Die Welt hält den Atem an. Ein Stern, der heller leuchtete als fast jeder andere am Firmament der Filmgeschichte, ist erloschen. Brigitte Bardot, die unsterbliche „BB“, die Frau, die in den 50er und 60er Jahren nicht nur den Film, sondern das Frauenbild einer ganzen Epoche revolutionierte, ist tot. Sie starb im Alter von 91 Jahren. Doch während Millionen von Fans weltweit um die Leinwandgöttin trauern, mischt sich in den Schmerz des Abschieds eine dunkle, fast schon tabuisierte Erinnerung. Es ist die Geschichte einer Frau, die von der ganzen Welt begehrt wurde, aber an der wohl natürlichsten Aufgabe der Welt fast zerbrach: dem Muttersein.

Das Leben der Brigitte Bardot liest sich wie ein Drehbuch, das zwischen märchenhaftem Glanz und tiefer menschlicher Tragödie schwankt. Viermal trat sie vor den Traualtar, suchte immer wieder nach dem großen Glück, nach Halt und Geborgenheit. Doch hinter der Fassade der strahlenden Sexbombe, die mit „Und immer lockt das Weib“ (1956) über Nacht zum Weltstar avancierte, verbarg sich eine verletzliche Seele, die sich selbst oft fremd war. Besonders ein Kapitel ihres Lebens war bis zuletzt von Schmerz, Unverständnis und einer brutalen Ehrlichkeit geprägt, die viele schockierte: ihre Beziehung zu ihrem einzigen Sohn, Nicolas-Jacques Charrier.

Der Ruhm und der Preis der Einsamkeit

Man schrieb das Jahr 1959. Brigitte Bardot war auf dem absoluten Zenit ihres Ruhms. Sie war die meistfotografierte Frau der Welt, ein Idol, eine Projektionsfläche für Männerträume und weibliche Emanzipation zugleich. Inmitten dieses Orkans aus Blitzlichtgewitter und öffentlicher Hysterie verliebte sie sich in den Schauspieler Jacques Charrier. Es war eine Liebe auf der Überholspur, leidenschaftlich und impulsiv. Aus dieser Ehe ging ihr einziges Kind hervor – ein Sohn, Nicolas.

Doch was für viele Frauen die Krönung ihres Lebensglücks bedeutet, wurde für die damals erst 26-jährige Bardot zum Auslöser einer tiefen existenziellen Krise. In einer Zeit, in der das Bild der glücklichen, aufopferungsvollen Mutter gesellschaftlich in Stein gemeißelt war, fühlte BB etwas ganz anderes: Überforderung, Angst und eine lähmende Leere.

Erst spät, im Jahr 2023, öffnete sich die Ikone in der Dokumentation „Brigitte Bardot: L’insoumise“ (Die Rebellin) so unverblümt wie selten zuvor. Ihre Worte, die sie kurz vor ihrem Lebensende noch einmal bekräftigte, zeugen von einer fast grausamen Selbstreflexion. „Es war ein schlechter Zeitpunkt, Mutter zu werden“, gestand sie. Ein Satz, der so simpel klingt und doch das ganze Drama eines Lebens zusammenfasst.

„Ich war nicht reif genug“ – Die Flucht vor der Verantwortung

Die Geburt von Nicolas war für den Weltstar kein freudiges Ereignis, sondern ein traumatisches Erlebnis. Die junge Frau, die es gewohnt war, dass sich die Welt um sie drehte, sah sich plötzlich mit der Verantwortung für ein hilfloses Wesen konfrontiert. Eine Verantwortung, der sie sich nicht gewachsen fühlte. Die psychischen Folgen waren verheerend. Nur neun Monate nach der Niederkunft versuchte Brigitte Bardot, sich das Leben zu nehmen.

Es war der Hilfeschrei einer Frau, die sich in ihrer Rolle gefangen fühlte. „Ich wusste, dass ich Eltern und einen Partner in meiner Nähe brauchte, die mich führen, mich beschützen, mir helfen“, erklärte sie rückblickend. Bardot sah sich selbst nicht als Mutter, sondern als „ewiges Kind“. Wie sollte ein Kind ein anderes Kind großziehen? Diese Frage quälte sie, und die Antwort, die sie darauf fand, war radikal und für viele unverständlich.

Sie traf eine Entscheidung, die ihr jahrzehntelang als Kälte und Herzlosigkeit ausgelegt wurde: Sie gab ihren Sohn frei. Nach der Scheidung von Jacques Charrier im Jahr 1963 überließ sie ihm das alleinige Sorgerecht. Nicolas wuchs fortan bei seinem Vater und dessen Familie auf, fernab vom Glamour und den Neurosen seiner berühmten Mutter.

Ein Leben mit der Schuld

Jahrelang wurde Bardot von der Presse und der Öffentlichkeit für diesen Schritt verurteilt. Man nannte sie eine Rabenmutter, ein Monster ohne Mutterinstinkt. Doch blickt man hinter die Schlagzeilen, erkennt man das Drama einer Frau, die vielleicht gerade deshalb so handelte, weil sie wusste, dass sie ihrem Sohn nicht gerecht werden konnte. „Ich sah mich alleine nicht in der Lage, einem Kind das zu geben, was es zum Leben brauchte“, so ihre ehrliche Selbsteinschätzung.

War es Egoismus? Oder war es vielleicht sogar der größte Liebesbeweis, den sie in ihrer damaligen psychischen Verfassung erbringen konnte – das Kind vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu schützen? Diese Frage wird wohl nie abschließend geklärt werden können. Fakt ist jedoch, dass die Wunde nie ganz verheilte. Das Verhältnis zu ihrem Sohn blieb zeitlebens kompliziert, geprägt von Distanz und zaghaften Annäherungsversuchen. Nicolas-Jacques Charrier, heute selbst 65 Jahre alt, baute sich ein Leben weit weg von Frankreich auf. Er lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Norwegen – geografisch und emotional auf Distanz zu der Frau, die ihn gebar, aber nie wirklich seine Mutter sein konnte.

Das Vermächtnis einer Zerrissenen

Mit dem Tod von Brigitte Bardot verliert die Welt nicht nur eine begnadete Schauspielerin und Tierschützerin, sondern auch eine Frau, die den Mut hatte, ihre menschlichen Schwächen offen zu zeigen. In einer Ära, in der Stars perfekt zu sein hatten, wagte sie es, unperfekt zu sein. Sie passte in keine Schablone, weder als Sexsymbol noch als Mutter.

Ihr Lebensweg zeigt uns, dass Ruhm und Reichtum nicht vor innerer Leere schützen und dass auch Ikonen mit Dämonen kämpfen, die das Rampenlicht nicht vertreiben kann. Brigitte Bardot mag als Mutter gescheitert sein – das hat sie selbst zugegeben. Doch in ihrer Ehrlichkeit liegt eine Kraft, die Respekt abverlangt. Sie hat sich nicht verstellt, sie hat nicht geheuchelt. Sie war, mit all ihren Fehlern und Kanten, bis zum Schluss sie selbst.

Nun, da sie ihre letzte Ruhe gefunden hat, bleibt zu hoffen, dass sie den Frieden findet, den sie im Leben so oft vergeblich suchte. Und vielleicht – so mag man es sich wünschen – gibt es irgendwo jenseits des Irdischen eine Ebene, auf der Versöhnung möglich ist. Eine Versöhnung mit sich selbst und mit dem Sohn, den sie liebte, aber nicht festhalten konnte.

Adieu, BB. Du warst Rebellin, Göttin und Sünderin zugleich. Und genau deshalb wirst du unvergessen bleiben.