Ein leiser Abschied unter der spanischen Sonne

Die Nachricht traf die deutsche Fernsehlandschaft kurz vor Weihnachten wie ein stiller, aber gewaltiger Schock. Uwe Kockisch, der Mann mit dem markanten Gesicht, den durchdringenden Augen und der ruhigen Stimme, ist tot. Er starb am Montag, den 22. Dezember 2025, im Alter von 81 Jahren in seiner Wahlheimat Madrid. Fernab vom grauen Berliner Winter und dem hektischen Treiben des Showgeschäfts schloss einer der größten Charakterdarsteller Deutschlands für immer die Augen.

Für Millionen war er Commissario Guido Brunetti, der melancholische Ermittler, der durch die Gassen Venedigs schritt und Verbrechen mit Verstand statt mit der Waffe löste. Für andere bleibt er als Hans Kupfer in der ARD-Serie Weissensee unvergessen – eine Rolle, die so viel mehr war als nur Schauspielerei. Doch wer Uwe Kockisch wirklich verstehen will, muss tiefer blicken. Hinter der Fassade des erfolgreichen TV-Stars verbarg sich ein Leben, das von Brüchen, Widerständen und einer tiefen Sehnsucht nach Freiheit geprägt war.

Das Gesicht Venedigs: Ein Abschied von Brunetti

Wenn Uwe Kockisch als Commissario Brunetti auf dem Bildschirm erschien, passierte etwas Ungewöhnliches im deutschen Fernsehen: Es wurde still. Er war kein Mann der großen Gesten oder lauten Worte. Seine Präsenz reichte aus. 2003 übernahm er die Rolle von Joachim Król und machte sie sich so sehr zu eigen, dass man sich heute kaum noch jemand anderen in den Kanälen Venedigs vorstellen kann.

16 Jahre lang, bis zum Finale der Reihe im Jahr 2019, lieh er der Figur von Donna Leon sein Gesicht. Er spielte Brunetti nicht einfach, er war Brunetti. Seine Darstellung war geprägt von einer feinen Ironie, einer tiefen Menschlichkeit und einer Melancholie, die perfekt zur morbiden Schönheit der Lagunenstadt passte. Selbst der letzte Film zog am ersten Weihnachtstag 2019 noch über 5,5 Millionen Zuschauer in den Bann. Es war diese Beständigkeit, diese verlässliche Qualität, die Kockisch zu einer festen Größe in den deutschen Wohnzimmern machte.

Donna Leon selbst schätzte ihn sehr. Er verkörperte jene moralische Integrität, die ihre Bücher auszeichnete. Doch Kockisch war klug genug, sich nicht auf diese eine Rolle reduzieren zu lassen. Während er in Venedig den Guten spielte, tauchte er parallel in die Abgründe der deutschen Geschichte ein.

Der Schatten der Vergangenheit: Hans Kupfer und die DDR

Vielleicht war seine Darstellung des Stasi-Generals Hans Kupfer in der preisgekrönten Serie Weissensee (2010–2018) seine größte schauspielerische Leistung. Kupfer war kein eindimensionaler Bösewicht, sondern ein zerrissener Mann, ein Täter mit Gewissen, der am Ende versuchte, die Fehler eines unmenschlichen Systems zu korrigieren. Dass Kockisch diese Rolle mit einer solchen Intensität spielen konnte, lag nicht zuletzt an seiner eigenen Biografie.

Geboren 1944 in Cottbus, wuchs Uwe Kockisch in der DDR auf. Sein Vater war im Krieg gefallen, die Mutter zog ihn groß. Als junger Mann, gerade 17 Jahre alt, traf er 1961 eine Entscheidung, die sein Leben für immer zeichnen sollte: Er wollte raus. Weg aus der Enge, weg aus der Bevormundung. Gemeinsam mit Freunden versuchte er, über die Ostsee in den Westen zu fliehen. Der Plan scheiterte.

