Es ist der Morgen des 4. Januar 2026, und die Welt ist eine andere als noch vor 24 Stunden. Während die meisten von uns schliefen, wurde der Himmel über Caracas von grellen Blitzen zerrissen. Tieffliegende US-Militärjets donnerten über die venezolanische Hauptstadt, Explosionen erschütterten das Regierungsviertel, und in einer Operation, die an Hollywood-Drehbücher erinnert, aber blutiger Ernst ist, landeten Elitesoldaten der Delta Force, um Präsident Nicolás Maduro und seine Frau zu ergreifen. Das offizielle Narrativ aus dem Weißen Haus war schnell gestrickt: Ein entscheidender Schlag gegen den Drogenhandel, eine Befreiungsaktion für das venezolanische Volk. Doch wer an der Oberfläche kratzt, sieht ein ganz anderes Bild. Es geht nicht um Kokain oder Gerechtigkeit. Es geht um das schwarze Herz der modernen Wirtschaft: Öl, Macht und die brutale Durchsetzung amerikanischer Interessen im eigenen „Hinterhof“.

Die Nacht, die alles veränderte

Die Berichte überschlagen sich. Präsident Trump bestätigte den Angriff stolz auf Social Media und sprach von einer „groß angelegten Operation“. Die Bilder aus Venezuela zeigen Zerstörung und Chaos. Doch was in dieser Nacht wirklich geschah, war mehr als ein militärischer Schlag; es war eine Botschaft. Die Entführung eines amtierenden Staatsoberhauptes und seine Verbringung außer Landes ist ein Akt, der das Völkerrecht nicht nur dehnt, sondern zerreißt. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel nannte es „Staatsterror“, und der kolumbianische Präsident Gustavo Petro forderte sofortige Notfallsitzungen der UN. Die Region steht unter Schock. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen US-Bodentruppen mit dem expliziten Ziel eines Regierungssturzes auf südamerikanischem Boden.

Warum gerade jetzt? Die Antwort liegt nicht in den angeblichen Drogenlaboren, die laut US-Propaganda das Ziel waren, sondern tief unter der Erde Venezuelas.

Das Erbe der Monroe-Doktrin: Ein alter Geist kehrt zurück

Um die Brutalität dieses Eingriffs zu verstehen, müssen wir die Uhr zurückdrehen – nicht um Jahre, sondern um Jahrhunderte. 1823 verkündeten die USA die Monroe-Doktrin. Die Kernaussage: Lateinamerika ist die exklusive Einflusssphäre der Vereinigten Staaten. Keine fremde Macht darf hier intervenieren, und vor allem darf kein Land einen Weg einschlagen, der den Interessen Washingtons zuwiderläuft.

Was wir heute in Venezuela sehen, ist die exakte Fortsetzung einer blutigen Tradition. Erinnern wir uns an 1954 in Guatemala: Präsident Jacobo Árbenz wollte Landreformen durchführen und US-Konzerne enteignen. Das Ergebnis? Ein CIA-Putsch. Oder der 11. September 1973 in Chile: Salvador Allende verstaatlichte die Kupferminen. Er wurde durch den Diktator Pinochet ersetzt, der dem Westen freundlich gesinnt war. 1989 in Panama: Die US-Armee marschierte ein, um Manuel Noriega zu verhaften – offiziell wegen Drogen, in Wahrheit, weil er aus der Reihe tanzte.

Es ist immer dasselbe Muster. Wenn ein Land Rohstoffe besitzt und diese nicht bedingungslos den USA zur Verfügung stellt, wird interveniert. Venezuela ist nur das neueste Kapitel in diesem Buch der Unterwerfung.

Der wahre Schatz: Mehr Öl als Saudi-Arabien

Lassen wir uns nicht täuschen: Venezuela ist nicht irgendein Land. Es sitzt auf den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Mehr als Saudi-Arabien, mehr als Russland, mehr als der gesamte Irak. Für eine Weltmacht, deren Währung und Einfluss massiv am Ölmarkt hängen, ist ein unabhängiges Venezuela ein Dorn im Auge.

Seit Hugo Chávez 1999 an die Macht kam und die Kontrolle über die staatliche Ölgesellschaft PDVSA übernahm, flossen die Gewinne nicht mehr ungehindert in die Taschen von ExxonMobil oder Chevron. Sie blieben im Land oder wurden für Allianzen genutzt, die Washington ein Graus sind. Und hier kommt der zweite Elefant im Raum ins Spiel: China.

Venezuela schuldet Peking geschätzte 60 Milliarden Dollar. China hat sich durch Kredite und Investitionen einen massiven Zugriff auf venezolanisches Öl gesichert. Für die USA ist das ein strategischer Albtraum. Dass der größte geopolitische Rivale die Energieressourcen direkt vor der amerikanischen Haustür kontrolliert, ist für die Hardliner in Washington inakzeptabel. Der Angriff auf Maduro ist also auch ein direkter Schlag gegen Chinas Energiesicherheit. Man bombt nicht nur einen Diktator weg; man bombt die chinesischen Verträge in Schutt und Asche, um Platz für US-Konzerne zu machen.

