Es ist der Dienstag, der 6. Januar 2026. Draußen ist es kalt, doch in den sozialen Netzwerken und Feuilletons der Republik kocht die Stimmung. Es ist ein Moment, auf den Fans, Kritiker und besorgte Beobachter monatelang gewartet haben – und den viele kaum noch für möglich hielten. Nena, die Frau, die einst mit 99 Luftballons die Welt eroberte und in den letzten Jahren eher durch kryptische Botschaften als durch Hits auffiel, hat ihr Schweigen gebrochen. Mit 65 Jahren stellt sich Gabriele Susanne Kerner, wie sie bürgerlich heißt, endlich den Dämonen, die ihren späten Karriereweg zu einem Spießrutenlauf gemacht haben. Doch was sie zu sagen hat, ist mehr als nur eine Entschuldigung; es ist der Versuch einer Erklärung für einen Absturz, der beispiellos in der deutschen Popgeschichte erscheint.

Wir blicken zurück auf das Ereignis, das das Fass endgültig zum Überlaufen brachte und eine nationale Debatte auslöste, die bis heute anhält.

Die Nacht, in der die Musik verstummte: Das Altenberg-Drama

Wir schreiben den 23. August 2025. Der Europark in Altenberg, Sachsen, ist in sommerliches Abendlicht getaucht. Rund 2.500 Menschen haben sich versammelt, um Nena zu sehen. Es soll ein Fest der Nostalgie werden, ein unbeschwerter Abend voller Hits, die Generationen verbinden. Die Stimmung ist zunächst ausgelassen. Als die ersten Akkorde von “Nur geträumt” erklingen, scheint die Welt noch in Ordnung. Nena wirbelt über die Bühne, das Publikum jubelt. Doch der Schein trügt.

Was als fröhliches Open-Air-Konzert begann, verwandelte sich in den frühen Morgenstunden des Folgetages in ein Szenario der Angst. Bei der Dresdner Polizei gingen nacheinander verstörende Notrufe ein. Die Schilderungen glichen sich auf unheimliche Weise: Konzertbesucher, die kurz nach der Show über plötzliche, heftige Symptome klagten. Es war nicht der typische Kater nach zu viel Bier. Die Betroffenen – Männer und Frauen unterschiedlichen Alters – berichteten von massiven Sprachstörungen, orientierungslosem Schwindel, Übelkeit und beängstigenden Erinnerungslücken.

Besonders alarmierend: Viele der Opfer gaben glaubhaft an, kaum oder gar keinen Alkohol konsumiert zu haben. “Ich wollte nur noch nach Hause, aber meine Beine gehorchten mir nicht mehr”, berichtete eine 34-jährige Besucherin später den lokalen Medien. In schweren Fällen kam es zu vollständiger Ohnmacht.

Die Polizei reagierte schnell und leitete ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung ein. Der Verdacht wog schwer: K.O.-Tropfen oder ein unbekanntes Sedativum, möglicherweise massenhaft in Getränke gemischt. Forensische Teams sicherten weggeworfene Plastikbecher, werteten stundenlanges Videomaterial aus. Doch die Ergebnisse blieben vage, ein Täter konnte nicht ermittelt werden. Was blieb, war die Angst – und ein riesiges Fragezeichen hinter dem Namen der Hauptattraktion.

Das dröhnende Schweigen

Während die Opfer in Krankenhäusern behandelt wurden und die Polizei ermittelte, geschah auf Nenas Kanälen: nichts. Kein Wort des Bedauerns, kein Aufruf zur Mithilfe bei der Aufklärung, keine Solidaritätsbekundung mit den betroffenen Fans. Das Management blockte ab, verwies auf laufende Verfahren. Für eine Künstlerin, die sich jahrelang “Liebe und Licht” auf die Fahnen geschrieben hatte, wirkte diese Kälte schockierend.

In den sozialen Netzwerken braute sich ein Sturm zusammen. Unter dem Hashtag #NenaAnswers forderten Tausende Antworten. Doch Nena blieb in ihrer Blase. Während draußen die Welt Fragen stellte, postete sie weiter unverfängliche Inhalte oder schwieg ganz. Es war dieses Schweigen, das für viele schwerer wog als die Tat eines unbekannten Dritten. Es wirkte wie Desinteresse, wie eine arrogante Entrücktheit von der Realität ihrer Anhänger.

