Stellen Sie sich vor, ein Land steht am Abgrund – nicht wegen eines Krieges auf eigenem Boden, sondern wegen eines juristischen Paukenschlags, der die Grundfesten des globalen Finanzsystems erschüttert. Was wie das Drehbuch eines Polit-Thrillers klingt, ist bittere Realität: Die russische Zentralbank hat offiziell Klage gegen Belgien eingereicht. Die Forderung? Eine astronomische Summe von 229 Milliarden US-Dollar. Im Visier steht dabei Euroclear, die systemrelevante Wertpapierabwicklungsstelle in Belgien. Sollte Russland diesen Rechtsstreit gewinnen, droht Europa ein finanzieller Dominoeffekt, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Der Kern des Konflikts liegt in den eingefrorenen russischen Staatsvermögen. Seit dem Überfall auf die Ukraine hat die EU rund 217 Milliarden US-Dollar an russischen Geldern blockiert, die größtenteils bei Euroclear verwaltet werden. Während Brüssel hitzig darüber debattiert, diese Mittel – oder zumindest die daraus resultierenden Zinsen – zur Unterstützung der Ukraine zu enteignen, hat Moskau nun den juristischen Gegenangriff gestartet. Die Forderung beläuft sich inklusive Zinsen und Zinseszinsen auf 229 Milliarden Dollar. Das Problem: Euroclear verfügt lediglich über ein Eigenkapital von etwa 11 Milliarden Dollar. Eine erfolgreiche Klage Russlands würde die Institution sofort in die Insolvenz treiben.

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Euroclear ist nicht irgendeine Bank; sie ist das Rückgrat des europäischen Wertpapiermarktes. Ein Zusammenbruch würde bedeuten, dass der gesamte grenzüberschreitende Zahlungsverkehr und die Abwicklung von Staatsanleihen schlagartig zum Erliegen kämen. Experten warnen vor einem „finanziellen Blackout“. Unternehmen könnten keine Gehälter mehr auszahlen, Lieferketten würden aufgrund fehlender Liquidität reißen, und das Vertrauen in den Euro-Raum würde weltweit kollabieren. Es wäre ein systemischer Schock, der die Finanzkrise von 2008 wie ein harmloses Vorspiel erscheinen ließe.

Politisch ist die Lage hochexplosiv. Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, hat sich bereits klar gegen die Pläne der EU-Kommission positioniert. Er bezeichnet die geplante Enteignung russischer Gelder als „Kriegserklärung“ und warnt vor massiven Vergeltungsmaßnahmen Moskaus. Tatsächlich könnte Russland im Gegenzug europäische Direktinvestitionen in Höhe von über 215 Milliarden Dollar innerhalb seiner Grenzen beschlagnahmen. Fabriken, Beteiligungen und langfristige Engagements namhafter europäischer Konzerne stünden über Nacht vor dem Nichts.

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Interessanterweise kommen auch aus den USA eindringliche Warnungen. Washington befürchtet, dass ein radikaler Schritt der EU die Chancen auf künftige Friedensgespräche mit Moskau sabotieren könnte. US-Verhandlungsführer mahnen zur Besonnenheit und warnen davor, das internationale Finanzrecht durch einseitige Beschlagnahmungen dauerhaft zu beschädigen. Wenn das Vertrauen in die Sicherheit von Einlagen bei westlichen Zentralverwahrern erst einmal zerstört ist, könnten auch andere Großmächte wie China ihr Kapital aus Europa abziehen, was den wirtschaftlichen Niedergang des Kontinents beschleunigen würde.

Die EU befindet sich damit in einem gefährlichen Dilemma. Auf der einen Seite steht der moralische Imperativ, die Ukraine zu unterstützen und Russland für den Krieg zur Kasse zu bitten. Auf der anderen Seite steht die nackte Existenzangst um das eigene Finanzsystem. Die juristischen Argumente Russlands werden von Experten als durchaus substanziell eingestuft, da Belgien und Euroclear offiziell keine Kriegsparteien sind und eine einseitige Einbehaltung von Geldern geltendes internationales Recht bricht.

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Jeder Tag, an dem Brüssel zögert oder die Konfrontation sucht, erhöht die Zinslast der russischen Forderungen und treibt Europa näher an den Abgrund. Ein Dominoeffekt, der bei Euroclear beginnt, würde innerhalb kürzester Zeit Berlin, Paris und Madrid erreichen. Die Stabilität der Ersparnisse von Millionen Bürgern steht auf dem Spiel. Während die Politik noch in moralischen Debatten verharrt, tickt die finanzielle Zeitbombe unerbittlich weiter. Europa muss sich entscheiden: Will man ein riskantes Exempel statuieren oder die eigene wirtschaftliche Sicherheit bewahren? Der Ausgang dieses Machtkampfes wird die Zukunft unseres Kontinents für Jahrzehnte prägen.