Die Konsequenz war brutal: Ein Jahr Zuchthaus. Für einen sensiblen jungen Mann hätte dies das Ende bedeuten können. Kockisch beschrieb diese Zeit später als Phase, in der man vom Subjekt zum Objekt degradiert wurde. „Man tut ja nur, was einem gesagt wird, und hält den Mund“, sagte er einmal rückblickend. Doch anstatt zu zerbrechen, nutzte er die Erfahrung. Die Beobachtungen, die er im Gefängnis machte, die Charaktere, die er dort traf – all das wurde später zum Fundus für seine Arbeit. „Das hat mich ganz schnell reifen lassen“, resümierte er ohne Bitterkeit.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Mann, der vom DDR-Regime eingesperrt wurde, später einen seiner ranghöchsten Offiziere so brillant verkörperte. Kockisch spielte Hans Kupfer nicht als Monster, sondern als Menschen im Fadenkreuz der Geschichte – und genau das machte die Figur so beängstigend real.

Vom Theaterstar zum Fernsehliebling

Nach seiner Haftentlassung führte ihn sein Weg nicht zurück in die Resignation, sondern auf die Bühne. Er studierte an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und fand seine künstlerische Heimat am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Über 20 Jahre lang stand er dort auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Er war ein Arbeiter im Weinberg der Kunst – präzise, diszipliniert, kompromisslos.

Kollegen beschrieben ihn als jemanden, der nichts dem Zufall überließ. Seine Schauspielerei war Handwerk im besten Sinne. Er brauchte keinen roten Teppich, um zu glänzen. Sein Ruhm wuchs langsam, aber stetig. Rollen in Polizeiruf 110, Der Staatsanwalt hat das Wort oder später als Kommissar in Zappek ebneten den Weg für den späten, großen Ruhm als Brunetti und Kupfer.

Das private Glück in Madrid

So sehr er auf dem Bildschirm präsent war, so sehr schützte er sein Privatleben. Uwe Kockisch war kein Star für die Klatschspalten. Doch eine Geschichte ist bekannt, und sie ist fast so filmreif wie seine Rollen: Seine Liebe zu Christine Gautier.

Nach Jahren in Berlin und einer langen Beziehung mit der Schauspielerin Franziska Petri zog es ihn in den Süden. In Madrid fand er nicht nur eine neue Heimat, sondern auch sein spätes Glück. „Wenn es in Berlin ab November immer grauer werde, fände er es sehr schön, dass draußen die Sonne scheint“, sagte er einmal pragmatisch. Doch es war mehr als das Wetter. Es war die Freiheit, die er dort spürte.

Mit seiner Frau Christine genoss er die Jahre abseits des Rampenlichts. Er, der einst eingesperrt war, lebte nun selbstbestimmt unter südlicher Sonne. Berichten zufolge war es eine Lungenkrebserkrankung, die diesem erfüllten Leben nun ein Ende setzte. Doch Kockisch ging so, wie er gelebt hatte: ohne großes Drama, im Kreise seiner Liebsten.

Was bleibt

Mit Uwe Kockisch verliert Deutschland einen Schauspieler, der bewies, dass man nicht laut sein muss, um unvergesslich zu bleiben. Er lehrte uns, dass ein Blick mehr sagen kann als tausend Worte und dass wahre Stärke oft in der Stille liegt.

Ob als venezianischer Kommissar, der über die Moral philosophiert, oder als DDR-Offizier, der an seiner Schuld zerbricht – Kockisch gab seinen Figuren Würde. Er nahm das Publikum ernst. Er hinterlässt ein Werk, das Bestand haben wird. Wer heute noch einmal eine alte Donna Leon-Folge einschaltet oder Weissensee streamt, wird ihn mit anderen Augen sehen: Nicht nur als Darsteller, sondern als einen Überlebenskünstler, der seine Narben in Kunst verwandelte.

Adieu, Commissario. Ruhe in Frieden, Uwe Kockisch. Die Sonne Madrids mag für dich untergegangen sein, aber dein Licht auf der Leinwand wird noch lange strahlen.