Er war der Mann im Rückspiegel, der stumme Zeuge auf dem Beifahrersitz. Erich Kempka war mehr als nur ein Chauffeur; er war der Schatten Adolf Hitlers. 13 Jahre lang lenkte der einfache Mechaniker aus dem Ruhrgebiet die Limousinen des Diktators, erlebte den kometenhaften Aufstieg und den totalen moralischen Bankrott des Dritten Reiches aus nächster Nähe. Doch seine dunkelste Aufgabe wartete ganz am Ende, inmitten der brennenden Ruinen Berlins. Kempkas Erinnerungen sind kein Heldenepos, sondern ein erschütterndes Protokoll des Untergangs, das den Blick auf die banale Fratze des Bösen freigibt.
Vom einfachen Arbeiterkind zum SS-Sturmbannführer im innersten Zirkel der Macht – Erich Kempkas Karriere liest sich wie eine Warnung davor, wie schnell man in den Sog des Verderbens geraten kann. Was als „Traumjob“ für einen technikbegeisterten jungen Mann begann, endete in einem Albtraum aus Feuer, Benzin und Leichengestank im Garten der Reichskanzlei.

Im Schatten des Monsters: Der Aufstieg eines Fahrers
Alles begann mit einem Telegramm im Jahr 1932. Der 21-jährige Kempka, Mitglied Nummer 225.639 der NSDAP, wurde nach Berlin zitiert. Was folgte, war ein bizarres Casting. Hitler selbst prüfte das technische Wissen der Kandidaten. Kempka überzeugte nicht durch Ideologie, sondern durch sein Verständnis von Motoren und Kompressoren. Es war der Beginn einer fatalen Nähe.
Auf tausenden von Kilometern, während der endlosen Wahlkampfreisen, erlebte Kempka einen Hitler, der sich privat fast „väterlich“ gab, Snacks verteilte und Routen plante. Diese trügerische Normalität im Inneren des Wagens stand im krassen Gegensatz zum Terror, den das Regime draußen entfesselte. Kempka sah sich selbst gerne als unpolitischen Dienstleister, doch er war längst Teil der Maschinerie. Besonders am Obersalzberg, Hitlers Feriendomizil, wurde er Zeuge, wie sich die Machtstrukturen verhärteten.
Martin Bormann: Der Dämon im Hintergrund
Kempkas Schilderungen werfen ein grelles Licht auf eine Figur, die oft im Schatten stand, aber die Fäden zog: Martin Bormann. Für Kempka war Bormann der eigentliche Architekt der Angst am Berghof. Ein Mann, der Bauern enteignete, um Hitlers Idylle zu vergrößern, und der Intrigen spann, um Rivalen auszuschalten.
Bormanns Macht wuchs ins Unermessliche. Er kontrollierte den Zugang zu Hitler so strikt, dass selbst Minister und Generäle an ihm verzweifelten. Kempka beschreibt ihn als brutalen Technokraten der Macht, der Bäume fällen ließ, nur weil sie Hitler die Sonne nahmen, und der eine Atmosphäre des ständigen Misstrauens schuf. Selbst Eva Braun, die Herrin des Berghofs, verachtete Bormann – eine Feindschaft, die bis in den Tod andauern sollte. Kempka sah in Bormann den Inbegriff des skrupellosen Karrieristen, der über Leichen ging.

Das Inferno von Berlin: Die letzten Tage im Bunker
Doch der wahre Horror, das Herzstück von Kempkas Enthüllungen, spielt sich im April 1945 ab. Der Krieg war verloren, Berlin ein Trümmerfeld, und im Führerbunker herrschte Endzeitstimmung. Kempka beschreibt Szenen, die an Dante erinnern: Verrat, Verzweiflung und der Geruch von Tod. Als Hermann Göring und Heinrich Himmler versuchten, die Macht zu übernehmen oder zu verhandeln, sah Kempka die Wut und den Zusammenbruch im innersten Zirkel.
Der Tiefpunkt war der 30. April 1945. Kempka erhielt einen Anruf, der sein Leben für immer zeichnen sollte. Otto Günsche, Hitlers Adjutant, forderte 200 Liter Benzin an. „Der Chef ist tot“, lautete die nüchterne Nachricht. Hitler hatte sich erschossen, Eva Braun hatte Gift genommen. Kempka musste nun das Unvorstellbare tun: Er musste die Spuren verwischen.
Der letzte Befehl: Ein Grab aus Feuer
Die Details, die Kempka schildert, sind nichts für schwache Nerven. Er sah, wie Martin Bormann die Leiche von Eva Braun trug – jener Frau, die ihn im Leben gehasst hatte. Kempka schritt ein, nahm dem verhassten Sekretär die Tote ab und trug sie selbst die Treppen hinauf in den Garten der Reichskanzlei.
Dort, unter dem ständigen Beschuss der sowjetischen Artillerie, vollzog sich der letzte Akt. Die Leichen wurden in eine Senke gelegt. Kempka und die anderen übergossen sie mit dem Benzin, das er unter Lebensgefahr aus zerstörten Fahrzeugen abgezapft hatte. Ein brennender Lappen, geworfen von Goebbels, entzündete das grausige Feuer. Stundenlang mussten sie immer wieder Benzin nachgießen, um die Körper vollständig zu vernichten. Es war eine Szene von archaischer Brutalität, das buchstäbliche Verbrennen einer Ära. „Ich habe mir immer wieder gesagt, ich schaffe das nicht“, gestand Kempka später, doch der Gehorsam war stärker als der Ekel.
Flucht und Verhör: Ein Leben mit der Lüge
Kempkas Flucht aus Berlin gleicht einem Thriller. Er tarnte sich als Zivilist, versteckte sich zwischen ausländischen Zwangsarbeitern und trank Wodka mit ahnungslosen sowjetischen Soldaten, während Hitlers Asche nur wenige Meter entfernt erkaltete. Doch seine Vergangenheit holte ihn ein. Nach seiner Verhaftung durch die Amerikaner wurde er monatelang verhört. Die Alliierten glaubten nicht an Hitlers Tod, vermuteten eine Flucht per U-Boot. Kempka musste immer wieder erzählen, wie die Leichen brannten, musste Details über Hitlers Essgewohnheiten preisgeben, wurde Teil der historischen Obduktion des Monsters.
Bei den Nürnberger Prozessen trat er als Zeuge auf, doch Reue zeigte er kaum. Er präsentierte sich als der kleine Mann, der nur gefahren ist. Eine Haltung, die typisch war für viele Deutsche jener Zeit. Erich Kempka starb 1975, ohne je für seine Rolle verurteilt worden zu sein. Doch seine Berichte bleiben als mahnendes Dokument zurück. Sie zeigen uns nicht den „großen Führer“, sondern einen zitternden Mann im Bunker und die loyalen Diener, die bereit waren, bis in den Untergang zu folgen – und sei es nur, um Benzin in ein brennendes Grab zu gießen.
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