Vicky Leandros – ein Name, der wie kaum ein anderer für die große europäische Musikgeschichte steht. Lieder wie “Ich liebe das Leben” oder “L’amour est bleu” sind Hymnen, die Generationen berührt haben. Doch während die Welt die strahlende Künstlerin auf der Bühne feierte, spielte sich hinter den Kulissen ein ganz anderes Drama ab. Nun, im Alter von 73 Jahren, öffnet die Sängerin ihr Herz so weit wie nie zuvor. Sie spricht über die Schattenseiten des Ruhms, das schmerzhafte Scheitern ihrer Ehen und eine Erkenntnis, die ihr Leben rettete.
Es ist ein sonniger Nachmittag, an dem Vicky Leandros, geboren als Vassiliki Papathanasiou auf Korfu, zurückblickt. Ihre Stimme ist ruhig, doch in ihren Augen liegt eine Tiefe, die von mehr als fünf Jahrzehnten im Rampenlicht erzählt. “Ich habe lange geschwiegen”, beginnt sie, “vielleicht zu lange.” Was sie nun offenbart, ist keine klassische Erfolgsgeschichte, sondern das Porträt einer Frau, die trotz Millionen Fans oft die einsamste Person im Raum war.
Das Doppelleben einer Ikone: Glanz vs. Innere Leere
Vicky Leandros wuchs zwischen zwei Kulturen auf, pendelte zwischen Deutschland und Griechenland, zwischen Vater und Mutter. Schon früh lernte sie, sich anzupassen. Diese Fähigkeit, die ihr auf der internationalen Bühne zugutekam, wurde privat zu ihrem Verhängnis. “Ich wollte immer stark sein, Glück ausstrahlen”, gesteht sie heute. “Innerlich kämpfte ich jedoch mit Angst, Selbstzweifeln und Enttäuschung.”

Das Bild der perfekten Künstlerin wurde zu einem Schutzschild, aber auch zu einer schweren Last. Während sie auf der Bühne stand und Tausenden Hoffnung schenkte, kehrte sie oft in leere Hotelzimmer zurück. Der Kontrast zwischen dem tosenden Applaus und der plötzlichen Stille danach war brutal. “Der äußere Erfolg konnte nicht verhindern, dass ich mich innerlich oft einsam fühlte”, sagt sie leise. Die Sehnsucht nach Stabilität und einem echten Zuhause blieb jahrelang unerfüllt.
Die Ehen: Ein Kampf um Harmonie bis zur Selbstaufgabe
Besonders schmerzhaft erinnert sich Leandros an ihre Beziehungen, die unter dem enormen Druck ihres Lebensstils litten. Ihre erste Ehe mit Ivan Zissiadis (1982–1986) scheiterte an den unterschiedlichen Erwartungen und dem ständigen Wandel. Doch es war die Zeit mit Enno von Ruffin, ihrem zweiten Ehemann (1986–2005), die sie am tiefsten prägte – und verletzte.
Die Beziehung begann märchenhaft auf Gut Basthorst. Mit Enno und den drei Kindern Milana, Sandra und Leo schien Vicky endlich angekommen zu sein. Doch der Schein trügte. “Ich setzte alles daran, die Harmonie zu bewahren”, erklärt sie. Sie trug die Verantwortung, passte sich an, stellte ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um der Familie Stabilität zu geben. Enno von Ruffin selbst äußerte sich später reflektiert über diese Jahre: “Sie war eine Frau, die viel in sich trug und selten klagte.”
Er beschreibt Momente, in denen er sie still und nachdenklich erlebte, oft mit Tränen in den Augen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. “Diese Tränen waren Ausdruck eines tiefen Gefühls, nie ganz gesehen zu werden”, so Ruffin. Vicky litt darunter, dass all ihre Liebe und ihr Einsatz nicht ausreichten, um die wachsende emotionale Distanz zu überbrücken. Sie zweifelte an sich selbst, fragte sich, ob sie falsch gehandelt habe, und verlor dabei fast ihre eigene Identität.

