Es sollte der glanzvolle Höhepunkt des Jahres werden, der strahlende Übergang in das Jahr 2026. Doch was sich bei der großen ZDF-Silvestergala “Willkommen 2026” vor der malerischen Kulisse des Hamburger Hafens abspielte, wird wohl weniger wegen der musikalischen Darbietungen, sondern vielmehr wegen einer bizarren Aneinanderreihung von Pannen, technischem Versagen und moderativen Aussetzern in die Fernsehgeschichte eingehen. Im Zentrum des Spotts: Andrea Kiewel.

Es ist eine ungeschriebene Tradition des deutschen Fernsehens: Wenn das Jahr zu Ende geht, versammelt sich die Nation vor den Bildschirmen, um den Countdown herunterzuzählen. Die Erwartungen sind hoch, die Stimmung soll ausgelassen sein, und die Moderatoren fungieren als gut gelaunte Reiseleiter in die Zukunft. Doch an diesem Abend schien der Wurm drin zu sein – und das nicht zu knapp. Andrea “Kiwi” Kiewel, die unangefochtene Veteranin der guten Laune, geriet in einen Strudel aus Versprechern und Konfusion, der in den sozialen Netzwerken sofort für ein digitales Feuerwerk an Häme sorgte.

Der Moment, in dem die Zeit stillstand

Die Show lief bereits seit gut 100 Minuten. An der Seite ihres langjährigen Kollegen Johannes B. Kerner führte die 60-Jährige durch das Programm. Auf der Bühne gaben sich Stars wie Johannes Oerding und die britische Boyband Blue die Klinke in die Hand. Alles schien nach Plan zu laufen, bis Kiewel, bekennender Fan der 1990er-Jahre, zu einer Moderation ansetzte, die ihr vermutlich noch lange nachhängen wird.

Mit einem Blick auf die Uhr wollte sie die verbleibende Wartezeit bis Mitternacht verkünden. Es war 22:00 Uhr. Doch was dann über ihre Lippen kam, ließ viele Zuschauer vor den Fernsehern irritiert aufblicken.

“Es ist 22 Uhr”, begann sie noch souverän, bevor ihr ein verbaler Fauxpas unterlief, der die Logik von Raum und Zeit außer Kraft setzte: “Noch zwei Jahre lang 2025.”

Ein Satz, der in seiner Absurdität kaum zu überbieten war. Hatte Andrea Kiewel gerade die Zeitrechnung neu erfunden? Wollte sie uns warnen, dass das Jahr 2025 in eine Verlängerung geht, die niemand bestellt hat? Natürlich meinte sie “zwei Stunden”. Doch der Schaden war angerichtet. Sie hatte Stunden mit Jahren verwechselt, und in der gnadenlosen Arena des Live-Fernsehens gibt es keine Zurücktaste.

Das Netz vergisst nichts: Die digitale Häme

In Zeiten von Second-Screen-Nutzung dauerte es keine Sekunde, bis die Reaktionen im Netz explodierten. Die sozialen Medien, insbesondere X (ehemals Twitter) und Facebook, verwandelten sich in einen Hexenkessel des Spotts. Der Hashtag #Willkommen2026 trendete nicht wegen der tollen Acts, sondern wegen Kiwis Zeitverwirrung.

Ein besonders bissiger Kommentar fasste die Stimmung prägnant zusammen: “Achtung, im Hamburger Hafen befindet sich eine verwirrte Frau auf einem schwimmenden Dock.” Es sind Sätze wie diese, die zeigen, wie schmal der Grat zwischen gefeierter TV-Ikone und zur Witzfigur degradiertem Promi ist. Die Zuschauer fragten sich: War es die Kälte? Die Aufregung? Oder einfach nur mangelnde Konzentration?

Doch es blieb nicht bei diesem einen Aussetzer. Der Abend war noch jung, und das Fettnäpfchen-Potenzial offenbar noch lange nicht ausgeschöpft.

