In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gibt es kaum eine Figur, die so polarisiert, so fasziniert und am Ende so tief gefallen ist wie Gerhard Schröder. Er war der Medienkanzler, der Mann in den maßgeschneiderten Brioni-Anzügen, der Zigarrenraucher, der “Basta”-Politiker. Er strahlte eine Unerschütterlichkeit aus, die Freund und Feind gleichermaßen beeindruckte. Doch das Bild des starken Mannes, der Deutschland durch die turbulenten Jahre der Jahrtausendwende führte, ist zerbröselt. An seine Stelle ist das Bild eines Mannes getreten, der nicht nur politisch isoliert, sondern auch körperlich und seelisch am Ende ist. Neue Enthüllungen über seinen Gesundheitszustand zeichnen das Porträt einer menschlichen Tragödie, die sich weitab der Kameras abspielt, während die Öffentlichkeit weiterhin gnadenlos über ihn urteilt.
Die Diagnose, die alles verändert
Die Nachrichtenlage ist düster, fast beklemmend. Gerhard Schröder, mittlerweile 79 Jahre alt, befindet sich in klinischer Behandlung. Die Diagnose: Burnout-Syndrom. Es ist ein Begriff, den wir oft leichtfertig verwenden, doch im Falle des Altkanzlers beschreibt er einen Zustand totaler Erschöpfung. Sein Anwalt bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass Schröder unter massiven Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten leidet. Der Mann, dessen rhetorische Schärfe einst im Bundestag gefürchtet war, leidet heute unter Schlafstörungen und einem gravierenden Energiemangel.

Ärzte attestieren ihm, dass er nicht mehr in der Lage ist, längere öffentliche Befragungen durchzustehen. Das hat unmittelbare politische Konsequenzen: Seine Aussage vor dem Untersuchungsausschuss in Schwerin zur Nord-Stream-2-Affäre scheint unmöglich. Doch es wirft eine viel tiefere, menschlichere Frage auf: Wie viel Druck kann ein Mensch ertragen, bevor er zerbricht? Die Diagnose ist nicht nur ein medizinisches Attest, sie ist das Resultat jahrelanger öffentlicher Ächtung und eines Lebens, das seit dem Ende seiner Kanzlerschaft in einer permanenten Defensive verharrt.
Vom Reformer zum Ausgestoßenen
Um die Fallhöhe dieser Tragödie zu verstehen, muss man zurückblicken. Von 1998 bis 2005 lenkte Gerhard Schröder die Geschicke Deutschlands. Er war es, der mit der Agenda 2010 und den Hartz-IV-Reformen das Land umkrempelte. Es waren schmerzhafte Eingriffe, die ihm viele bis heute nicht verziehen haben, die aber unbestreitbar das Fundament für die wirtschaftliche Stärke legten, von der Deutschland im folgenden Jahrzehnt profitierte. Er modernisierte die Wirtschaft, er sagte “Nein” zum Irakkrieg – eine Entscheidung, die ihm damals weltweiten Respekt einbrachte.
Er wurde gefeiert und gehasst, aber er wurde respektiert. Er war eine Instanz. Doch heute? Heute ist er das “schwarze Schaf” der SPD. Seine eigene Partei, der er sein Leben gewidmet hat, distanziert sich von ihm, als wäre er ein Aussätziger. Die CDU verspottet ihn, die Medien haben ihn zum ultimativen Sündenbock erklärt. Gerhard Schröder ist im politischen Berlin persona non grata. Die Einsamkeit, die diesen Status begleitet, muss erdrückend sein. Es gibt keine Empfänge mehr, keinen Applaus, nur noch eisiges Schweigen oder laute Kritik.
Der russische Schatten
Der Kern seines Absturzes liegt in seiner Beziehung zu Russland und speziell zu Wladimir Putin. Was während seiner Kanzlerschaft als pragmatische Außenpolitik begann – die Sicherung der Energieversorgung durch Nord Stream 1 –, wurde nach seinem Ausscheiden aus dem Amt zu seinem Verhängnis. Sein nahtloser Wechsel in die Aufsichtsräte russischer Energiekonzerne, insbesondere Nord Stream 2, wurde von Anfang an kritisch beäugt. Doch solange das Gas floss und die Wirtschaft brummte, drückte die deutsche Elite gerne ein Auge zu.

