Die Kamerablitze sind verstummt, der Applaus der Modemetropolen ist verhallt, doch der Name Claudia Schiffer hallt lauter nach denn je. Das deutsche Supermodel, das über zwei Jahrzehnte die Laufstege von Paris bis New York dominierte, sorgt derzeit für Schlagzeilen, die weit über die Welt der Hochglanzmagazine hinausgehen. Es geht um ein Vermögen von über 80 Millionen Euro und ein Vermächtnis, das die deutsche Modewelt in Staunen versetzt. Schiffer, die stets als Inbegriff von Disziplin und kühler Eleganz galt, hat eine Entscheidung getroffen, die ihr gesamtes Lebenswerk in ein völlig neues Licht rückt.

Hinter der unbewegten Schönheit, die Karl Lagerfeld einst als „die letzte Aristokratin der Mode“ adelte, verbarg sich eine Frau von eiserner Diskretion und klugem Geschäftssinn. Ihr Reichtum, verteilt auf luxuriöse Anwesen in England, auf Mallorca und in ihrer Heimatnähe Düsseldorf sowie umfangreiche Kunstsammlungen, war lange Zeit Gegenstand von Spekulationen. Doch was nun über ihr Testament bekannt wurde, erschüttert die Branche: Schiffer widmet einen Großteil ihres Besitzes einer Stiftung, die sich dem Schutz junger Models und der Förderung von Frauen in der Modebranche verschrieben hat. Ein stiller, aber gewaltiger Akt der Solidarität in einer Industrie, die oft für ihre Ausbeutung kritisiert wird.

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Um diesen Schritt zu verstehen, muss man zurückblicken in die Kleinstadt Rheinberg am Niederrhein, wo Claudia 1970 als schüchternes, großgewachsenes Mädchen geboren wurde. Von den Mitschülern als „Giraffe“ verspottet, übte sie heimlich vor einem gesprungenen Spiegel ihr Lächeln – ein Symbol für den Wunsch, gesehen zu werden, ohne die eigene Seele zu verlieren. Ihr Vater, ein strenger Anwalt, lehrte sie die Bedeutung von Stärke und Selbstkenntnis. Diese Werte trug sie mit sich, als sie mit nur 17 Jahren entdeckt wurde und die Reise in den glitzernden Abgrund von Paris antrat.

In den 90er Jahren wurde sie zum Gesicht einer Ära. Chanel, Versace, Valentino – alle wollten die Frau, die vor der Kamera zu Licht wurde. Doch der Ruhm hatte seinen Preis. Schiffer selbst gestand später, dass die Blitzlichter einem die Seele stehlen können, wenn man nicht weiß, wer man wirklich ist. Während die Welt eine perfekte Skulptur aus Marmor sah, kämpfte sie hinter den Kulissen mit der Einsamkeit und dem immensen Druck einer Branche, die Schönheit wie eine Ware behandelt. Ihr Rückzug im Jahr 2002 an die Seite des Regisseurs Matthew Vaughn und auf ihr englisches Tudorhaus war kein Verschwinden, sondern eine bewusste Flucht in die Freiheit.

Karl Lagerfeld: Claudia Schiffer nimmt mit bewegenden Worten Abschied |  STERN.de

Das Erbe, das sie nun hinterlässt, ist weit mehr als nur Geld. Es ist eine Haltung. Schiffers Entscheidung, junge Talente vor den Schattenseiten des Model-Business zu bewahren, zeigt eine Reife und Güte, die man in der oft oberflächlichen Modewelt selten findet. Ihr englisches Anwesen soll eines Tages ein Museum für nachhaltige Eleganz beherbergen – ein Ort, an dem Mode nicht mehr verletzt, sondern inspiriert.

Claudia Schiffer hat bewiesen, dass wahre Anmut aus Geduld und der Fähigkeit zum Loslassen entsteht. In den Modeakademien wird ihr Gang noch heute als majestätisch analysiert, doch ihr wahrer Beitrag zur Geschichte ist ihr Mut zur Stille und zur Klarheit. Sie verwandelte Gold in Bedeutung und Glamour in Güte. Ihr Name gehört nun nicht mehr dem flüchtigen Moment auf dem Laufsteg, sondern der ewigen Erinnerung an eine Frau, die gelernt hat, dass Schönheit nicht das ist, was man zeigt, sondern das, was man bewahrt und weitergibt. Die deutsche Modewelt verneigt sich vor einer Königin, die ihre Krone weitergereicht hat, um das Licht für die nächste Generation zu entzünden.

Claudia Schiffer: „Mit zunehmendem Alter erhält man einen anderen  Blickwinkel“ - WELT