Es sind die Geschichten, die nur das Leben – oder eben „Wer wird Millionär?“ – schreiben kann. Das diesjährige Weihnachtsspecial der beliebtesten Quizshow Deutschlands hielt für die Zuschauer einen Moment bereit, der als Lehrbuchbeispiel für Hybris und tragisches Scheitern in die Annalen der Sendung eingehen dürfte. Zwischen festlicher Deko, singenden Elchen und bissigen Wortgefechten ereignete sich ein Drama, das Kandidatin Christina Bauer aus Waldeck am Edersee so schnell nicht vergessen wird. Was als triumphaler vierter Anlauf auf den Ratestuhl begann, endete in einem spektakulären Absturz auf 500 Euro – und das, nachdem sie zuvor keine Gelegenheit ausgelassen hatte, Moderator Günther Jauch verbal zu attackieren.

Der lange Weg auf den Stuhl und der erste Angriff

Für Christina Bauer war es kein leichter Weg in die Mitte des Studios. Bereits dreimal hatte sie in der Vergangenheit versucht, als Kandidatin ausgewählt zu werden, saß im Publikum oder scheiterte in der Auswahlrunde. „Wir kennen uns doch auch irgendwoher“, begrüßte Günther Jauch sie daher fast schon familiär, als es im vierten Anlauf endlich klappte. Doch wer nun Dankbarkeit oder Demut erwartete, sah sich getäuscht. Bauer, offensichtlich fest entschlossen, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wählte die Strategie des frontalen Angriffs.

Kaum hatte sie Platz genommen, thematisierte sie das fortgeschrittene Alter des Moderators. „Nächstes Jahr haben Sie einen runden Geburtstag, man muss sich ja ein bisschen beeilen“, kommentierte sie spitzfindig. Jauch, der solche Spitzen gewohnt ist, erkannte sofort die Doppelbödigkeit der Aussage. Bauer setzte nach: „Vielleicht machen Sie ja nicht ewig weiter.“ Ein Satz, der im Studio für erstes Raunen sorgte. Jauch, Profi durch und durch, konterte trocken: „Ich weiß nicht, wie taktisch klug das jetzt war, gleich am Anfang.“

Apotheken-Spott und politische Statements

Doch die Kandidatin war noch nicht fertig. Sie zielte auf Jauchs aktuelle Werbepräsenz ab. „Sie lösen doch ständig Rezepte ein in der Apotheke“, frotzelte sie. Als Jauch sie zunächst fragend ansah – wohl spielend, als verstünde er die Anspielung nicht – erklärte sie dem Publikum und ihm genüsslich, dass sie damit auf seine allgegenwärtigen Werbespots für den Online-Apothekenversand anspiele. „Sie sind doch ständig beim Arzt“, legte sie nach. Der Moderator nahm es mit Humor und lachte gemeinsam mit dem Publikum über den Witz auf seine Kosten. Es war ein Moment, der zeigte: Hier sitzt eine Kandidatin, die sich nicht den Mund verbieten lässt.

Auch politisch ließ Bauer durchblicken, wo sie steht. Mit einem Stoffelch, der den Klassiker „Jingle Bell Rock“ sang und den sie aus Amerika mitgebracht hatte, leitete sie auf ihre Liebe zu den USA über. „Die Liebe meines Lebens bis zum Jahr 2017“, erklärte sie vielsagend. Ohne den Namen Donald Trump zu nennen, machte sie deutlich, dass dessen Amtsantritt ihre Zuneigung zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten abgekühlt hatte. Stolz erzählte sie hingegen von ihrer Begegnung mit Barack Obama, dem sie einst die Hand geschüttelt hatte.

Die Idee eines „Mitarbeiter-Specials“

In ihrer Plauderlaune schlug Bauer sogar ein neues Format für die Sendung vor. Als sie eine ominöse „Anna“ erwähnte – eine Mitarbeiterin der Show, die sie hinter den Kulissen betreut hatte –, pitchte sie die Idee eines Spezials für die Mitarbeiter von „Wer wird Millionär?“. Diese würden alle gerne einmal auf dem Stuhl sitzen. Jauch, skeptisch wie immer bei Änderungen an seinem Erfolgsformat, witzelte: „Aber dann haben alle was gewonnen und sind nicht mehr da. Dann ist der Laden wegen Reichtum geschlossen.“ Die Stimmung war gelöst, das Publikum amüsiert. Doch die Leichtigkeit sollte bald verfliegen.

