Es war einer dieser seltenen Momente im deutschen Fernsehen, in denen die sorgfältig inszenierte Fassade einer Unterhaltungssendung Risse bekommt und der nackte, ungeschminkte Konflikt zum Vorschein kommt. Was sich am Abend des 10. Dezember 2025 im Studio von Markus Lanz ereignete, war mehr als nur ein Streitgespräch. Es war eine Kollision zweier Welten, ein Kampf um Deutungshoheit und am Ende ein vernichtendes Urteil über den Zustand unserer Debattenkultur. Gabriele Krone-Schmalz, die ehemalige Moskau-Korrespondentin der ARD und Bestsellerautorin, verließ nach einer heftigen Auseinandersetzung das Studio – doch nicht als Verliererin, sondern unter den Ovationen des Publikums als moralische Instanz, die sich weigerte, Teil eines Schauprozesses zu sein.
Die Ruhe vor dem Sturm
Die Atmosphäre im Studio war von Anfang an elektrisch geladen. Wer die Sendung regelmäßig verfolgt, kennt die Dramaturgie: Die Gäste sitzen im blauen Halbkreis, die Scheinwerfer sind gnadenlos, und Markus Lanz, der dynamische Gastgeber, bereitet seine verbalen Angriffe vor. Als Gabriele Krone-Schmalz das Set betrat, wirkte sie souverän. Mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in Kriegs- und Krisengebieten strahlte sie eine Ruhe aus, die im starken Kontrast zu der nervösen Energie des Moderators stand.
Die Begrüßung wirkte höflich, doch der Unterton war bereits gesetzt. Lanz stellte sie als Frau vor, die das deutsche Russlandbild geprägt habe – ein Lob, das in seinem Mund seltsam hohl klang. Krone-Schmalz, in dunkelblauem Blazer und cremefarbener Bluse, bedankte sich präzise. Sie ahnte wohl, was kommen würde, doch sie schien entschlossen, ihre Position nicht kampflos zu räumen.

Von “Differenziert” zu “Propaganda”
Das Gespräch kippte schnell. Was als Rückblick auf ihre Karriere begann, entwickelte sich binnen Minuten zu einem Verhör. Lanz, sichtlich darauf aus, sie aus der Reserve zu locken, stieß sich an ihrer Weigerung, einfache Antworten auf komplexe geopolitische Fragen zu geben. Als Krone-Schmalz ihre Sichtweise als “differenziert” bezeichnete, schnappte die Falle zu.
“Andere würden ein anderes Wort benutzen”, stichelte Lanz mit einem Lächeln, das keine Freundlichkeit mehr in sich trug. Auf ihre Nachfrage ließ er die Bombe platzen: “Propaganda, Frau Professorin. Manche nennen Ihre Ansichten russische Propaganda.”
Das Wort hing wie eine Gewitterwolke im Raum. Es ist der ultimative Vorwurf in der heutigen Medienlandschaft, ein Begriff, der jede sachliche Diskussion im Keim erstickt. Doch statt zurückzuweichen, blieb Krone-Schmalz ruhig. “Ich verteidige keine Position, ich erkläre sie”, entgegnete sie fest. Sie versuchte, den Unterschied zwischen Verstehen und Befürworten zu erläutern – eine Nuance, die in der aufgeheizten Stimmung vieler Talkshows oft verloren geht.
Der historische Tiefschlag
Der eigentliche Bruch passierte jedoch, als Lanz den Begriff “Frieden” attackierte. Krone-Schmalz hatte betont, dass ihre Arbeit dem Verständnis und dem Frieden diene. Lanz’ Antwort war ein zynischer Verweis auf “Appeasement” – Beschwichtigung. In Deutschland ist dieses Wort historisch schwer belastet, untrennbar verbunden mit der verfehlten Politik gegenüber Nazi-Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg.
Der Vergleich saß. Das Publikum reagierte mit hörbarem Entsetzen, Unruhe machte sich breit. “Haben Sie mich gerade mit jenen verglichen, die die Nazis beschwichtigten?”, fragte Krone-Schmalz mit funkelnden Augen. Lanz zuckte nur mit den Schultern: “Wenn der Schuh passt.”
Es war der Punkt, an dem das Interview endete und der Eklat begann. Für Krone-Schmalz war dies keine journalistische Zuspitzung mehr, sondern Rufmord. Die ehemalige Korrespondentin, die den Zerfall der Sowjetunion hautnah miterlebt und unter Gefahr für ihr eigenes Leben berichtet hatte, ließ sich ihre Integrität nicht von einem Moderator absprechen, der auf Konfrontation um der Quote willen setzte.
Ein Lehrstück in journalistischer Ethik
Was folgte, war eine Demontage der Talkshow-Mechanik. Krone-Schmalz erhob sich nicht sofort, um zu gehen. Zuerst nahm sie sich den Raum, um Lanz – und den Millionen Zuschauern – zu erklären, was ihrer Meinung nach schiefläuft.

