Es gibt Dinge, die so banal erscheinen, dass wir ihnen kaum Beachtung schenken. Ein Klick auf „Bestellen“, ein brauner Karton vor der Haustür, eine digitale Quittung im E-Mail-Postfach. Amazon ist der Alltag der modernen Welt. Doch was passiert, wenn man den digitalen Einkaufswagen eines der berüchtigtsten Sexualstraftäter der Geschichte öffnet? Die Antwort, die neue Akten des US-Justizministeriums (DOJ) nun liefern, ist so verstörend wie aufschlussreich. Jeffrey Epsteins Amazon-Bestellhistorie ist nicht nur eine Liste von Waren – sie ist eine Landkarte in die dunkelsten Abgründe einer menschlichen Psyche.

Die Banalität des Grauens

Auf den ersten Blick wirkt die Liste, die den Zeitraum von 2014 bis 2019 abdeckt, fast willkürlich. Über 1.000 Bestellungen sind dokumentiert. Doch wer genau hinsieht, dem gefriert das Blut in den Adern. Zwischen alltäglichen Gebrauchsgegenständen finden sich Artikel, die in der Welt eines alleinstehenden, älteren Mannes absolut keinen Platz haben sollten.

Warum bestellt ein Mann wie Epstein Babykleidung? Warum finden sich auf seiner Liste Spielzeuge für Kleinkinder, Rasseln, Bauklötze und Stapelsteine? Für Ermittler und Psychologen sind diese scheinbar harmlosen Gegenstände Alarmsignale. Sie deuten nicht auf einen fürsorglichen Onkel hin, sondern auf eine gezielte „Grooming“-Strategie oder noch schlimmer: auf eine Fetischisierung der Unschuld, die in direktem Zusammenhang mit den ihm vorgeworfenen Verbrechen steht. Die Vorstellung, dass diese Spielzeuge möglicherweise als Requisiten in einem Haus dienten, das zum Schauplatz unsagbaren Leids wurde, ist kaum zu ertragen.

Ein Kostüm als böses Omen?

Besonders ein Detail der Liste sorgt derzeit für weltweites Aufsehen und wilde Spekulationen in den sozialen Netzwerken. Nur zehn Monate vor seiner tatsächlichen Verhaftung und dem späteren Tod in seiner Zelle bestellte Epstein ein ganz spezielles Kleidungsstück: ein schwarzes Gefängniskostüm.

War es Arroganz? Ein makabres Spiel? Oder eine dunkle Vorahnung? In Kombination mit einem ebenfalls bestellten FBI-Kostüm zeichnet sich das Bild eines Mannes, der Macht und Kontrolle nicht nur ausübte, sondern sie auch inszenierte. Er spielte mit den Symbolen der Justiz, die ihn Jahre zuvor schon einmal zu fassen bekam, nur um ihn dann wieder in die Freiheit zu entlassen. Dass er sich ausgerechnet als Häftling verkleiden wollte – oder andere dazu zwang –, wirkt rückblickend wie eine zynische Prophezeiung seines eigenen Untergangs.

Lolita und die intellektuelle Rechtfertigung

Die Liste offenbart auch Epsteins Versuch, seine Neigungen intellektuell zu verbrämen. Mehrere Werke des russischen Autors Vladimir Nabokov finden sich in der Bestellhistorie, allen voran der Weltbestseller „Lolita“. Der Roman, der von der obsessiven Beziehung eines älteren Mannes zu einem jungen Mädchen handelt, ist Weltliteratur. Doch im Bücherregal von Jeffrey Epstein wirkt er nicht wie ein literarisches Interesse, sondern wie ein Handbuch, vielleicht sogar wie eine Rechtfertigung.

Psychologen, die das Profil von Sexualstraftätern analysieren, kennen dieses Muster: Täter suchen oft nach kulturellen oder intellektuellen Ankern, um ihre Taten vor sich selbst zu normalisieren. Der Kauf dieses Buches ist ein weiteres Puzzleteil, das zeigt, wie sehr Epstein seine pädophilen Neigungen nicht nur auslebte, sondern sie wahrscheinlich als Teil seiner Identität zelebrierte.

Das Werkzeug der Kontrolle

Neben den kulturellen und symbolischen Artikeln ist die Liste auch voll von pragmatischen, aber nicht weniger verstörenden Werkzeugen. Intime Hilfsmittel, Medikamente zur Luststeigerung, Ferngläser und sogar ein Atemgerät für die Nacht. Ein schwarzes „Schulmädchen-Outfit“ (Schuluniform) für Mädchen bestätigt einmal mehr die Berichte der Opfer, die gezwungen wurden, sich entsprechend zu kleiden, um Epsteins Fantasien zu bedienen.

Eine Psychologin, die die Liste für US-Medien einordnete, sprach von einem klaren Muster: „Zwang, Dominanz, Anspruchsdenken.“ Jeder Gegenstand auf dieser Liste scheint einem einzigen Zweck zu dienen – der Kontrolle über andere. Sei es durch die Infantilisierung von Opfern mittels Spielzeug, die Erniedrigung durch Rollenspiel-Kostüme oder die Überwachung mittels Ferngläsern. Es ist das Inventar eines Mannes, der Menschen nicht als Individuen, sondern als Objekte in seinem persönlichen Theaterstück betrachtete.

Das Schweigen der Mächtigen

Während die Amazon-Liste einen intimen Einblick in Epsteins Privatsphäre gibt, werfen die DOJ-Akten auch erneut Fragen zu seinem Umfeld auf. Die Namen, die in den Kontaktlisten und auf Fotos auftauchen, lesen sich wie das „Who is Who“ der Weltelite: Donald Trump, Bill Clinton, Michael Jackson, Kevin Spacey, Diana Ross.

Es ist wichtig zu betonen: Der bloße Kontakt oder ein Foto beweist keine Mitschuld an Epsteins Verbrechen. Doch die Diskrepanz zwischen dem, was Epstein in seinem Haus trieb – dokumentiert durch seine Einkäufe – und dem Schweigen seiner mächtigen Freunde, bleibt das große Rätsel. Was haben diese Besucher gesehen? Haben sie die Bauklötze im Wohnzimmer ignoriert? Die Schuluniformen im Schrank übersehen?

Fazit: Kein Entkommen vor der Wahrheit

Die Veröffentlichung dieser banalen Amazon-Bestellungen ist auf ihre Art schockierender als manche Zeugenaussage. Denn sie zeigt das Böse nicht als abstraktes Monster, sondern eingebettet in den Alltag. Epstein klickte sich durch Amazon, legte Bücher und Kostüme in den Warenkorb, so wie Millionen andere Menschen auch. Doch sein Warenkorb war gefüllt mit den Werkzeugen des Missbrauchs.

Diese Akten schließen das Kapitel Epstein nicht. Im Gegenteil, sie öffnen es weiter. Sie zwingen uns, genau hinzusehen – auf die Details, die wir vielleicht lieber übersehen würden. Jeffrey Epstein mag tot sein, aber die Spuren, die er hinterlassen hat, von den großen Flugdaten bis zur kleinen Amazon-Rechnung, erzählen seine Geschichte weiter. Eine Geschichte von Machtmissbrauch, die noch lange nicht auserzählt ist.