Es ist Dezember 2025, und über der deutschen Hauptstadt liegt eine bleierne Schwere. Doch es ist nicht nur der graue Winterhimmel, der auf das Gemüt der politischen Elite drückt. Es ist eine Stimmung, die man am besten als “Ruhe vor dem Sturm” bezeichnen könnte. Während die Bürger auf den Weihnachtsmärkten versuchen, die Sorgen des Jahres für einen Moment zu vergessen, brennt in den Hinterzimmern des Bundestages und im Kanzleramt noch spät in der Nacht das Licht. Der Auslöser für diese nervöse Unruhe ist kein neuer Gesetzesentwurf und keine Haushaltsdebatte im herkömmlichen Sinne. Es ist ein Video. Ein Video von einem Mann, den die SPD am liebsten aus ihren Geschichtsbüchern tilgen würde: Altkanzler Gerhard Schröder.

Was auf den ersten Blick wie ein nostalgisches Aufbäumen eines politischen Rentners wirken mag, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als politischer Sprengstoff erster Güte. Denn Schröder spricht in diesem viral gegangenen Clip Dinge aus, die im Berliner Regierungsviertel wie Ketzerei behandelt werden – und die gleichzeitig Wasser auf die Mühlen der AfD und ihrer Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel sind.

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Die späte Rache der Realität

Alice Weidel, die oft als scharfzüngige Kritikerin der Regierungspolitik auftritt, wirkt in diesen Tagen weniger wie eine Oppositionelle, die angreifen muss, sondern eher wie jemand, der sich entspannt zurücklehnt und sagt: “Ich habe es euch ja gesagt.” Seit Jahren predigt Weidel im Bundestag, dass der deutsche Wohlstand auf einer simplen Formel basierte: günstige Energie. Die Abkehr von russischem Gas, die Sprengung von Nord Stream und die Hinwendung zu teurem Flüssiggas (LNG) aus den USA bezeichnete sie stets als “ökonomischen Selbstmord”.

Nun, im Winter 2025, in dem Deutschland tief in einer Rezession steckt, die sich gewaschen hat, bekommt sie Schützenhilfe von unerwarteter Seite. Wenn Gerhard Schröder in seinem Video die Abkehr von Nord Stream als fatalen Fehler bezeichnet, dann ist das mehr als nur die Meinung eines Ex-Kanzlers. Es ist eine Bestätigung der AfD-Programmatik durch den letzten “echten” Sozialdemokraten, wie Weidel ihn nun taktisch klug nennt.

Die Reaktionen der regierenden Koalition unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) und seinen SPD-Partnern sind bezeichnend. Anstatt souverän zu reagieren, wirkt das Regierungslager dünnhäutig. Man spürt: Hier wird ein Narrativ angegriffen, auf dem die gesamte Politik der letzten Jahre fußte. Die Erzählung, man könne eine Industrienation wie Deutschland problemlos mit volatilen erneuerbaren Energien und teuren Importen betreiben, kollidiert brutal mit der Realität.

Der Ausverkauf der deutschen Industrie

Um die Brisanz der Lage zu verstehen, muss man nicht einmal Weidel oder Schröder zuhören – ein Blick in die Wirtschaftsnachrichten genügt. Die Namen, die Weidel in ihren Reden immer wieder auf den Tisch legt, sind Symbole des deutschen Niedergangs geworden: BASF, Miele, die Ikonen des Mittelstands. Sie schließen Werke, verlagern Produktionen ins Ausland oder streichen tausende Stellen.

“Die Deindustrialisierung Deutschlands ist kein Naturgesetz”, betonte Weidel letzte Woche im Bundestag. “Sie ist eine bewusste politische Entscheidung.” Diese Worte hallen nun, unterfüttert durch die aktuelle Debatte, noch lauter nach. Das Argument ist simpel und für jeden Bürger, der seine Heizkostenabrechnung sieht, nachvollziehbar: Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise keine Produktion. Ohne Produktion kein Wohlstand.

Dass nun Schröder genau in diese Kerbe schlägt und implizit bestätigt, dass die Ideologie über die ökonomische Vernunft gestellt wurde, ist für die Regierung Merz ein PR-Desaster. Friedrich Merz, der angetreten war, um als “Wirtschaftskanzler” das Erbe Merkels und der Ampel zu korrigieren, findet sich in der Rolle des Verwalters des Niedergangs wieder. Er führt fort, was er als Oppositionsführer mit vorbereitet hat, so der Vorwurf der AfD. Die Brandmauer, jenes politische Konstrukt, das die Zusammenarbeit mit der AfD verhindern soll, wird von der Realität unterspült.

Deutscher Bundestag - Alice Weidel: Achtung der Bürgerrechte einfordern,  ist wichtigste Aufgabe

Der Trump-Faktor: Ein Albtraum für Berlin

Doch die wirtschaftliche Misere ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die geopolitische Großwetterlage, die sich seit November 2025 radikal gedreht hat. Donald Trump sitzt wieder im Weißen Haus. Und anders als von vielen deutschen Medien und Politikern erhofft, agiert er genau so, wie er es angekündigt hat. Er fordert Frieden – und zwar schnell.