Die fatale 16.000-Euro-Hürde

Das Unheil nahte in Form einer Sprachfrage für 16.000 Euro. Sie lautete: „Was lässt sich dem Wörterbuch entnehmen?“ Die Antwortmöglichkeiten waren tückisch konstruiert: A: der Antilop B: der Garnel C: der Kakerlak D: der Giraff

Es ging offensichtlich um die Frage, ob es für bestimmte, grammatisch feminine Tierbezeichnungen auch eine maskuline Form im Duden gibt. Christina Bauer war ratlos. Um kein Risiko einzugehen, zückte sie ihren ersten Joker für diese Frage: den 50:50-Joker. Übrig blieben „der Kakerlak“ und „der Giraff“. Doch auch diese Reduzierung brachte keine Erleuchtung.

Verunsichert griff sie zum nächsten Rettungsanker: dem Telefonjoker. Ihr ehemaliger Hausarzt wurde angerufen. Dieser tendierte mit einer Wahrscheinlichkeit von „75 Prozent“ zu „der Giraff“. Doch Bauer traute dem Braten noch immer nicht ganz. Auf Jauchs Anraten – vielleicht ein letzter Akt der Gnade des zuvor Verspotteten – setzte sie auch noch den dritten Joker ein. Da es sich um das Weihnachtsspecial handelte, gab es einen speziellen Bonusjoker im Publikum.

Das Herdentier-Phänomen

Der Zufall wollte es, dass der Zusatzjoker ausgerechnet an Alexander Kräver ging, ihren direkten Vorgänger auf dem Ratestuhl. Dieser schloss sich der Meinung des Telefonjokers an. Er betonte zwar, dass er es „nicht sicher wisse“, aber die Tendenz zum „Giraff“ bestätigte Bauer in ihrer Annahme. Es war ein klassischer Fall von psychologischer Bestätigung: Wenn zwei Menschen dasselbe vermuten, muss es ja stimmen.

Sie loggte „der Giraff“ ein.

Der tiefe Fall

Die Auflösung war ein Schock. Richtig wäre „der Kakerlak“ gewesen – eine zwar seltene, aber im Duden verzeichnete maskuline Nebenform für die Kakerlake (gemeine Küchenschabe). Für „Giraffe“ existiert keine maskuline Form „Giraff“. Das Entsetzen stand Christina Bauer ins Gesicht geschrieben. Nach dem Einsatz von drei Jokern und der Bestätigung durch zwei Ratgeber war die Fallhöhe maximal. Von sicher geglaubten 16.000 Euro oder mehr stürzte sie auf die Gewinnstufe von 500 Euro ab.

Jauch, der den Abend über so viel hatte einstecken müssen, kommentierte das Debakel vergleichsweise milde. Dennoch schwang eine gewisse Ironie mit: Die Kandidatin, die zuvor so forsch aufgetreten war, musste nun kleinlaut den Platz räumen. Ihr „Live-Joker“ Alexander Kräver entschuldigte sich noch aus dem Publikum, doch das Geld war futsch. Bauer nahm es äußerlich gelassen, doch der Schmerz über diese verpasste Chance dürfte tief sitzen.

Fazit: Wer zuletzt lacht

Dieser Abend zeigte einmal mehr die Unberechenbarkeit von „Wer wird Millionär?“. Weder eine große Klappe noch die maximale Anzahl an Jokern sind eine Garantie für den Erfolg. Für Günther Jauch war die Folge am Ende lukrativer als für seine Kandidatin – zumindest, wenn man es an der Genugtuung misst. Während Bauer mit 500 Euro und einem Stoffelch nach Hause fährt, bleibt die Lehre: Man sollte den Quizmaster nicht vor dem Abend loben – oder tadeln. Und man sollte niemals unterschätzen, was alles im deutschen Wörterbuch steht.