabel im Pudding? Nö.“ Welchen Mehrwert haben solche Dialoge für den Bürger, der sich Sorgen um seine Heizkostenabrechnung oder seinen Arbeitsplatz macht? Es offenbart eine fast schon aristokratische Entrücktheit der Öffentlich-Rechtlichen. Wenn „Puddingtrends“ mehr Sendezeit und emotionale Involvierung bekommen als die geopolitische Neuordnung, hat der Bildungsauftrag kapituliert. Auch beim Thema Taylor Swift („Ich bin gar kein Swifty“) oder der Tour de France („Wenn die da so herumfahren, da bin ich nicht so drin“) regierte das private Desinteresse. Es war Stammtischniveau, finanziert durch Rundfunkbeiträge.

Politische Analyse auf Kindergarten-Niveau

Wenn es dann doch einmal politisch wurde, offenbarte sich das ganze Elend der „Gefühls-Berichterstattung“. Fakten spielten eine untergeordnete Rolle, wichtig war vor allem, wie „schlimm“ oder „krass“ sich etwas anfühlte.

Zur Wirtschaftskrise, die das Rückgrat des deutschen Wohlstands bedroht, fiel Planken nur ein beschwichtigendes „Wir stehen nicht ganz oben, wir können mehr, aber so schlecht ist Deutschland gar nicht“ ein. Eine Aussage, die angesichts der Realität in vielen deutschen Unternehmen wie eine Realitätsverweigerung klingt. Noch deutlicher wurde die infantile Sichtweise beim Thema Donald Trump. Über ein Treffen im Oval Office zwischen dem US-Präsidenten und dem ukrainischen Staatsoberhaupt sagte Planken: „Dieses Treffen im Weißen Haus war ganz schlimm. Eigentlich möchte man schreien und aufstehen und sagen: Was ist das für ein falscher Film?“ Sie beschrieb, wie jemand „an die Wand gestellt“ werde.

Anstatt die politischen Implikationen zu analysieren, die Machtdynamik zu erklären oder die strategischen Interessen der USA darzulegen, wurde die eigene emotionale Überforderung zum Maßstab gemacht. „Das war krass“ als journalistisches Urteil? Das ist zu wenig. Es ist die Bankrotterklärung des politischen Journalismus, wenn komplexe diplomatische Vorgänge nur noch danach bewertet werden, ob sie beim Moderator den Impuls auslösen, „schreien“ zu wollen. Auch Stefanie Reinsperger stimmte in den Chor der Betroffenheit ein: „Es ist unsere Erde… und wir machen sie sehenden Auges kaputt.“ Sätze, die man eher in einem Poesiealbum vermuten würde als in einer politischen Jahresbilanz.

Ingo Zamperoni: Der einsame Rufer in der Wüste

Es gab jedoch einen Lichtblick in diesem Meer aus Belanglosigkeiten: Ingo Zamperoni. Der „Tagesthemen“-Moderator wirkte zeitweise wie der einzige Erwachsene im Raum, der versuchte, das sinkende Schiff der Seriosität noch irgendwie auf Kurs zu halten.

Zamperoni verweigerte sich dem reinen „Fühlen“ und lieferte das, was man von Journalisten erwartet: Kontext und Differenzierung. Als seine Kolleginnen sich in ihrer Trump-Aversion suhlten, brachte er eine andere Perspektive ein – nicht um Trump zu verteidigen, sondern um das Phänomen zu erklären. Er verwies auf seine US-amerikanische Verwandtschaft: „Wir haben im bekannten Kreis eine Menge Leute, die sagen, das ist der beste Präsident, den wir zu Lebzeiten haben.“ Er analysierte nüchtern, dass Trump „den Finger in die Wunde“ lege – ein Merkmal von Populisten.

Auch zur Wirtschaftskrise lieferte er statt Beschwichtigungen faktenbasierte Hoffnung: Er verwies auf Patentanmeldungen, den starken Mittelstand und das Unternehmertum. Hier wurde Meinung mit Wissen untermauert. Zamperoni zeigte, dass man locker plaudern kann, ohne dumm zu sein. Er bewies, dass man unterhalten kann, ohne die Realität zu verkitschen. Doch gegen die geballte Ladung an „Bauchgefühl“ seiner Mitstreiterinnen kam auch er nur schwer an.

Fazit: Ein Offenbarungseid

Der ARD-Jahresrückblick 2025 war mehr als nur eine schlechte Sendung; er war ein Symptom. Er zeigte eine Medienlandschaft, die sich zunehmend davor scheut, dem Publikum komplexe Wahrheiten zuzumuten, und sich stattdessen in eine wohlig-warme Wolke aus gefühliger Moral und belanglosem Entertainment flüchtet. Wenn der Tod einer Laura Dahlmeier mit einem Schulterzucken abgetan wird, während Gabeln im Pudding zur großen Debatte aufgeblasen werden, dann stimmt der moralische Kompass nicht mehr.

Die Zuschauer haben Emotionen, die sie selbst einordnen können. Sie brauchen kein „betreutes Fühlen“ durch gut bezahlte TV-Gesichter. Sie brauchen Fakten, Analysen und Respekt vor den Themen der Zeit. Dieser Jahresrückblick hat all das vermissen lassen und hinterlässt vor allem eines: Ein tiefes Gefühl des Fremdschämens. Hoffentlich wird 2026 besser – im Weltgeschehen und im Fernsehen.