Kritiker zogen schnell Parallelen zu ihrem Verhalten während der Pandemie. War dies nur eine weitere Facette jener Nena, die sich schon 2020 und 2021 zunehmend von gesellschaftlichen Konsensen verabschiedet hatte?

Die Pandemie als Katalysator: Der Weg in die Isolation

Um die Wucht des aktuellen Skandals zu verstehen, muss man die Jahre davor betrachten. 2020, als die Welt in den Lockdown ging, begann Nenas Image Risse zu bekommen. Was zunächst als spirituelle Selbstreflexion daherkam, entwickelte sich schnell zu einer Rhetorik, die gefährlich nah an Verschwörungsmythen andockte.

“Ich habe meinen gesunden Menschenverstand…”, schrieb sie damals und warnte vor “Panikmache”. Begriffe wie “Licht” und “Liebe” wurden zu Codes, die in der Querdenker-Szene begierig aufgenommen wurden. Ihre öffentliche Unterstützung für Xavier Naidoo, der zu diesem Zeitpunkt bereits tief im Sumpf von QAnon-Verschwörungen und Reichsbürger-Ideologien steckte, war für viele der endgültige Bruch. Ein Herz-Emoji unter einem Video eines Mannes, der die Legitimität der Bundesrepublik bestritt? Für eine Künstlerin des Mainstreams eigentlich ein Karriere-Suizid.

Nena versuchte den Spagat. Sie wollte nicht in die rechte Ecke gestellt werden, bediente aber deren Narrative. Bei Konzerten forderte sie Fans auf, Sicherheitsabstände zu missachten, rief “Ich mache diesen Wahnsinn nicht mit” und ließ sich als “Schwurbel-Queen” verspotten. Die Konsequenzen waren spürbar: Absagen, Ausladungen, Radiosender, die ihre neuen Songs boykottierten. Doch Nena inszenierte sich als Märtyrerin der Meinungsfreiheit, als diejenige, die sich nicht verbiegen lässt.

Bis zum Altenberg-Vorfall. Hier ging es nicht mehr um Meinungen oder Masken. Hier ging es um die körperliche Unversehrtheit ihrer Fans. Und hier versagte ihre Strategie des “Lächelns und Schweigens” auf ganzer Linie.

Das Bekenntnis: “Ich habe Fehler gemacht”

Nun, im Januar 2026, liegen die Karten auf dem Tisch. In einem Interview, das bereits im November 2025 für das ZDF aufgezeichnet und nun breit diskutiert wird, zeigt sich Nena so verletzlich wie lange nicht mehr. Es ist keine triumphale Rückkehr, es ist ein Gang nach Canossa.

“Ich habe zu vage gesprochen, und andere haben die Lücken gefüllt”, gibt sie zu. Ein Satz, der tief blicken lässt. Erstmals erkennt sie an, dass ihre Kommunikation nicht nur missverstanden wurde, sondern aktiv Schaden angerichtet hat. “Das geht auf mich zurück”, sagt sie. Es ist das erste Mal, dass sie Verantwortung übernimmt – nicht für die Vergiftungen in Altenberg direkt (das wäre juristisch heikel), aber für das Klima, das sie um sich herum geschaffen hat.

Sie spricht von “Verwirrung und Schmerz”, die sie verursacht habe. Für langjährige Beobachter ist dies eine Sensation. Die Frau, die noch 2021 trotzig von der Bühne stürmte, wirkt nachdenklich, fast gebrochen. “Ich dachte, ich stünde für Liebe und Offenheit”, resümiert sie, “aber ich sehe jetzt, wie manches entfremdend wirkte.”

Doch reicht das? Kritiker bemängeln, dass auch dieses Interview eine gewisse Unschärfe behält. Eine direkte Entschuldigung bei den Opfern von Altenberg? Fehlanzeige – vermutlich auf Anraten ihrer Anwälte. Dennoch: Der Ton hat sich geändert. Die Reue wirkt echt, auch wenn sie spät kommt.