Der zweite Streich: Wenn die Uhr zur Feindin wird

Wer gehofft hatte, dass sich die erfahrene Moderatorin nach diesem Patzer fangen würde, wurde enttäuscht. Andrea Kiewel schien an diesem Abend auf Kriegsfuß mit der Zeitmessung zu stehen. Der Jahreswechsel war vollzogen, das Feuerwerk verraucht, die Uhren zeigten bereits 00:35 Uhr.

Wieder griff Kiewel zum Mikrofon, um die Stimmung einzufangen. Und wieder lieferte sie eine mathematische Meisterleistung ab, die für Kopfschütteln sorgte: “Das neue Jahr ist gerade mal 20 Minuten alt.”

Eine simple Subtraktion hätte genügt, um festzustellen, dass zwischen 00:00 Uhr und 00:35 Uhr mehr als nur 20 Minuten liegen. Doch in der Welt von Andrea Kiewel schienen die Uhren in dieser Nacht anders zu ticken. Für die kritischen Beitragszahler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks war dies eine Steilvorlage. “Nur 18,36 Euro pro Monat”, kommentierte ein User sarkastisch und spielte damit unverhohlen auf den Rundfunkbeitrag an. Die Botschaft war klar: Für dieses Geld erwarten die Zuschauer Professionalität, keine Grundschul-Rechenfehler zur besten Sendezeit.

Ein Abend der Pannen: Mehr als nur Versprecher

Es wäre jedoch unfair, das Scheitern dieses Abends allein auf Andrea Kiewels Schultern zu laden. Ihre Versprecher waren zwar die lautesten und viralsten Momente, aber sie waren symptomatisch für eine Gesamtproduktion, die an vielen Ecken und Enden knirschte.

Die Versprecher der Moderatorin passten erschreckend gut ins Gesamtbild der ZDF-Silvestergala. Immer wieder kam es während der Übertragung zu technischen Problemen. Tonaussetzer, Bildwackler oder missglückte Schnitte störten den Fluss der Sendung. Es wirkte stellenweise improvisiert, fast schon amateurhaft für eine Produktion dieser Größenordnung. Man wurde das Gefühl nicht los, dass hier mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Noch gravierender war jedoch der Blick ins Publikum. Während man im Fernsehen oft versucht, durch geschickte Kamerawinkel eine volle Hütte zu suggerieren, ließen sich die Lücken an diesem Abend kaum verbergen. Das Event war keineswegs ausverkauft. Gerechnet hatte der Veranstalter mit rund 12.000 feierwütigen Gästen, die den Hamburger Hafen in eine Partyhochburg verwandeln sollten. Tatsächlich verloren sich nur knapp 9.000 Menschen auf dem Areal.

Diese optische Leere trug zur tristen Atmosphäre bei. Es fehlte der “Buzz”, das Knistern, das entsteht, wenn eine Menschenmasse kollektiv feiert. Stattdessen sah man oft verhalten klatschende Grüppchen, die in der Hamburger Kälte ausharrten, während auf der Bühne verzweifelt versucht wurde, Partystimmung zu simulieren.

Wiederholungstäterin: Ein Muster der Missgeschicke?

Für aufmerksame Beobachter der ZDF-Silvestershows war Kiwis Performance indes kein Einzelfall, sondern fast schon eine liebgewonnene – oder gefürchtete – Tradition. Ein Blick zurück zeigt: Pannen gehören bei ihr fast schon zum guten Ton.

Bereits beim Jahreswechsel 2024 zu 2025, damals noch vor der historischen Kulisse des Brandenburger Tors in Berlin, hatte sich Kiewel einen fast schon legendären Versprecher geleistet. In ihrer Ankündigung für den Künstler “Chiagu” verhedderte sie sich derart in den Silben, dass sie ihn als “Shiogi” ankündigte. Auch damals amüsierten sich die Zuschauer köstlich über den Patzer.

Es scheint fast so, als sei Andrea Kiewel die Personifizierung der Imperfektion im deutschen Fernsehen. Sie ist laut, sie ist präsent, und sie ist fehleranfällig. Manche mögen das als authentisch und sympathisch empfinden – nach dem Motto “Irren ist menschlich”. Andere sehen darin jedoch ein Zeichen mangelnder Vorbereitung und fehlender Professionalität, besonders angesichts der prominenten Rolle, die sie im ZDF einnimmt.

