In der glitzernden Welt des deutschen Schlagers gibt es kaum eine Hürde, die so hoch ist wie der Vergleich mit der unangefochtenen Königin des Genres: Helene Fischer. Für Vanessa Mai, die heute selbst zu den strahlendsten Sternen am Musikhimmel zählt, war genau dieser Vergleich jahrelang ein ständiger Begleiter – und oft eine schwere Last. Doch nun, mit 33 Jahren und einer gefestigten Karriere, blickt die Sängerin mit einer überraschenden Offenheit auf ihre Anfänge zurück. Was früher eine Bürde war, bezeichnet sie heute als ihr größtes Glück.

Der Weg zum Ruhm begann für die gebürtige Backnangerin alles andere als glamourös. Im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ erinnerte sich Vanessa Mai an jenen Moment, der fast das Ende ihrer Träume bedeutet hätte, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatten. Mit gerade einmal 14 Jahren wurde sie von ihrer Mutter kurzerhand bei einem lokalen Gesangswettbewerb angemeldet. „Ich war sauer, habe mich nicht getraut“, gestand Mai rückblickend. Trotz der Angst zog es sie auf die Bühne, doch die Premiere geriet zum Desaster. Mit einem Song von Alicia Keys scheiterte sie kläglich. „Ich war schlecht“, erinnert sie sich nüchtern. Es war die erste schmerzhafte Lektion in einem Geschäft, das keine Fehler verzeiht.
Besonders die soziale Kälte ihrer Mitschüler setzte der jungen Träumerin damals zu. Wer anders ist und große Ziele verfolgt, wird oft belächelt. Doch Mai ließ sich nicht beirren. Trotz einer angefangenen Ausbildung zur Mediengestalterin blieb ihr Fokus klar: Sie wollte singen. Der Durchbruch gelang schließlich mit der Band „Wolkenfrei“, doch der wahre Sturm brach los, als sie ihre Solokarriere startete. Plötzlich war sie überall präsent, doch die Schlagzeilen lauteten fast immer gleich: „Die neue Helene Fischer ist da.“
Diese Zuschreibung war für die junge Künstlerin ein zweischneidiges Schwert. „Ich wollte Vanessa sein“, erklärt sie heute die damalige Zerrissenheit. Es war ein Kampf um die eigene Identität in einer Branche, die dazu neigt, erfolgreiche Formeln einfach zu kopieren. Man wollte sie in eine Schublade stecken, in der bereits eine andere Frau thronte. Doch mit dem Abstand von fast zwei Jahrzehnten hat sich ihre Sichtweise radikal gewandelt. Heute betrachtet sie die Vergleiche mit der 41-jährigen Kollegin als „Geschenk“. Der Grund ist simpel, aber pragmatisch: Dieser Vergleich gab ihr die nötige Sichtbarkeit in einer Zeit, in der es für junge Talente noch möglich war, eine landesweite Bekanntheit zu erlangen – ein Privileg, das laut Mai heute weitaus schwieriger zu erreichen ist.

Ihre Bewunderung für Helene Fischer ist dabei ungebrochen. Bereits 2023 äußerte sie sich wohlwollend über die Kollegin. Es ist kein Konkurrenzkampf mehr, sondern Anerkennung für eine Leistung, die das gesamte Genre geprägt hat. Doch nicht nur Helene Fischer spielt eine Rolle in ihrem Leben. Durch ihre Ehe mit Andreas Ferber ist sie Teil einer der einflussreichsten Familien der Schlagerwelt geworden. Ferber ist der Sohn von Uli Ferber, dem Ehemann von Andrea Berg.
Der erste Kontakt mit der Schlagerikone Andrea Berg war für Vanessa Mai von purer Nervosität geprägt. „Als ich mein erstes Weihnachten mit ihnen verbrachte, war ich unfassbar nervös“, verrät sie. Doch die Angst vor der „Schwiegermutter“ war unbegründet. Andrea Berg nahm sie liebevoll in den Familienkreis auf. Für Vanessa Mai ist Berg heute beides: eine unerreichbare Ikone auf der Bühne und ein ganz normales Familienmitglied am heimischen Esstisch.

Die Geschichte von Vanessa Mai ist eine Geschichte der Emanzipation. Sie zeigt, dass man den Schatten der Großen nicht fürchten muss, sondern ihn als Sprungbrett nutzen kann, um schließlich im eigenen Licht zu stehen. Vom schüchternen Mädchen aus Backnang, das bei seinem ersten Auftritt versagte, ist sie zu einer Frau gereift, die genau weiß, wer sie ist: nicht die „neue Helene“, sondern die einzige Vanessa Mai. Ihre Reise erinnert uns daran, dass Träume Mut erfordern und dass Vergleiche uns vielleicht definieren können, solange wir ihnen nicht erlauben, uns zu begrenzen.
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