Das änderte sich schlagartig mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Plötzlich war Schröder nicht mehr nur der umstrittene Lobbyist, er wurde zum Gesicht der deutschen Abhängigkeit von Russland gemacht. Die Forderungen, er müsse sich distanzieren, sich entschuldigen, seine Ämter niederlegen, wurden ohrenbetäubend laut. Doch Schröder blieb stur. Er weigerte sich, seine Freundschaft zu Putin öffentlich zu verdammen. Er versuchte sogar, auf eigene Faust in Moskau zu vermitteln – eine Friedensmission, die scheiterte und ihm statt Anerkennung nur noch mehr Hohn einbrachte.
Für Schröder war dies vielleicht ein letzter Versuch, seiner Haltung Treue zu schwören und an die Macht der Diplomatie zu glauben. Für die Öffentlichkeit war es der Beweis seiner Realitätsverweigerung. Diese Diskrepanz zwischen seinem Selbstbild als staatsmännischer Vermittler und der Fremdwahrnehmung als “Putins Handlanger” ist der Riss, der nun offenbar auch seine Gesundheit ruiniert hat.
Ein Leben in der Isolation
Die psychische Belastung, die aus dieser totalen gesellschaftlichen Ächtung resultiert, ist kaum vorstellbar. Man muss sich einen Mann vorstellen, der es gewohnt war, im Zentrum der Macht zu stehen, der Bewunderung genoss und dessen Wort Gesetz war. Dieser Mann sitzt nun in Hannover, isoliert von den Strukturen, die ihn einst trugen. Seine alten Weggefährten meiden ihn, um nicht selbst in den Sog der Kritik zu geraten.
Das Burnout ist in diesem Kontext fast eine logische Konsequenz. Es ist der Körper, der “Stopp” sagt, wenn der Geist keinen Ausweg mehr sieht. Die Schlafstörungen, die Konzentrationsschwäche – sie sind Symptome einer Seele, die keine Ruhe findet, weil sie permanent unter Beschuss steht. Der “Genosse der Bosse” ist am Ende nur ein Mensch, und wie jeder Mensch hat auch er eine Belastungsgrenze. Die Häme, die ihm entgegenschlägt, trifft nun auf einen 79-Jährigen, der keine Rüstung mehr trägt.

Die Frage der Schuld und der Menschlichkeit
Natürlich darf man die politischen Fehler Gerhard Schröders nicht unter den Teppich kehren. Seine Entscheidungen und seine Nähe zum Kreml sind legitime Gegenstände historischer und politischer Kritik. Doch der Umgang mit seiner Person hat eine Ebene erreicht, die Fragen nach unserer politischen Kultur aufwirft. Haben wir verlernt, den politischen Gegner vom Menschen zu trennen? Ist die totale soziale Vernichtung die angemessene Strafe für politische Verfehlungen?
Die Geschichte von Gerhard Schröder ist eine Warnung. Sie zeigt, wie schnell Ruhm verblassen kann und wie gnadenlos der Fall von ganz oben nach ganz unten ist. Sie zeigt aber auch, dass hinter den Schlagzeilen und den politischen Parolen immer ein individuelles Schicksal steht. Wenn wir heute auf Gerhard Schröder blicken, sehen wir nicht mehr den mächtigen Kanzler. Wir sehen einen gebrochenen alten Mann, der unter der Last seiner eigenen Geschichte zusammenbricht.
Es bleibt abzuwarten, wie die Geschichte über ihn urteilen wird. Wird man sich an die Agenda 2010 erinnern oder nur an die Gazprom-Millionen? Wird er als großer Modernisierer oder als großer Verräter in die Schulbücher eingehen? Im Moment zählt für Gerhard Schröder wohl nur eines: Wieder gesund zu werden, fernab von Untersuchungsausschüssen und Schlagzeilen. Doch ob ihm dieser Frieden vergönnt sein wird, ist mehr als fraglich. Sein Schicksal ist besiegelt, eingemeißelt in die Chroniken eines Konflikts, der größer ist als er selbst. Und das ist vielleicht die tragischste Pointe im Leben eines Mannes, der immer glaubte, er könne den Lauf der Dinge selbst bestimmen.
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