Dezember 1944, das Hauptquartier der sechsten Panzerarmee nahe Bad Nauheim. Vor einer Karte, die nichts weniger als ein Wunder verlangt, steht Sebrich, 52 Jahre alt. Vor ihm verlaufen Linien, Straßen, Flüsse und Pfeile, die alle auf einziges Ziel zeigen. Antwerpen. Adolf Hitler hat ihm den Befehl erteilt, den letzten Einsatz, das letzte Glücksspiel dieses Krieges.

 In vier Tagen soll er die alliierten Armeen spalten, Amerikaner und Briten voneinander trennen und den Krieg im Westen entscheiden. Vier Tage, mehr Zeit gibt es nicht. Dietrich ist kein Logistiker, kein Stabsoffizier. kein Akademiker. Er ist ein Frontmann, aufgestiegen durch Härte, Loyalität und bedingungslosen Gehorsam.

 Er kennt den Krieg, er kennt Gewalt, er kennt Opfer. Doch selbst mit all seiner Erfahrung weiß er in diesem Moment, dass die Rechnung nicht aufgeht. Die Zahlen passen nicht, die Entfernungen nicht, der Treibstoff nicht und die Zeit schon gar nicht. Septidrig ist kein Unbekannter im deutschen Machtpparat. Er hat im ersten Weltkrieg gekämpft, die Niederlage erlebt, die Demütigung von Versall verinnerlicht.

 In den 30er Jahren steigt er mit der Partei auf, nicht wegen strategischer Brillanz, sondern wegen persönlicher Loyalität. Er kommandiert Einheiten in Polen, in Frankreich, später an der Ostfront. Dort sieht er, was moderner Krieg wirklich bedeutet. Materialschlachten, Abnutzung, Zahlen, die überleben und Tod entscheiden.

 Unter seinem Kommando stehen nun die ersten und die zw SS Panzerdivision. Elitetruppen fanatisiert, kampferfahren. Doch Dietrich weiß, was viele seiner Offiziere verdrängen. Panzer ohne Treibstoff sind nutzlos. Straßen ohne Kapazität sind Engpässe. Zeit ist kein moralischer Faktor, sondern eine physikalische Größe.

 Berlin hat ihm Millionen Liter Benzin versprochen. In der Realität liegt es hinter zerstörten Brücken und zerbombten Bahnlinien am Rheinfest. Seine schweren Tigerpanzer verbrauchen den Treibstoff schneller als Nachschub herankommt. Antwerpen liegt 200 km entfernt. Die Reichweite seiner Offensive reicht nicht einmal zur Hälfte.

 Der Kern von Dietrichs Angriffskraft ist die 12te SS Panzerdivision Hitlerjugend. Rund 20.000 Soldaten, überwiegend Jugendliche und junge Männer geformt durch jahrelange ideologische Schulung. Sie sind überzeugt von ihrer eigenen Überlegenheit, davon, dass sie zu höherem bestimmt sind. Man hat ihnen eingetrichtert, dass amerikanische Soldaten weich sein, undzipliniert, nicht bereit zu sterben für einen fernenkrieg in Europa.

 Sie glauben daran, weil sie dafür ausgewählt wurden zu glauben, weil Ausbildung und Propaganda keine Zweifel zulassen. Viele von ihnen haben bereits gekämpft, einige haben an der Ostfront Blut gesehen. Doch was ihnen fehlt, ist Erfahrung mit industrieller Kriegsführung in ihrer reinen Form. Sie besitzen Mut, Fanatismus und Angriffswillen.

 Was sie nicht besitzen, ist Bewegungsfreiheit. Die gesamte nördliche Offensive muss sich durch wenige vereiste Waldstraßen der Adennen zwängen. Engpässe, kaum breit genug für einen einzelnen Königstiger. Kolonnen stehen Stoßstange an Stoßstange. Fahrzeuge, Infanterie, Nachschub. Ein Vormarsch, der schon im Ansatz erstickt, bevor der erste Schuss fällt.

 Die Ardennen sind kein Raum für schnelle Operationen. Dichte Wälder, enge Täler, steile Hänge. Im Winter verwandeln sich die wenigen Straßen in vereiste Korridore, in denen jedes Fahrzeug zum Hindernis für das Nächste wird. Was die deutsche Führung versprochen hatte, freie Durchgänge und reibungslosen Nachschub, existiert nicht.

 Stattdessen stauen sich Lastwagen, Geschütze und Marschkolonnen Kilometerweit zurück. Jeder Halt frisst Zeit, jede Minute verbrennt Treibstoff. Hinzu kommt der entscheidende Faktor Wetter. Seit Tagen liegt dichter, gefrierender Nebel über den Adennen. Der Himmel ist grau, undurchdringlich. Für Dietrich und seine Offiziere ist das ein Geschenk.

 Die allierten Jagdbomber bleiben am Boden. Keine Angriffe aus der Luft. Keine Störungen des Vormarsches. Immer wieder wird den Soldaten gesagt: “Der Himmel sei sicher, die Amerikaner seien blind.” Dirich ist überzeugt, dass ohne Luftunterstützung die amerikanische Infanterie verwundbar ist. Er glaubt, seine einzigen Feinde seien die Kälte und der Gegner vor ihm.

