Marius Müller-Westernhagen ist mehr als nur ein Name; er ist eine Institution der deutschen Rockmusik. Mit fast 80 Jahren blickt er auf ein Leben zurück, das so turbulent war wie seine größten Hits. Er ist der Mann, der Stadien füllte, der mit seiner rauen Stimme und seiner charismatischen Bühnenpräsenz Millionen begeisterte. Doch wenn das Scheinwerferlicht erlischt und der Applaus verhallt, bleibt eine Stille zurück, die lauter ist als jeder Rocksong. In einer seltenen und bewegenden Offenheit gewährt der Künstler nun Einblicke in seine Seele – und offenbart eine tief sitzende Traurigkeit, die ihn seit Jahren begleitet.
Es ist das Paradoxon des Ruhms: Nach außen hin strahlt der Erfolg, doch im Inneren herrschen oft Zweifel und Einsamkeit. Westernhagen, der stets das Bild des unbezwingbaren, rebellischen “Pfefferminz-Prinzen” verkörperte, zeigt sich im Spätherbst seines Lebens von einer verletzlichen Seite. Diese Melancholie ist keine Depression, wie er betont, sondern eine tiefe, fast philosophische Erkenntnis über die Endlichkeit des Lebens und die Fehler der Vergangenheit.

Der hohe Preis des Erfolgs: Eine Ehe im Schatten der Karriere
Der vielleicht schmerzhafteste Punkt in Westernhagens Rückblick ist das Scheitern seiner zweiten Ehe mit dem Model Romney Williams (in Berichten oft fälschlicherweise Romina genannt). Fast drei Jahrzehnte waren sie ein Paar, galten als das Traumpaar der deutschen Unterhaltungsbranche. Sie überstanden den Trubel der 90er Jahre, den gigantischen Erfolg seiner Alben und die ständigen Reisen. Doch 2014 zerbrach dieses Bild der Beständigkeit. Die Trennung schockierte die Öffentlichkeit, doch für Westernhagen war es der Endpunkt einer schleichenden Entfremdung.
Heute, mit dem Abstand der Jahre, geht der Musiker hart mit sich selbst ins Gericht. Er gesteht ein, dass sein unstillbarer Ehrgeiz und seine Fokussierung auf die eigene Karriere einen Keil in seine Beziehung getrieben haben. “Ich war ein Egoist”, so könnte man seine Erkenntnis zusammenfassen. In den Jahren seines größten Erfolgs ordnete er alles dem Ziel unter, an der Spitze zu stehen. Die Bedürfnisse seiner Partnerin, ihre Träume und ihre Stimme gingen dabei oft unter. Er versuchte, ihr öffentliches Bild zu kontrollieren, sie zu beschützen, engte sie dabei aber – vielleicht unbewusst – ein. Diese späte Reue wiegt schwer. Die Erkenntnis, dass selbst die größte Liebe an mangelnder Achtsamkeit und falscher Prioritätensetzung zerbrechen kann, ist eine Lektion, die er auf die harte Tour lernen musste.
Die Flucht in die Kunst: Melancholie als Treibstoff
Doch Westernhagen wäre nicht der Künstler, der er ist, wenn er diesen Schmerz nicht in Kreativität umwandeln würde. Er beschreibt seine Traurigkeit nicht als lähmenden Zustand, sondern als kreativen Katalysator. “Ohne Melancholie keine Tiefe”, ist seine Überzeugung. Die fröhlichen Hymnen von einst sind nachdenklicheren Tönen gewichen. In seinen neueren Werken spürt man die Auseinandersetzung mit Verlust, mit dem Älterwerden und mit der Frage, was am Ende wirklich zählt.
Diese Ehrlichkeit macht ihn nahbarer denn je. Er spricht über die Zeiten, in denen Drogen und Alkohol Teil des Rock’n’Roll-Lebensstils waren – eine Flucht, die er längst hinter sich gelassen hat, die aber Teil seiner Geschichte bleibt. Er verschweigt nicht die Momente der Einsamkeit, in denen der Applaus von zehntausenden Menschen nicht ausreichte, um die innere Leere zu füllen. Es ist diese Authentizität, die seine Fans heute mehr denn je schätzen. Er ist kein unnahbarer Star mehr, sondern ein Mensch, der Fehler gemacht hat und dazu steht.

Ein neuer Anfang: Die Liebe als Erlösung
Aber die Geschichte von Marius Müller-Westernhagen ist keine Tragödie. Sie ist vielmehr eine Geschichte der Wandlung und der Erlösung. 2017 heiratete er die südafrikanische Sängerin Lindiwe Suttle. Diese Beziehung markiert einen Wendepunkt in seinem Leben. Mit Lindiwe fand er das, was er in den stürmischen Jahren seiner Karriere oft vermisst oder übersehen hatte: eine Partnerschaft auf Augenhöhe.
Er schwärmt von dieser neuen Liebe, nicht mit dem Überschwang eines Teenagers, sondern mit der tiefen Dankbarkeit eines Mannes, der weiß, was er zu verlieren hat. Bei Lindiwe darf er sein, wer er wirklich ist, ohne Maske, ohne das Image des Rockstars bedienen zu müssen. Er hat gelernt zuzuhören, Verantwortung zu teilen und den anderen nicht besitzen zu wollen. “Freiheit” und “Respekt” sind die Worte, die er heute wählt, wenn er über Liebe spricht. Es scheint, als habe die schmerzhafte Trennung von Romney ihn erst zu dem Partner gemacht, der er heute für Lindiwe sein kann.

Frieden schließen mit der Vergangenheit
Marius Müller-Westernhagen mit fast 80 Jahren ist ein Mann, der Frieden sucht und ihn zunehmend findet. Er hat akzeptiert, dass das Leben aus Licht und Schatten besteht. Seine “Traurigkeit” ist kein Feind mehr, sondern ein Begleiter, der ihn daran erinnert, jeden Moment zu schätzen.
Sein Lebensweg zeigt uns allen, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern. Dass man auch im hohen Alter noch wachsen, lernen und neu lieben kann. Die Fehler der Vergangenheit lassen sich nicht ungeschehen machen, aber man kann aus ihnen lernen, um die Gegenwart besser zu gestalten.
Westernhagens Geschichte ist eine Mahnung, den Erfolg nicht über die Menschlichkeit zu stellen, und gleichzeitig eine Ermutigung, dass nach jedem tiefen Tal auch wieder ein Gipfel wartet. Er ist heute vielleicht leiser geworden, nachdenklicher, aber in dieser Stille liegt eine Kraft, die lauter hallt als jeder Stadionrock. Der wahre Marius Müller-Westernhagen hat sich endlich gezeigt – und er ist beeindruckender als jede Kunstfigur, die er je erschaffen hat.
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