Die Lüge vom Drogenkrieg

„Wir bekämpfen die Drogenkartelle.“ Dieser Satz wird wie ein Mantra wiederholt. Doch er hält einer Überprüfung der Fakten nicht stand. Sicher, durch Venezuela fließt Kokain. Aber ist Venezuela der Hauptproduzent? Nein. Das ist Kolumbien. Kolumbien kontrolliert etwa 65 % der weltweiten Kokainproduktion. Doch wird Bogotá bombardiert? Werden dort Präsidenten entführt? Nein, denn Kolumbien ist ein enger Verbündeter der USA.

Die Drogenkarte wird immer dann gespielt, wenn man einen Vorwand braucht, um militärisch aktiv zu werden, ohne sofort als Aggressor dazustehen. Es ist ein Marketing-Trick für den Krieg. Der venezolanische Verteidigungsminister Vladimir Padrino López hatte es bereits im Dezember 2025 prophezeit: „Diese Angriffe gelten unseren natürlichen Ressourcen. Sie wollen unser Öl und unsere Mineralien stehlen.“

Die Scheinheiligkeit ist offensichtlich. Seit Monaten bombardieren die USA angeblich Schmugglerboote in der Karibik, oft ohne Beweise, oft ohne faire Verfahren. Nun wurde diese Taktik auf ein ganzes Land ausgeweitet.

Der 1,7-Billionen-Dollar-Deal

Wie lukrativ ein Regierungswechsel für den Westen wäre, daraus machen selbst die Oppositionellen in Venezuela kein Geheimnis. María Corina Machado, eine der Schlüsselfiguren der Opposition, sprach im Oktober 2025 offen darüber: US-Unternehmen könnten über einen Zeitraum von 15 Jahren bis zu 1,7 Billionen Dollar verdienen, wenn ihre Bewegung die Macht übernimmt.

1,7 Billionen Dollar. Das ist die Zahl, die man im Kopf behalten muss, wenn man die Bilder der brennenden Gebäude in Caracas sieht. Es geht um Privatisierung, um Schürfrechte, um das große Geschäft. Maduro mag ein Autokrat sein, und die Wahlen 2024 waren höchstwahrscheinlich manipuliert – das bestreitet kaum jemand. Aber autoritäre Herrschaft allein ist für die USA nie ein Grund zum Eingreifen gewesen, solange das Öl floss. Man denke nur an die guten Beziehungen zu diversen Golfmonarchien. Maduro wurde nicht gestürzt, weil er undemokratisch ist, sondern weil er unkooperativ war.

Die gefährliche Botschaft an die Welt

Was bedeutet dieser 4. Januar 2026 für den Rest der Welt? Es ist eine Warnung. Die UN-Charta verbietet Gewalt gegen souveräne Staaten, außer im Fall der Selbstverteidigung. Venezuela hat die USA nicht angegriffen. Rein rechtlich gesehen ist die Operation ein illegaler Angriffskrieg. Doch in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt, scheinen Gesetze nur noch Empfehlungen zu sein.

Die Botschaft, die Trump und das US-Militär senden, ist unmissverständlich: „Wenn du Ressourcen hast, die wir wollen, und wenn du dich mit unseren Feinden (wie China) verbündest, dann bist du nicht sicher. Deine Souveränität existiert nur so lange, wie wir sie dulden.“

Jedes Land im globalen Süden, das versucht, einen unabhängigen Weg zu gehen, muss nun zittern. Die Hemmschwelle ist gefallen. Wenn man einen Präsidenten einfach so entführen kann, sind diplomatische Immunität und staatliche Souveränität nur noch leere Worthülsen.

Ein Blick in den Abgrund

Es gibt Stimmen, die sagen: „Aber Maduro war ein Tyrann, ist es nicht gut, dass er weg ist?“ Diese Sichtweise ist verständlich, aber kurzsichtig. Die Geschichte lehrt uns, dass von außen erzwungene Regierungswechsel fast immer im Chaos enden. Schauen wir in den Irak, nach Libyen oder Afghanistan. Das Versprechen von „Demokratie und Freiheit“ endete in Bürgerkrieg, Instabilität und Leid für die Zivilbevölkerung.

Venezuela steht nun am Abgrund. Die Anhänger Maduros, das Militär, die Milizen – sie werden nicht einfach verschwinden. Ein Guerillakrieg ist wahrscheinlich. Und während das Land im Chaos versinkt, werden die Verträge für das Öl neu geschrieben – diesmal in Englisch, nicht in Spanisch oder Chinesisch.

Wir dürfen uns nicht von der Inszenierung blenden lassen. Die Hollywood-Bilder der Delta Force sollen uns von der hässlichen Wahrheit ablenken. Hier wurde nicht die Freiheit verteidigt. Hier wurde ein Land überfallen, um eine Bilanz zu korrigieren. Solange wir als Weltöffentlichkeit solche Akte der Aggression akzeptieren, solange wir schweigen, wenn das Völkerrecht mit Füßen getreten wird, solange wird sich die Geschichte wiederholen. Heute Venezuela, morgen vielleicht ein anderes Land, das es wagt, „Nein“ zu sagen.

Es ist Zeit aufzuwachen. Der Rauch über Caracas vernebelt nicht nur die Sicht in Venezuela, sondern auch unseren Blick auf die Realität der globalen Machtpolitik. Es ist kein Kampf Gut gegen Böse. Es ist ein Kampf Reich gegen Unabhängig. Und vorerst hat das Geld gewonnen.