Die Psychologie des Live-TVs

Warum passieren einer Frau, die seit Jahrzehnten im Geschäft ist, solche Fehler? Live-Fernsehen ist ein Hochseilakt ohne Netz und doppelten Boden. Der Druck ist immens, besonders an einem Abend wie Silvester, an dem Millionen Menschen zusehen. Man muss Regieanweisungen im Ohr verarbeiten, den Zeitplan im Kopf behalten, mit dem Co-Moderator interagieren und gleichzeitig das Publikum vor Ort und zu Hause bespaßen.

Dennoch: Fehler wie die Verwechslung von “Stunden” und “Jahren” oder das falsche Ablesen der Uhrzeit deuten auf eine gewisse Zerstreutheit hin. Ist Andrea Kiewel vielleicht einfach “drüber”? Hat die Routine zu einer Nachlässigkeit geführt? Oder ist es der verzweifelte Versuch, in einer immer steriler werdenden Fernsehwelt durch Spontanität aufzufallen, die dann nach hinten losgeht?

Ein Symptom der Krise des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsfernsehens?

Die Geschehnisse in Hamburg werfen auch ein Schlaglicht auf den Zustand der großen TV-Unterhaltung in Deutschland. Shows wie “Willkommen 2026” wirken zunehmend wie Relikte aus einer vergangenen Zeit. Das Konzept “Moderatoren schreien Partystimmung in die Kamera, während B-Promis Playback singen” scheint sich abzunutzen.

Dass nur 9.000 Menschen bereit waren, für dieses Event Tickets zu kaufen, spricht eine deutliche Sprache. Das Publikum stimmt mit den Füßen ab. Wenn dann noch handwerkliche Fehler und technische Pannen hinzukommen, wird es für die Sender eng. Die Kritik an der Verwendung von Rundfunkgebühren für solche Formate wird lauter, und Momente wie Kiewels “Zwei Jahre 2025”-Satz dienen den Kritikern als willkommenes Futter.

Es ist diese Mischung aus unfreiwilliger Komik und einer gewissen Tragik, die den Abend in Hamburg prägte. Man schaut nicht mehr hin, weil man begeistert ist, sondern weil man sehen will, was als Nächstes schiefgeht. Es ist das Prinzip des “Hate-Watchings”, das solche Sendungen am Leben erhält.

Fazit: Ein Start mit Stolpersteinen

Was bleibt also von der Silvesternacht 2025/2026? Musikalisch wird wenig in Erinnerung bleiben. Johannes Oerding und Blue haben ihre Jobs erledigt, solide und professionell. Doch die Schlagzeilen gehören Andrea Kiewel.

Sie hat uns, wenn auch unfreiwillig, den ersten großen Lacher des Jahres 2026 geschenkt. “Noch zwei Jahre 2025” könnte zum geflügelten Wort werden, ein Meme für alles, was sich endlos und zäh anfühlt. Vielleicht war ihr Versprecher aber auch eine unbewusste prophetische Warnung, dass wir uns auf eine Zeit einstellen müssen, in der sich die Dinge ziehen.

Für das ZDF ist die Bilanz durchwachsen. Leere Ränge und technische Pannen sind kein Aushängeschild für einen Sender, der für Qualität stehen will. Und Andrea Kiewel? Sie wird auch diesen Sturm überstehen. Denn im deutschen Fernsehen gilt: Wer im Gespräch bleibt, hat gewonnen – egal ob durch Glanzleistungen oder durch grandiose Fehltritte.

Man darf gespannt sein, welche sprachlichen Blüten der nächste Jahreswechsel treiben wird. Bis dahin haben wir ja nun, laut Kiwi, noch “zwei Jahre” Zeit, uns darauf vorzubereiten. Oder waren es doch nur zwei Stunden? In der Welt der ZDF-Gala scheint das alles relativ zu sein. Willkommen in 2026 – einem Jahr, das schon jetzt Geschichte geschrieben hat, wenn auch anders als geplant.