Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe in der deutschen Brauwelt: Nach mehr als anderthalb Jahrhunderten stellt die bayerische Traditionsbrauerei Oettinger die Produktion an ihrem Standort in Braunschweig endgültig ein. Was einst als Erfolgsgeschichte der deutschen Braukunst begann, endet nun in einer wirtschaftlichen Sackgasse, die symptomatisch für die aktuelle Lage vieler mittelständischer Unternehmen in Deutschland ist. Die Schließung des Werks bedeutet nicht nur den Verlust eines bedeutenden Industriedenkmals in Niedersachsen, sondern zieht auch gravierende personelle Konsequenzen nach sich: Rund 110 der aktuell 120 Mitarbeiter verlieren voraussichtlich zum Ende des Jahres ihren Arbeitsplatz.
Die Gründe für diesen drastischen Schritt sind vielschichtig, zeichnen aber ein düsteres Bild der aktuellen Rahmenbedingungen am Standort Deutschland. Laut Unternehmensangaben sind es vor allem die massiv gestiegenen Energiepreise sowie ein drastischer Rückgang des Bierabsatzes, die diesen Schritt unumgänglich machten. In einer Zeit, in der jeder Cent zweimal umgedreht werden muss, verzichten immer mehr Menschen auf das klassische Feierabendbier oder greifen zu noch günstigeren Alternativen. Statistisch gesehen ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken – von über 92 Litern im Jahr 2020 auf nur noch etwa 88 Liter im Jahr 2023. Gepaart mit einer Kostensteigerung bei den Verbraucherpreisen von über 11 Prozent im letzten Jahr, befindet sich die Branche in einer gefährlichen Abwärtsspirale.

Besonders bitter ist die Entwicklung für die betroffenen Arbeitnehmer. Nur zehn Mitarbeiter sollen in die Logistikabteilung übernommen werden, der Rest steht vor einer ungewissen Zukunft. Oettinger-Pressesprecher betonten zwar, dass der Erhalt aller Arbeitsplätze das Wunschszenario gewesen sei, doch die Realität der „Lohnpreisspirale“ und die enormen Kosten für die Modernisierung veralteter Anlagen machten diese Hoffnung zunichte. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage fehlen vielen Unternehmen schlichtweg die finanziellen Mittel für notwendige Innovationen und Investitionen, trotz staatlicher Abschreibungspakete.

Doch was bedeutet das Aus in Braunschweig für die Konsumenten? Oettinger gibt hier vorsichtige Entwarnung: Die Produktion soll an die verbleibenden Standorte in Oettingen und Mönchengladbach verlagert werden. Auch Norddeutschland soll weiterhin beliefert werden. Die wohl wichtigste Nachricht für die Fans des „Volksbiers“: Der Preis soll trotz der Verlagerung stabil bleiben. Ob dies angesichts steigender Logistikkosten durch längere Transportwege, höhere Dieselpreise und die CO2-Steuer langfristig haltbar ist, bleibt abzuwarten. Die Unternehmensführung argumentiert, dass durch den Abbau ungenutzter und teurer Kapazitäten in Braunschweig die Effizienz gesteigert werden könne, um dem Kunden weiterhin beste Qualität zum fairen Preis anzubieten.

Die Schließung von Oettinger in Braunschweig ist kein Einzelfall. Erst kürzlich musste die Privatbrauerei Eichbaum in Mannheim den schweren Gang zum Insolvenzgericht antreten. Es scheint, als verliere Deutschland Stück für Stück seine Identität als Standort für weltweit erfolgreiche Traditionsmarken. Wenn selbst Branchengrößen unter den aktuellen Bedingungen kapitulieren müssen, stellt sich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland drängender denn je. Für Braunschweig endet mit dem Abzug von Oettinger eine Ära, die über Generationen hinweg das Stadtbild und die regionale Wirtschaft geprägt hat. Zurück bleiben leere Hallen und die bittere Erkenntnis, dass Tradition allein in Krisenzeiten kein Garant mehr für das Überleben ist.
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