 Er weiß nicht, dass der Nebel etwas verbirgt, das gefährlicher ist als jedes Flugzeug. Am Morgen des 16. Dezember, kurz nach 6:30 Uhr. Dunkelheit, bittere Kälte. Der Angriff beginnt. Die Einheiten der Hitlerjugend stoßen mit voller Wucht gegen die amerikanischen Stellungen am Elsenborne Ridge vor. Zwei Regimenter gehen in der ersten Welle nach vorn.

Ihnen gegenüber steht die 99. US-I Innfanterie Division. Größtenteils junge Soldaten. Viele von ihnen ohne Kampferfahrung. Die Deutschen sind zahlenmäßig deutlich überlegen. Meter um Meter werden die Amerikaner zurückgedrängt. Der Schnee reicht bis zu den Knien. Das Gelände ist glatt, tückisch. Männer stürzen,rutschen, verschwinden in Senken.

Schreie mischen sich in deutscher und englischer Sprache. Doch die amerikanischen Einheiten zerbrechen nicht. Sie ziehen sich geordnet zurück, graben sich ein, weichen aus und errichten neue Verteidigungslinien auf höherem Gelände. Über ihnen verborgen hinter den Hügeln, warten amerikanische Artilleriestellungen.

Die deutschen Offiziere beobachten das Geschehen mit ruhiger Zuversicht. Sie kennen die Physik der Artillerie. In dichtem Wald und tiefem Schnee explodieren Granaten im Boden. Die Erde schluckt die Wirkung. Splitter verlieren ihre Energie. Deckungen halten. Nach allem, was sie wissen, sind Ihre Männer relativ sicher. 8 Tage lang, vom 16.

 bis zum 23. Dezember, tobt der Kampf ohne entscheidenden Durchbruch. Die deutschen Verbände werfen alles in die Schlacht. Infanterieangriffe, Raketen, konventionelle Artillerie. Die Amerikaner weichen zurück, graben sich ein, halten. Die Verluste steigen auf beiden Seiten, doch für die Deutschen werden sie untragbar.

 Sie können sich diesen Aderlas nicht leisten. Am 23. Dezember lichtet sich der Nebel. Der Himmel öffnet sich. General Dwight die Eisenhauer erkennt, was auf dem Spiel steht. Er trifft eine Entscheidung, die den Charakter der Schlacht verändert. Eine Technologie, die bis dahin in Europa nicht eingesetzt worden ist, wird freigegeben. Am Morgen des 24.

 Dezember sammeln sich die Reste der zwölft. SS für einen erneuten Großangriff. Tausende Soldaten stehen dichtgedrängt im Wald, bereit zum Sturm. Ein amerikanischer Vorwärtsbeobachter erkennt die Konzentration der Truppen. Seine Meldung ist sachlich, routiniert. Dann folgt ein Zusatz, einzelnes Kürzel, das in der deutschen Armee niemand kennt.

 VT Ineffekt. Die ersten Granaten schlagen nicht ein. Sie explodieren in der Luft. 10 m über dem Boden gleichzeitig, synchron. Ein unsichtbares Dach aus Stahl zerreißt den Wald. Splitter regnen senkrecht nach unten. Es gibt keine Krater, nur Männer, die selbst in tiefen Stellungen keinen Schutz finden.

 Der Angriff bricht in Sekunden zusammen. Nach dem Einsatz der VTZünder bricht jede vertraute Logik des Gefechts zusammen. Die Meldungen, die Septichs Hauptquartier erreichen, sind widersprüchlich und kaum zu glauben. Ganze Einheiten verschwinden, ohne je direkten Feindkontakt gehabt zu haben. Kompanien werden ausgelöscht durch etwas, das vom Himmel fällt, ohne Vorwarnung, ohne Einschlag, ohne sichtbaren Gegner.

 Als die Ardennenoffensive schließlich abgebrochen wird, existiert die Zte SS Panzerdivision Hitlerjugend nicht mehr als geschlossene Kampffformation. Sie war mit rund 20.000 Mann angetreten. Nahzu die Hälfte ist gefallen oder kampfunfähig. Die höchsten Verluste entstehen nach dem 24. Dezember genau dort, wo die Luftzündgranaten eingesetzt werden.

 Von etwa 170 einsatzfähigen gepanzerten Fahrzeugen bleiben nur 60 bis 80 beweglich. Der Rest ist zerstört oder aufgegeben, begraben im Schnee und Schlamm von Elsenborn. Dietrich verliert diesen Kampf nicht, weil es seinen Soldaten an Mut mangelt. Sie greifen weiter an, selbst als die Verluste unhaltbar werden. Er verliert auch nicht wegen taktischer Inkompetenz.

 Er verliert, weil er den Mut des 19. Jahrhunderts gegen die Physik des 20. Jahrhunderts einsetzt. Ideologie, Wille und Fanatismus können nicht gegen Elektronenröhren, Batterien und industrielle Berechnungen bestehen. Diese Schlacht wird nicht im Schützengraben entschieden, sondern in Fabriken und Laboratorien.