Es sind oft die kleinen Anekdoten, die wir uns über unsere Eltern erzählen, um ihr Wesen zu beschreiben. Für Uschi Glas, die „Grand Dame“ des deutschen Fernsehens, war es lange Zeit die Geschichte über den „King of Rock ’n’ Roll“. In Talkshows erzählte die heute 81-Jährige gerne schmunzelnd, wie sie und ihre Geschwister in den späten 50er Jahren zu den Hits von Elvis Presley tanzten, während ihr Vater Christian die Musik als „abartig“, „unsittlich“ und „obszön“ verdammte. Es klang nach dem klassischen Generationenkonflikt der Nachkriegszeit: die rebellische Jugend gegen das konservative, steife Elternhaus. Doch wie sich nun herausstellt, war dieser Konservatismus nur die Spitze eines Eisbergs, dessen dunkles Fundament jahrzehntelang im Verborgenen lag.

Was als harmlose Recherche nach den eigenen Wurzeln begann, endete für Uschi Glas in einem persönlichen Albtraum, der ihr Weltbild erschütterte. Die Schauspielerin, die sich seit Jahren vehement und lautstark gegen Antisemitismus einsetzt, musste erfahren, dass der Schatten des Nationalsozialismus auch über ihrem eigenen Elternhaus liegt – dunkler und bedrohlicher, als sie es je für möglich gehalten hätte.

Die Suche nach der Identität endet im Schock

Der Auslöser für die schmerzhafte Reise in die Vergangenheit war eigentlich ein Hoffnungsschimmer. Uschi Glas war über den Mädchennamen ihrer Mutter, „Lichtenstern“, gestolpert. Ein Name, der oft jüdischen Ursprungs ist. In der Hoffnung, jüdische Vorfahren zu finden und damit vielleicht auch eine tiefere, persönliche Verbindung zu ihrem heutigen Engagement für jüdisches Leben in Deutschland zu entdecken, beauftragte sie Anfang des Jahres 2025 einen professionellen Ahnenforscher. Sie wollte Klarheit. Sie wollte die Wahrheit. Doch die Wahrheit, die sie fand, war eine andere.

Statt einer jüdischen Familiengeschichte förderte der Historiker Christian Andreas Hoske Dokumente zutage, die ein völlig anderes Bild ihres Vaters Christian zeichneten. Die Familie war seit Jahrhunderten katholisch, doch die politische Gesinnung des Vaters in seiner Jugend war tiefbraun. Die Akten enthüllten: Christian Glas war bereits am 1. Dezember 1931 in die NSDAP eingetreten. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade einmal 18 Jahre alt. Ein Eintritt, zwei Jahre vor der Machtergreifung Adolf Hitlers, deutet nicht auf einen opportunistischen Mitläufer hin, der sich dem Druck der Masse beugte, sondern auf eine frühe ideologische Überzeugung.

Von der Partei zur Waffen-SS

Doch es blieb nicht bei der frühen Parteimitgliedschaft. Die Recherche deckte auf, dass Christian Glas im weiteren Verlauf des Krieges, genauer gesagt im Jahr 1944, zur Waffen-SS eingezogen wurde. Er diente als Funker in der SS-Gebirgsdivision „Skanderbeg“. Diese Einheit, die vorwiegend auf dem Balkan operierte, ist Historikern heute vor allem wegen ihrer brutalen Vorgehensweise und zahlreicher Kriegsverbrechen bekannt. Zwar trat Glas der Einheit erst zu einem Zeitpunkt bei, als die schlimmsten Massaker bereits verübt waren, und es gibt keine Belege für seine persönliche Beteiligung an Kriegsverbrechen – seine Rolle wird in den Akten als „technische Funktion ohne Fronteinsatz“ beschrieben –, doch allein die Zugehörigkeit zur Waffen-SS ist ein Stempel, der schwer wiegt.

Für Uschi Glas war diese Enthüllung ein Schock. „Das war die Wahrheit, die weh tut“, gestand sie in einem bewegenden Interview. „Aber man kann sich die Wahrheit nicht immer aussuchen.“ Jahrzenhntelang hatte ihr Vater geschwiegen. Wie so viele Männer seiner Generation hatte er die Zeit zwischen 1933 und 1945 in einen mentalen Tresor gesperrt und den Schlüssel weggeworfen. Auf Fragen seiner Tochter antwortete er stets ausweichend: „Das verstehst du nicht.“ Heute, wo er nicht mehr lebt, bleiben die Fragen unbeantwortet. Warum trat er so früh ein? Was hat er gesehen? Was hat er gewusst?