Das Schröder-Video gewinnt seine eigentliche Sprengkraft durch diesen Kontext. Schröder lobt Trump dafür, dass er den Krieg in der Ukraine beenden will. Das ist deckungsgleich mit der Linie der AfD: Diplomatie statt Waffenlieferungen. Für die Bundesregierung ist das der “Perfect Storm”. Man hat alles auf die Karte “Siegfrieden” gesetzt. Milliarden Euro, die im maroden deutschen Bildungssystem oder bei der Rentenkasse fehlen, flossen in einen militärischen Konflikt, der – wie Schröder und Weidel unisono behaupten – militärisch nicht zu gewinnen ist.

Alice Weidel sieht die kommende Woche als entscheidend an. “Nächste Woche wird es passieren”, raunt es durch die Flure. Damit ist die Erwartung gemeint, dass aus Washington neue diplomatische Initiativen kommen, die Deutschland zwingen werden, Farbe zu bekennen. Wenn Trump einen Deal vorschlägt, steht Berlin nackt da. Friedrich Merz müsste sich entscheiden: Folgt er dem US-Präsidenten und damit faktisch der Linie, die die AfD seit Jahren fordert? Oder bleibt er stur, riskiert den Bruch mit den USA und isoliert Deutschland vollends?

Ablenkungsmanöver und “verschwundene Akten”

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wirken plötzlich auftauchende Nebenkriegsschauplätze wie verzweifelte Ablenkungsmanöver. Kaum ging das Schröder-Video viral, tauchten Berichte über “verschwundene Akten” und Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Schröder und Stiftungen auf. Ein Zufall? Alice Weidel glaubt nicht daran.

Für sie ist dies der “Modus Operandi eines sterbenden Systems”. Wer das herrschende Narrativ stört, wer die Transformation – die Weidel als Verarmung übersetzt – kritisiert, wird bekämpft. Nicht mit besseren Argumenten, sondern mit juristischen Mitteln, mit dem Verfassungsschutz oder eben mit medialen Schmutzkampagnen. Die Parallelität der Ereignisse ist für Beobachter frappierend: Während gegen die AfD das Verbotsverfahren diskutiert wird, versucht man nun, den Ex-Kanzler zu kriminalisieren.

“Wenn sie einen ehemaligen Bundeskanzler wie einen Kriminellen behandeln, nur weil er für Frieden und günstige Energie wirbt, was glaubt ihr, haben sie mit euch vor?”, fragt Weidel rhetorisch in Richtung der Bürger. Es ist eine Strategie der Einschüchterung, die jedoch – so scheint es – immer weniger verfängt. Die Umfragewerte der AfD steigen, besonders im Osten, aber auch im Westen wächst der Unmut. Die Menschen haben das Gefühl, dass hier politische Gegner mundtot gemacht werden sollen, weil man inhaltlich blank ist.

Das Fenster der Gelegenheit

Die kommende Sitzungswoche im Bundestag könnte tatsächlich historisch werden. Der Haushalt platzt aus allen Näten, die Steuereinnahmen brechen aufgrund der Rezession weg, und nun erhöht Trump den Druck auf die NATO-Ausgaben massiv. Die Bundesregierung steht mit dem Rücken zur Wand.

Es gibt Gerüchte, dass Schröder im Hintergrund Kontakte nutzt, die die aktuelle Außenministerin und ihr Kollege Habeck längst verbrannt haben. Dass ein Altkanzler in Abu Dhabi oder anderswo Friedensgespräche oder Energie-Deals anbahnen könnte, während die offizielle Diplomatie nur noch aus moralischen Appellen auf Twitter besteht, ist eine Demütigung für das Auswärtige Amt. Weidel schlachtet diese Doppelmoral gnadenlos aus. Sie zeigt auf die Regierung und sagt: “Seht her, die Dilettanten ruinieren das Land, während die Realisten als Verräter gebrandmarkt werden.”

Rede von Alice Weidel zur Haushaltsdebatte im Bundestag - AfD-Fraktion im  Deutschen Bundestag

Fazit: Das Ende des “Weiter so”

Alice Weidel steht bereit. Sie hat die Geduld bewiesen, die in der Politik oft entscheidend ist. Jetzt, wo die wirtschaftlichen Hiobsbotschaften mit der neuen geopolitischen Realität kollidieren, scheint ihre Zeit gekommen. Sie muss gar nicht mehr laut schreien; die Fakten schreien für sie. Wenn nächste Woche die diplomatischen Karten neu gemischt werden, könnte das Kartenhaus der Altparteien ins Wanken geraten.

Das Schröder-Video war nur der Zünder. Das Pulverfass ist die angestaute Wut über Inflation, Jobverluste und eine als arrogant empfundene Politikerkaste. Ob Friedrich Merz den Kurs korrigieren kann, ohne sein Gesicht zu verlieren, ist fraglich. Tut er es, triumphiert Weidel (“Wir haben es immer gesagt”). Tut er es nicht, fährt er das Land weiter gegen die Wand, und die AfD sammelt die Trümmer – und die Wählerstimmen – auf.

Die “Ruhe vor dem Sturm”, von der Weidel spricht, ist trügerisch. Das Eis, auf dem die Regierung tanzt, ist hauchdünn. Und nächste Woche könnte es brechen. Es bleibt abzuwarten, wer dann noch trockenes Land erreicht. Eines ist sicher: Langweilig wird es in Berlin in diesen Tagen nicht. Die Wahrheit bricht sich ihre Bahn, und sie lässt sich weder verbieten noch wegsperren.