Einleitung: Der Mann hinter der Stradivarius

Wenn David Garrett die Bühne betritt, mit wehendem blonden Haar, den melancholischen Augen und seiner Geige in der Hand, hält das Publikum den Atem an. Er ist der “Teufelsgeiger” unserer Zeit, ein Virtuose, der Paganini mit Metallica verschmilzt und Generationen verbindet. Doch wer glaubt, das Leben dieses Mannes sei eine einzige Erfolgsgeschichte voller Glanz und Glamour, der irrt gewaltig. Hinter der Fassade des gefeierten Weltstars verbirgt sich eine Biografie, die von tiefen Rissen, einsamen Nächten und einem ständigen Kampf um Anerkennung geprägt ist.

Mit nunmehr 45 Jahren blickt David Garrett zurück – nicht nur auf Goldene Schallplatten, sondern auf ein Leben, das ihm alles abverlangte. Ein aktuelles Video-Porträt wirft einen intimen Blick hinter die Kulissen und offenbart Details, die selbst langjährige Fans zu Tränen rühren. Es ist die Geschichte eines Wunderkindes, das nie Kind sein durfte, und eines Mannes, der die Liebe sucht, aber oft nur die Musik findet.

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Die Hölle im Elternhaus: “Wer willst du sein?”

Geboren 1980 in Aachen, war Davids Schicksal schon früh besiegelt – nicht durch ihn selbst, sondern durch seinen Vater, Georg Bongartz. Das Talent des Sohnes wurde für den Vater zur Obsession, zum Werkzeug, um eigene unerfüllte Träume zu verwirklichen. Während andere Kinder Fußball spielten oder Freunde trafen, kannte David nur eines: die Geige. Acht bis zehn Stunden Üben am Tag waren keine Ausnahme, sondern die grausame Regel.

Die Erinnerungen, die Garrett heute teilt, sind schmerzhaft. Er spricht von einer Kindheit ohne Freiheit, dominiert vom “Geschrei des Vaters”, wenn ein Ton daneben ging. Die Frage des Vaters – “Wer willst du sein: ein gewöhnlicher Mensch oder ein Genie?” – ließ dem kleinen Jungen keine Wahl. Er entschied sich für das Genie und zahlte mit seiner Unschuld. Tränen waren sein ständiger Begleiter, doch statt Trost gab es nur noch mehr Druck. Mit 13 Jahren war er der gefeierte Star bei der Deutschen Grammophon, doch innerlich war er ein einsames Kind, das sich nichts sehnlicher wünschte als bedingungslose Liebe. Der Bruch war unvermeidlich: Mit 17 floh er. Raus aus dem Elternhaus, rein in ein neues Leben in New York. Ohne den Schutz der Familie, aber endlich frei.

Elena und die Wunden der ersten Liebe

New York wurde für David zum Wendepunkt. Hier, an der Juilliard School, lernte er nicht nur musikalisch dazu, sondern erlebte auch zum ersten Mal, was es heißt, jemanden zu lieben. Ihr Name war Elena, eine russische Pianistin. In einer kleinen Wohnung in Manhattan, arm an Geld, aber reich an Träumen, fanden zwei einsame Seelen zueinander. Garrett beschreibt diese Zeit als magisch: “Wenn wir zusammen musizierten… fühlte ich mich reicher als jeder andere.”

Doch das Leben als aufstrebender Weltstar forderte seinen Tribut. Während David um die Welt tourte, blieb Elena zurück. Die Distanz, die Missverständnisse, die brutale Realität des Showgeschäfts ließen die Liebe langsam erkalten. Aus Briefen wurde Schweigen. Was bleibt, ist die “Serenade” – ein Musikstück, in dem David diesen Verlust verarbeitete und das er heute kaum noch zu spielen wagt, so tief sitzt der Schmerz. Diese Episode zeigt: David Garretts Herz ist keine Maschine. Es ist verletzlich, und die Musik ist oft das einzige Ventil für Gefühle, die im echten Leben keinen Platz finden.

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Der Bruch der Seele und die neue Hoffnung

Das Leben prüfte ihn weiter. Unvergessen ist der Moment im Jahr 2007, als er nach einem Konzert stürzte und seine geliebte Stradivarius zerschellte. Für einen Musiker ist das mehr als ein Sachschaden; es ist, als würde ein Teil der eigenen Seele sterben. “Ich wusste, dass alles in mir zusammenbrach”, gestand er. Es folgten Monate der Depression und Angst. Doch genau wie nach seiner schweren Handverletzung 2012, die ihn fast die Karriere kostete, kämpfte er sich zurück. Er erfand sich neu, schuf das Crossover-Genre und wurde stärker als je zuvor.

Und heute? Privat bleibt David Garrett ein Mysterium. Gerüchte über eine Partnerin und sogar Spekulationen über Familienglück machen immer wieder die Runde. Das Video deutet auf eine Frau hin, die “außerhalb der Glitzerwelt” steht – ruhig, verständnisvoll, ein Anker im Sturm. Doch David schweigt und genießt. Er hat gelernt, dass wahre Liebe Schutz braucht. “Wenn ich es sage, ist diese Liebe nicht mehr meine”, so seine Philosophie.

David Garrett to perform Seven Nation Army at the UEFA Champions League  final | UEFA Champions League 2024/25 | UEFA.com

Es scheint, als habe der 45-Jährige seinen Frieden gefunden. Vielleicht nicht in der traditionellen Ehe, für die er sich “möglicherweise nicht geschaffen” sieht, aber in einer Form von Liebe, die zu seinem Leben passt. Seine Musik erzählt heute nicht mehr nur von Schmerz und Drill, sondern auch von Hoffnung und einer tiefen Dankbarkeit. Wer David Garrett zuhört, der hört kein “Produkt” mehr – er hört einen Überlebenden, der uns lehrt, dass selbst aus den dunkelsten Momenten die schönste Musik entstehen kann.