Hinter der Fassade: Ein Leben voller Brüche

Um Nena wirklich zu begreifen, darf man das Mädchen aus Hagen nicht vergessen, das nie ein Symbol sein wollte. Gabriele Susanne Kerner war nie die politische Intellektuelle, als die sie manche in den 80ern sehen wollten. Sie war intuitiv, emotional, “aus dem Bauch heraus”. Das machte ihren Charme aus, wurde ihr aber im komplexen Informationszeitalter zum Verhängnis.

Der vielleicht wichtigste Schlüssel zu ihrer Psyche ist der tragische Verlust ihres erstgeborenen Sohnes Christopher. 1988 geboren, starb er nach elf Monaten qualvollen Leidens an den Folgen eines Sauerstoffmangels bei der Geburt. Nena pflegte ihn, begleitete ihn in den Tod. Ein Trauma, das jeden Menschen verändern würde.

In ihren Memoiren beschrieb sie, wie dieser Verlust sie spirituell öffnete. Sie suchte Antworten jenseits der Schulmedizin und des Rationalen. “Der Tod gehört zum Leben”, wurde zu ihrem Mantra. Diese Hinwendung zum Spirituellen, zum “Fühlen” statt “Denken”, mag ihr damals das Überleben gesichert haben. Doch genau dieses Denkmuster könnte es gewesen sein, das sie in der Pandemie anfällig für esoterische Erklärungsmodelle und Wissenschaftsskepsis machte. Wer einmal erlebt hat, dass Ärzte fatale Fehler machen (wie bei der Geburt ihres Sohnes), vertraut “dem System” vielleicht nie wieder ganz.

Die Tragik liegt darin, dass genau die Bewältigungsstrategie, die ihr privates Leben rettete, ihre öffentliche Persona zerstörte. Ihr Glaube an “Seelen” und “Energie” kollidierte frontal mit einer weltweiten Gesundheitskrise, die rationale, wissenschaftliche Antworten verlangte.

Die Zukunft einer gefallenen Ikone

Was bleibt nun von Nena? Sie tourt weiter, nimmt Musik auf, fördert junge Künstler auf ihrem eigenen Label. Doch die großen Hallen sind Geschichte, zumindest vorerst. Das Publikum ist gespalten. Da sind die Unentwegten, die “Nena-Ultras”, die ihr alles verzeihen und in ihr immer noch das Mädchen mit den Luftballons sehen. Und da ist die breite Masse, die sich abgewendet hat, enttäuscht von einer Künstlerin, die in einer Zeit der Krise keine Orientierung bot, sondern Verwirrung stiftete.

Der Vorfall von Altenberg bleibt als dunkler Fleck. Auch wenn Nena keine Schuld an den vergifteten Getränken trägt, so trägt sie doch die Last des Umgangs damit. Ihr spätes Eingeständnis ist ein erster Schritt, vielleicht der wichtigste seit Jahren. Ob er ausreicht, um das verlorene Vertrauen wiederherzustellen, ist fraglich.

Deutschland hat ein kompliziertes Verhältnis zu seinen Stars. Wir lieben den Aufstieg und wir inszenieren den Fall. Nenas Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben. Vielleicht ist dieses Interview der Beginn einer Altersweisheit, einer neuen Phase der Ehrlichkeit. Vielleicht ist es aber auch nur der letzte Versuch, eine Karriere zu retten, die in den Trümmern der eigenen Weltanschauung zu versinken droht.

Eines ist sicher: Wenn heute im Radio “99 Luftballons” läuft, schwingt ein neuer Unterton mit. Es ist nicht mehr nur die Angst vor dem Atomkrieg, die wir hören. Es ist auch die Melancholie über den Verlust von Unschuld und Klarheit in einer Welt, die komplizierter geworden ist, als es ein Popsong je abbilden könnte. Nena hat Fehler gemacht, schwere Fehler. Sie hat geschwiegen, als sie hätte laut sein müssen, und geredet, als Schweigen Gold gewesen wäre. Aber sie hat sich nun gestellt. Das verdient zumindest Gehör – wenn auch noch lange keine Absolution.