“Echter Journalismus macht alle unzufrieden”, erklärte sie mit einer Autorität, die das Studio verstummen ließ. “Echter Journalismus sucht Wahrheit, auch wenn diese Wahrheit unbequem ist.” Sie warf Lanz vor, keine Fragen zu stellen, um Antworten zu erhalten, sondern um Urteile zu fällen. “Das ist kein Journalismus, Herr Lanz. Das ist genau die Art von Propaganda, die Sie mir vorwerfen.”
Der Applaus, der daraufhin aufbrandete, war mehr als nur Zustimmung; es war eine Entladung. Das Publikum spürte, dass hier jemand aussprach, was viele empfinden: Dass komplexe Themen oft in ein schlichtes Freund-Feind-Schema gepresst werden und dass jeder, der den Konsens hinterfragt, sofort moralisch diskreditiert wird.
Der Abgang: “Weggehen ist Würde”
Als Lanz, sichtlich in die Defensive gedrängt und mit rotem Kopf, versuchte, auf seine Rolle als Moderator zu pochen (“Das ist meine Sendung!”), konterte Krone-Schmalz mit einer Ruhe, die ihren Gegenüber noch kleiner wirken ließ. Sie sprach von Verantwortung – der Verantwortung, Kulturen zu verstehen, Sprachen zu lernen und Analysen auch gegen Widerstände zu vertreten.
Die Situation eskalierte endgültig, als sie aufstand, um zu gehen. Lanz, verzweifelt um die Kontrolle ringend, rief ihr nach: “Sie können nicht einfach gehen! Wir haben noch 20 Minuten Sendezeit.” Er warnte sie, es würde wie eine Flucht aussehen.
Ihre Antwort darauf dürfte als eines der stärksten Zitate dieses Fernsehjahres in Erinnerung bleiben. Mit einem sanften, fast traurigen Lächeln drehte sie sich um: “Ja, es wird aussehen wie Integrität.”
Sie ging auf ihn zu, bis sie nur wenige Schritte vor ihm stand, und definierte den Unterschied zwischen Feigheit und Selbstachtung: “Weglaufen ist das was man tut, wenn man Angst vor Komplexität hat. Ich laufe nicht weg, ich gehe. Weglaufen ist Angst, weggehen ist Würde.”
Die Reaktion: Ein Studio steht auf
In diesem Moment brach der Damm. Das Publikum explodierte förmlich. Menschen sprangen von ihren Sitzen auf, jubelten und klatschten. Es war eine Szene, die man so im deutschen Fernsehen selten sieht. Die Sympathien waren eindeutig verteilt. Lanz saß bleich und mit zitternden Händen in seinem Sessel, während Krone-Schmalz sich beim Publikum bedankte und ihre letzten Worte an den Moderator richtete.
“So sterben Demokratien, Herr Lanz. Nicht durch Zensur, sondern durch die Zerstörung des differenzierten Diskurses.”

Mit dem leisen Klicken der Studiotür, das im gesamten Saal nachhallte, endete der Auftritt von Gabriele Krone-Schmalz, doch die Wirkung hallte weit darüber hinaus nach. Lanz blieb allein zurück, sprachlos zum ersten Mal in seiner Karriere, und musste schließlich stammelnd in eine Werbepause abgeben.
Nachbeben
Backstage, so wird berichtet, war Krone-Schmalz die Ruhe selbst. Ein Produktionsassistent soll ihr gratuliert haben, sichtlich bewegt von ihren Worten über Demokratie und Journalismus. Am nächsten Morgen war das Ereignis das dominierende Thema in allen Medien. Die sozialen Netzwerke überschlugen sich, Ausschnitte der Sendung gingen viral.
Die Debatte, die dieser Abend ausgelöst hat, ist notwendig und überfällig. Es geht nicht nur um Russland oder Außenpolitik. Es geht um die Frage, wie wir miteinander reden. Wie viel Differenzierung erlauben wir noch? Ist jeder Erklärungsversuch gleichbedeutend mit einer Rechtfertigung? Und vor allem: Haben Talkshows wie die von Markus Lanz noch den Anspruch, Wissen zu vermitteln, oder sind sie zu reinen Schauplätzen moralischer Überlegenheit verkommen?
Gabriele Krone-Schmalz hat an diesem Abend eine klare Antwort gegeben. Sie hat gezeigt, dass man sich dem medialen Druck nicht beugen muss. Ihr Abgang war kein Scheitern, sondern ein kraftvolles Statement für einen Journalismus, der verstehen will, statt zu verurteilen. Sie hat ihre Würde bewahrt – und Markus Lanz mit den Scherben seiner Sendung allein gelassen.
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