Es gibt Tage in der Politik, an denen sich die tektonischen Platten verschieben, ohne dass es sofort ein Erdbeben gibt. Doch das Grollen ist unüberhörbar. Ein solches Grollen geht derzeit durch Berlin. Das undenkbare Szenario, das Alptraumgespenst der etablierten Parteien, nimmt Konturen an: Sahra Wagenknecht, die Ikone der Linken, greift zum Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Alice Weidel. Was wie eine Szene aus einem Polit-Thriller klingt, ist das Symbol für einen realpolitischen Dammbruch, der die deutsche Parteienlandschaft für immer verändern könnte.
Jahrelang galt das eherne Gesetz der “Brandmauer”. Keine Gespräche, keine Kooperation, totale Isolation der Alternative für Deutschland. Doch nun ist es ausgerechnet Sahra Wagenknecht, die Chefin des BSW, die den Hammer in die Hand nimmt und erste Steine aus dieser Mauer schlägt. In einem aufsehenerregenden Gastbeitrag in der “Welt” und durch direkte Signale hat sie eine Debatte angestoßen, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.
Das Ende der Ausgrenzung: Ein “Geschenk” für die AfD
Wagenknechts Analyse ist so scharf wie schmerzhaft für den Mainstream: Die Strategie der Ausgrenzung ist krachend gescheitert. Sie nennt die Brandmauer nicht etwa einen Schutzwall der Demokratie, sondern eine “riesige Torheit” und ein “großes Geschenk” für die AfD. Ihre Logik besticht durch brutalen Realismus: Wer eine Partei, die von Millionen Menschen gewählt wird, systematisch ignoriert und ihre Wähler stigmatisiert, der schwächt sie nicht. Er macht sie stärker. Er macht sie zur einzigen Alternative für alle, die sich vom System nicht mehr vertreten fühlen.

Noch brisanter ist ihre interne Kritik. Wagenknecht räumt ein, dass die Isolierung der AfD sogar deren innere Widersprüche verdeckt hat. Solange die Partei nicht in Verantwortung kommt, muss sie sich nicht zwischen ihren Strömungen entscheiden. Die Altparteien haben der AfD also unwissentlich den Gefallen getan, sie vor der Realität des Regierens zu schützen.
Der “Anfängerfehler” von Thüringen
Besonders bemerkenswert ist die Selbstkritik, die Wagenknecht übt. Den Einstieg ihres Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) in Thüringen in eine Koalition mit CDU und SPD – basierend einzig auf dem Ausschluss der AfD – bezeichnet sie heute als “Anfängerfehler”. Es ist ein Eingeständnis, das tief blicken lässt. Sie hat erkannt, dass solche Zweckbündnisse die eigenen Wähler enttäuschen und die Glaubwürdigkeit untergraben. Stattdessen bringt sie nun “Expertenregierungen” ins Spiel, die sich wechselnde Mehrheiten suchen müssen – ein Modell, das faktisch bedeutet: Auch Stimmen der AfD wären nicht mehr tabu.
Alice Weidel nimmt den Ball auf
Die Reaktion der AfD-Spitze ließ nicht lange auf sich warten. Alice Weidel, die Strategin der Macht, erkannte die offene Flanke sofort. “Frau Wagenknecht hat vollkommen recht”, kommentierte sie. Für Weidel ist dies der Moment des Triumphes. Endlich bestätigt eine politische Gegnerin von Format, was die AfD seit Jahren predigt: Die Brandmauer war ein undemokratisches Manöver, um Wählerwillen zu ignorieren.
Die Einladung Weidels zur “inhaltlichen Kooperation” ist mehr als nur Höflichkeit. Es ist das Angebot zu einem neuen Machtblock. Denn wenn man die ideologischen Scheuklappen ablegt, sind die Schnittmengen zwischen BSW und AfD in zentralen Fragen – Energiepolitik, Migration, Ukraine-Krieg – riesig. Analysten wissen das längst, und nun scheinen es auch die Protagonistinnen offen auszusprechen.
Robert Habeck und die 12.000 Euro
Während sich auf der einen Seite neue Allianzen andeuten, bröckelt auf der anderen Seite die moralische Fassade der Regierung. Robert Habeck, Vizekanzler und Wirtschaftsminister, sorgte fast zeitgleich für einen Skandal, der perfekt in Wagenknechts Narrativ passt. Er zahlte still und leise 12.000 Euro, um ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Dresden wegen mutmaßlicher Verleumdung einstellen zu lassen.
Der Hintergrund: Habeck hatte behauptet, BSW und AfD würden sich “bezahlen lassen” und mit Troll-Armeen arbeiten – eine klare Anspielung auf russische Einflussnahme. Beweise? Blieb er schuldig. Das BSW erstattete Anzeige. Dass Habeck nun zahlt, um einem öffentlichen Prozess zu entgehen, werten Kritiker als faktisches Schuldeingeständnis. “Doppelmoral pur”, heißt es aus AfD-Kreisen. Der Mann, der Bürger für kritische Posts anzeigt, kauft sich selbst frei, wenn er der Lüge überführt zu werden droht.
Der Auftritt bei Maischberger: Tacheles zur besten Sendezeit
Wie ernst es Wagenknecht ist, zeigte ihr jüngster Auftritt bei Sandra Maischberger. Dort wiederholte sie ihre Thesen vor einem Millionenpublikum. Sie nannte die Hitler-Vergleiche in Bezug auf die AfD “absurd” und warnte vor einer Hysterie, die den Blick auf die Realität vernebelt. Wenn eine Partei demokratisch gewählt wird, muss sie im parlamentarischen System ihren Platz finden – auch in Ausschussvorsitzen.
Bezeichnend war die Reaktion der Moderatorin: Als Wagenknecht das Thema einer möglichen Neuauszählung der Bundestagswahl ansprach, die dem BSW weitere Mandate bringen könnte, wurde das Thema schnell abgewürgt, begleitet von einem belustigten Grinsen. Für Alice Weidel war das ein gefundenes Fressen: “Eliten lachen über Korrekturen… aber die Bürger lachen zuletzt.”

Ein konservativer Wandel?
Hinter all dem steckt mehr als nur Taktik. Es ist auch eine persönliche Evolution der Sahra Wagenknecht. In Interviews gibt sie mittlerweile offen zu, im Alter konservativer geworden zu sein. Was sie früher als “Kampfhaltung” ablehnte, erkennt sie heute als notwendige Bewahrung von Werten und Ordnung an. Damit nähert sie sich nicht nur politisch, sondern auch weltanschaulich jener Lücke an, die die CDU unter Merkel hinterlassen hat und die die AfD füllt.
Das BSW dümpelt derzeit in Umfragen bei 3 bis 4 Prozent. Der Alleingang droht zu scheitern. Der Griff zum Telefonhörer, der symbolische Anruf bei Alice Weidel, ist daher auch ein Akt des politischen Überlebenswillens. Aber es ist einer, der Deutschland verändern könnte. Wenn die “Brandmauer” fällt – und danach sieht alles aus –, dann stehen wir vor einer völlig neuen politischen Ära. Die Altparteien müssen sich warm anziehen, denn die Ausrede “Mit denen reden wir nicht” zieht nicht mehr. Jetzt wird geredet. Und vielleicht bald auch gemeinsam gehandelt.
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