Das Schweigen der Väter und die Last der Kinder

Die Geschichte von Uschi Glas ist exemplarisch für viele deutsche Familien. Das große Schweigen am Abendbrotstisch der 50er und 60er Jahre war allgegenwärtig. Während man sich über die „Hottentotten-Musik“ von Elvis aufregte und auf Sitte und Ordnung pochte, wurden die eigenen Verstrickungen in das verbrecherischste Regime der Menschheitsgeschichte totgeschwiegen. Für die Tochter ist diese Diskrepanz heute kaum zu ertragen. Der Vater, der ihr beibrachte, man müsse „morgens noch in den Spiegel schauen können“, hatte selbst möglicherweise Probleme mit seinem Spiegelbild.

„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn gelöchert“, sagt Glas heute. Doch die Chance zur Auseinandersetzung ist vertan. Was bleibt, ist die Verantwortung der Nachgeborenen. Und genau hier zieht Uschi Glas eine bewundernswerte Konsequenz. Anstatt die Akten zu verbrennen und das Image der heilen Familie zu wahren, entschied sie sich für die Flucht nach vorn: in die absolute Offenheit. In ihrem Buch „Du bist unwiderstehlich, Wahrheit“, das sie gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Charlotte Knobloch verfasste, legt sie alles offen.

Ein Zeichen gegen den Hass von heute

Die Enthüllung erhält eine noch dramatischere Brisanz durch Uschi Glas’ aktuelles politisches Engagement. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist die Schauspielerin nicht mehr nur die beliebte TV-Ikone, sondern eine der lautesten Stimmen gegen Antisemitismus in Deutschland. Sie marschiert bei „Run for their lives“ mit, dreht Kampagnenvideos mit Ministerpräsident Markus Söder und bezieht klar Stellung. „Nie wieder ist jetzt“, ist für sie keine hohle Phrase.

Dieser Mut hat einen hohen Preis. Uschi Glas wird in sozialen Netzwerken massiv angefeindet, erhält Morddrohungen. „Wo ist der Syrer mit dem Messer, wenn man ihn braucht?“, lautete einer der widerwärtigen Kommentare. Doch die 81-Jährige lässt sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil: Das Wissen um die Verirrungen ihres Vaters scheint ihren moralischen Kompass nur noch stärker justiert zu haben.

„Wenn du jetzt nichts machst, bist du auch eine Mittäterin“, sagt sie sich selbst. Sie will nicht schweigen, wie es ihr Vater tat. Sie will nicht wegsehen. Wenn ihre Enkel sie eines Tages fragen: „Oma, was hast du eigentlich damals gemacht, als der Judenhass wieder aufkam?“, dann will sie eine Antwort haben. Sie will sagen können: „Ich habe mich nicht weggeduckt.“

Die Versöhnung mit der eigenen Geschichte

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Uschi Glas, die eigentlich jüdische Wurzeln suchte, nun mit einer Nazi-Biografie konfrontiert ist. Doch vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion ihrer Recherche: Es kommt nicht darauf an, welches Blut in unseren Adern fließt oder was unsere Vorfahren getan haben – wir sind nicht verantwortlich für ihre Taten. Aber wir sind verantwortlich dafür, wie wir mit der Geschichte umgehen.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, zollte ihrer Freundin großen Respekt für diesen Schritt an die Öffentlichkeit. Dass eine Überlebende des Holocaust und die Tochter eines frühen NSDAP-Mitglieds heute Seite an Seite stehen und gemeinsam für Demokratie und Menschlichkeit kämpfen, ist vielleicht das stärkste Symbol der Hoffnung, das man sich in diesen aufgewühlten Zeiten wünschen kann.

Der harmlose Streit um Elvis Presley, an den sich Uschi Glas so lebhaft erinnerte, erscheint nun in einem anderen Licht. Es war nicht nur Musik. Es war der erste instinktive Widerstand einer Generation, die spürte, dass mit der Autorität der Väter etwas nicht stimmte. Heute, über 60 Jahre später, hat Uschi Glas diesen Widerstand zu ihrer Lebensaufgabe gemacht – nicht mehr gegen den Vater, sondern für die Werte, die er damals verraten hatte.