Der Wendepunkt: Die stille Erkenntnis
Es war kein lauter Knall, kein öffentlicher Skandal, der die Wende brachte. Es war eine stille, fast unheimliche Erkenntnis in einem Moment der absoluten Erschöpfung. Nach Jahren des “Funktionierens” spürte Vicky plötzlich, dass sie nicht mehr konnte. “Ich hatte jahrelang mehr für andere gelebt als für mich selbst”, realisierte sie schmerzhaft.
Die Angst war groß. Nicht nur die Angst, ihre Karriere zu gefährden, sondern die Angst, ihre “Stimme” als Mensch zu verlieren. Wer war Vicky Leandros jenseits der Bühne und der Rolle als Mutter und Ehefrau? Diese existenzielle Frage stürzte sie in tiefe Verunsicherung, war aber gleichzeitig der erste Schritt zur Heilung. Sie begann zu begreifen: Wenn sie nicht an sich selbst zerbrechen wollte, musste sie ihr Leben radikal neu ordnen.
Neuanfang und die wahre Liebe
Die Trennung von Enno von Ruffin im Jahr 2005 war das Ergebnis eines langen inneren Ringens. Sie war schmerzhaft, aber notwendig. Vicky zog sich zurück, reduzierte ihre Auftritte und nahm sich Zeit für Reflexion. Sie lernte das schwerste Wort für eine Frau, die es allen recht machen wollte: “Nein”.
In dieser Zeit der Stille entdeckte sie ihre Musik neu. Sie sang nicht mehr, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um zu fühlen. “Musik wurde wieder Ausdruck, nicht Pflicht”, beschreibt sie diesen Prozess. Und sie definierte den Begriff “Liebe” neu.
Wenn Vicky Leandros heute von ihrer “wahren Liebe” spricht, meint sie keinen neuen Mann an ihrer Seite. Sie spricht von der Liebe zu sich selbst, der Akzeptanz ihrer eigenen Geschichte und dem Frieden, den sie mit ihrer Vergangenheit geschlossen hat. “Früher dachte ich, Liebe müsse Opfer verlangen”, sagt sie. Heute weiß sie: Echte Verbundenheit kann nur dort wachsen, wo man sich selbst nicht verleugnet. Ihre wahre Liebe ist die Freiheit, authentisch zu sein.
Gesundheit und das Alter: Eine neue Achtsamkeit
Mit 73 Jahren geht Vicky Leandros achtsamer mit sich um als je zuvor. Die Spuren eines Lebens auf der Überholspur sind da – Gelenkprobleme, eine empfindlichere Stimme, das Bedürfnis nach mehr Ruhe. Doch sie hadert nicht damit. “Der Körper setzt Grenzen, die respektiert werden müssen”, sagt sie pragmatisch.
Gesundheit bedeutet für sie heute Balance. Spaziergänge in der Natur, bewusste Ernährung und der Mut, Pausen einzulegen, sind ihr heilig. Sie hat gelernt, dass Durchhalten kein Zeichen von Stärke ist, wenn man dabei zugrunde geht. Diese späte Einsicht hat ihr eine Lebensqualität geschenkt, die sie früher, trotz Jugend und Erfolg, nie hatte.
Reichtum ohne Protz: Was wirklich zählt
Trotz eines beachtlichen Vermögens, das sie sich über Jahrzehnte erarbeitet hat, lebt Vicky Leandros bescheiden. Luxusvillen oder teure Yachten bedeuten ihr nichts. Ihr Reichtum dient ihr heute vor allem dazu, unabhängig zu sein. “Geld soll schützen, nicht definieren”, lautet ihr Credo.

Ihr Zuhause ist ein Rückzugsort, kein Showroom. Hier findet sie die Ruhe, die ihr im Showgeschäft so oft fehlte. Sie schätzt hochwertige Dinge, misst ihnen aber keinen emotionalen Wert bei. Denn sie hat gelernt: Materielle Sicherheit schützt nicht vor seelischer Einsamkeit. Der wahre Luxus ist für sie heute Zeit – Zeit für ihre Kinder, ihre Enkel und für sich selbst.
Ein Vermächtnis der Ehrlichkeit
Was bleibt von Vicky Leandros? Es sind nicht nur die Hits, die auf keiner Party fehlen dürfen. Es ist vor allem ihr Mut zur Ehrlichkeit. Indem sie ihr Schweigen bricht und über ihre Depressionen, ihre Zweifel und ihre Einsamkeit spricht, wird sie nahbarer als je zuvor. Sie zeigt, dass auch ein Leben im Rampenlicht Risse hat und dass es nie zu spät ist, die Richtung zu ändern.
“Das Leben ist schön, auch wenn es wehtut”, sang sie einst. Heute versteht man diesen Satz besser denn je. Vicky Leandros hat den Schmerz nicht verdrängt, sie hat ihn angenommen und in Reife verwandelt. Ihre Geschichte ist ein Appell an uns alle, mehr auf unsere innere Stimme zu hören und den Mut zu haben, wir selbst zu sein – bevor es zu spät ist. Mit 73 Jahren ist Vicky Leandros endlich bei sich angekommen. Und das ist vielleicht ihr größter Erfolg.
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