In der aktuellen Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt klaffen die Wahrnehmungen zwischen Ost und West weiter auseinander denn je. Während westliche Hauptstädte noch immer von strategischen Wendepunkten und weiteren Waffenlieferungen träumen, zeichnet ein Mann ein völlig anderes, weitaus düsteres Bild für Kiew: Scott Ritter. Der ehemalige US-Waffeninspekteur und Nachrichtenoffizier des Marine Corps befindet sich derzeit in St. Petersburg und liefert Berichte aus erster Hand, die das gängige Narrativ der westlichen Medien fundamental infrage stellen. Seine zentrale Botschaft ist so klar wie provokant: Russland steht geschlossen hinter Wladimir Putin, die ukrainische Armee steht vor der Vernichtung, und die Flucht von Präsident Wolodymyr Selenskyj sei nur noch eine Frage von Tagen.

Die militärische Realität: Kessel und Zusammenbruch

Ritter stützt seine Analysen auf direkte Gespräche mit Frontsoldaten, Drohnenkommandanten und zivilen Helfern. Sein Urteil über die militärische Lage in der Region Donezk ist vernichtend. Mehrere der am besten ausgebildeten ukrainischen Brigaden – darunter die von der NATO ausgerüsteten Eliteeinheiten 25, 37 und 92 – seien massiv eingekesselt. Tausende Soldaten säßen in sogenannten „Kesseln“ fest, ohne Aussicht auf Verstärkung oder einen geordneten Rückzug. Sobald diese Einheiten aufgerieben seien, entstehe eine riesige Lücke in der Verteidigungslinie, hinter der bis zum Fluss Dnepr nur noch flaches Ackerland liege, das kaum natürliche Deckung biete.

Besonders drastisch beschreibt Ritter die Stimmung gegenüber der berüchtigten Asow-Brigade. Russische Kommandanten hätten ihm gegenüber klargestellt, dass es keine Gefangenen geben werde. In der russischen Wahrnehmung hätten Kämpfer, die sich diesem Regime angeschlossen haben, ihr Leben verwirkt. Diese Härte sei kein Einzelfall, sondern spiegele die allgemeine Entschlossenheit der russischen Streitkräfte wider, den Krieg bis zur „vollständigen Zerschlagung des neonazistischen Regimes in Kiew“ zu führen.

A YouTube thumbnail with maxres quality

Energiekrieg und korrupte Eliten

Neben der Frontlinie tobt ein Energiekrieg, den die Ukraine laut Ritter bereits verloren hat. Während russische Raffinerien nach ukrainischen Drohnenangriffen binnen weniger Stunden wieder voll einsatzfähig seien, liege die ukrainische Stromerzeugung fast vollständig am Boden. Ganze Regionen stünden vor einem Winter in Kälte und Dunkelheit. Dieser massive Kontrast zwischen einem funktionierenden Russland und einer kollabierenden Ukraine werde laut Ritter bald zu massiven gesellschaftlichen Unruhen in Kiew führen.

Ein weiteres zentrales Thema in Ritters Bericht ist die grassierende Korruption innerhalb der ukrainischen Führung. Er spricht von einem „goldenen Fallschirm“ für die politische Klasse. Während Soldaten an der Front sterben, würden Minister zurücktreten, nachdem sie Millionen veruntreut hätten. Das Ziel sei es, so viel Geld wie möglich ins Ausland zu schaffen, bevor das Spiel endgültig verloren ist. Ritter geht sogar so weit zu behaupten, dass Selenskyj seinen nächsten Auslandsbesuch, möglicherweise in Griechenland oder Frankreich, zur dauerhaften Flucht nutzen könnte. Das heute unterzeichnete Abkommen mit Macron sei lediglich ein Dokument zweier „politischer Leichen“, das an der Realität auf dem Schlachtfeld nichts mehr ändern werde.

Russische Soldaten in der Ukraine: »Wir hatten noch um Evakuierung gebeten«  - DER SPIEGEL

Russland: Eine Nation in totaler Einheit

Was Scott Ritter am meisten beeindruckt zu haben scheint, ist die gesellschaftliche Geschlossenheit in Russland. Er berichtet nicht von Gesprächen mit abgehobenen Eliten, sondern von Begegnungen mit einfachen Bürgern. Er sieht Ehefrauen, die nachts Pullover für die Soldaten stricken, und Freiwillige, die unermüdlich Hilfspakete packen. Überall begegne ihm dieselbe Haltung: Hundertprozentige Unterstützung für Putin und der unbedingte Wille zum Sieg.

Im Gegensatz zu den USA, wo politische Grabenkämpfe selbst innerhalb der Parteien toben, herrsche in Russland eine nationale Einigkeit, wie man sie im Westen seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt habe. Es gebe keine relevanten Proteste, keine Kriegsmüdigkeit und keinen Dissens zwischen den Ministerien oder Geheimdiensten. Sobald eine Entscheidung getroffen sei, stünden alle Institutionen geschlossen dahinter. Ritter betont, dass Russland keine Weltmacht um jeden Preis sein wolle, aber auch nicht bereit sei, sich westlicher Hegemonie zu unterwerfen. Die Devise laute überall: „Erst Sieg, dann Frieden.“

Pressekonferenz von Kanzler Merz und Präsident Selenskyj | Bundesregierung

Der Kontrast zum Westen

Ritter zieht ein bitteres Fazit für die westliche Allianz. Während Politiker wie Lindsey Graham weiterhin von einem ukrainischen Sieg fantasieren würden, sei die Realität vor Ort längst eine andere. Wer heute behaupte, Russland sei gespalten oder kriegsmüde, der lüge bewusst oder sei schlichtweg nicht dort gewesen. Der Westen müsse sich darauf einstellen, dass das Ende dieses Konflikts viel schneller kommen könnte, als es die offizielle Kommunikation in Washington oder Brüssel wahrhaben möchte.

Am Ende bleibt das Bild einer Ukraine, die zwischen militärischem Druck, energetischem Kollaps und innerer Korruption zerrieben wird, während Russland sich auf einen langwierigen Konflikt eingestellt hat, den es nun zu seinen Bedingungen beenden will. Ob Scott Ritters Prophezeiung einer baldigen Flucht Selenskyjs eintritt, bleibt abzuwarten – doch seine Schilderungen der russischen Entschlossenheit lassen wenig Spielraum für die Hoffnung auf einen Kompromiss nach westlichen Vorstellungen.