Birgit Schrowange ist eine Institution im deutschen Fernsehen. Über Jahrzehnte hinweg war sie das Gesicht, dem Millionen vertrauten – souverän, kontrolliert und stets professionell. Doch wer glaubte, die Moderatorin in- und auswendig zu kennen, wird nun eines Besseren belehrt. Mit 67 Jahren, befreit vom Druck der Einschaltquoten und den Erwartungen großer Redaktionen, blickt sie zurück. Es ist kein bitterer Rückblick, aber ein erschreckend ehrlicher. Schrowange spricht erstmals offen darüber, dass ihr Weg an die Spitze ein permanenter Akt der Selbstanpassung war. Sie hat oft geschwiegen, nicht aus Mangel an Meinung, sondern weil es im System des Fernsehens für eine Frau schlicht „bequemer“ war.

In einem tiefgreifenden Rückblick identifiziert sie nun fünf Menschen, die wie Spiegel für ihre eigene Entwicklung fungierten. Diese Liste ist mehr als eine Aneinanderreihung von Wegbegleitern; es ist eine Analyse eines Mediensystems, das Frauen und Männern mit zweierlei Maß mass.

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Auf Platz 5 ihrer Liste steht überraschenderweise Thomas Gottschalk. Er war nie ein enger Vertrauter, doch er verkörperte für Schrowange alles, was ihr verwehrt blieb. Gottschalk war das Symbol für eine Ära, in der Männern jeder Fehler verziehen wurde, während Frauen akribisch auf jedes Wort achten mussten. Während Gottschalk einfach erscheinen konnte – locker, laut und unantastbar –, musste Schrowange abwägen und sich vorbereiten. Er durfte Charme versprühen, wo ihr Emotionalität vorgeworfen worden wäre. Gottschalk war für sie der Maßstab eines Systems, in dem sie lernte: Um zu bleiben, musst du leiser sein als die Männer.

Platz 4 belegt die „Miss Tagesschau“ Dagmar Berghoff. Für Schrowange war Berghoff das Idealbild der sachlichen, kontrollierten Frau, das das deutsche Fernsehen über Jahre hinweg forderte. Berghoff war perfekt, doch Schrowange erkannte erst viel später, dass diese Perfektion auch ein Käfig war. In einer Welt, in der Ecken und Kanten bei Männern als Charakter galten, war bei Frauen Neutralität die oberste Bürgerpflicht. Schrowange passte sich diesem Bild an, um keine Reibung zu erzeugen, und verlor dabei zeitweise die eigene Authentizität aus den Augen.

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Besonders interessant ist Platz 3: Günther Jauch. Der stets höfliche und professionelle Kollege zeigte Schrowange unbewusst ihre eigenen Grenzen auf. In Redaktionssitzungen durfte Jauch frei sprechen, Zweifel zeigen und ironisch sein. Schrowange spürte jedoch, dass sie selbst stets Sicherheit ausstrahlen musste. Was bei ihm als Kompetenz wahrgenommen wurde, hätte bei ihr als Unsicherheit gegolten. Der stille Vergleich mit Jauch prägte sie tiefer als jeder offene Konflikt, da er ihr täglich vor Augen führte, wie unterschiedlich Spielräume in der Medienwelt verteilt waren.

Mit Ulrike von der Gröben auf Platz 2 nennt Schrowange eine Kollegin auf Augenhöhe. Doch gerade diese Nähe machte den Spiegel, den von der Gröben ihr vorhielt, so schmerzhaft. Schrowange bewunderte die Souveränität ihrer Kollegin, stellte sich aber gleichzeitig die quälende Frage, warum sie selbst sich immer wieder rechtfertigen musste. Es war ein innerer Druck, der Wunsch, keine Fehler zu machen, der Schrowange dazu brachte, sich ständig selbst zu hinterfragen. Von der Gröben stand für eine Selbstverständlichkeit, die sich Schrowange erst mühsam erkämpfen musste.

Birgit Schrowange macht Schluss! | Presseportal

Die einflussreichste Person auf Platz 1 ist jedoch ein Mann, der nie vor der Kamera stand: Helmut Thoma, der ehemalige RTL-Chef. Er war für Schrowange weniger eine Person als vielmehr eine Instanz. Thoma schuf die Strukturen, in denen Schrowange funktionieren musste. Er bestimmte das Bild von Weiblichkeit und Seriosität, das sie zu verkörpern hatte. Sie durfte präsent sein, aber nicht dominant; klug, aber nicht unbequem. Über Jahre hinweg hielt Schrowange dies für normal, bis sie bemerkte, dass sie sich in diesem System immer kleiner machte. Thoma hat sie nie direkt gebremst, doch die von ihm geschaffenen Erwartungen wirkten tiefer als jede ausgesprochene Kritik.

Heute, mit 67 Jahren, ist Birgit Schrowange an einem Punkt angekommen, an dem sie niemandem mehr gefallen muss. Ihr Blick auf diese fünf prägenden Persönlichkeiten ist frei von Groll. Sie erkennt an, dass sie an diesen Widerständen gewachsen ist, auch wenn sie fast daran zerbrochen wäre. Ihre größte Freiheit heute ist es, nicht mehr die Rolle zu spielen, die von ihr erwartet wird. Wenn sie heute lächelt, dann tut sie es für sich selbst – und das ist das ehrlichste Geständnis ihrer langen Karriere.