Es ist eine Lebensbeichte, die die deutsche Schlagerwelt in ihren Grundfesten erschüttert und zeigt, dass hinter der glitzernden Fassade des Showgeschäfts oft tiefes menschliches Leid verborgen liegt. Wenn eine Frau wie Mary Roos, die über fünf Jahrzehnte im grellen Rampenlicht stand, mit 76 Jahren das Schweigen bricht, dann horcht die Nation auf. Doch es war keine gewöhnliche Schlagzeile über ein neues Album oder eine Abschiedstournee; es war eine schmerzhafte, fast radikale Selbsterkenntnis über den einen Mann, den sie niemals hätte gehen lassen dürfen: Pierre Scardin.

Um das Ausmaß dieser späten Reue zu verstehen, muss man zurückreisen in die goldenen 1970er Jahre. Pierre Scardin, ein charismatischer Franzose mit einem unfehlbaren Gespür für das Metier, war weit mehr als nur der Mann an Marys Seite. Er war ihr Entdecker, ihr Mentor und der strategische Kopf hinter ihrem kometenhaften Aufstieg. Als sie sich 1969 das Ja-Wort gaben, verschmolzen Privatleben und Karriere zu einer untrennbaren Einheit. Scardin war der Architekt der Marke Mary Roos. Er navigierte sie durch die tückischen Gewässer der Musikindustrie, plante Tourneen, die Deutschland so noch nicht gesehen hatte, und formte sie zu einer der erfolgreichsten Sängerinnen des Jahrzehnts. Acht Jahre lang waren sie das unschlagbare Duo der Branche. Er war ihr engster Vertrauter, ihr Beschützer und, wie sie heute schmerzlich weiß, ihr emotionaler Anker.

A YouTube thumbnail with maxres quality

Doch das Jahr 1977 markierte das abrupte Ende dieses Traums. Pierre Scardin beging den ultimativen Fehler: Er war untreu. Eine außereheliche Affäre erschütterte das Fundament ihres gemeinsamen Lebens. Für die junge, stolze Mary Roos gab es damals keine Nuancen, kein Verzeihen und keine zweite Chance. Tief verletzt in ihrem Stolz und ihrer weiblichen Würde zog sie die Reißleine. Die Scheidung erfolgte unmittelbar, fast schon trotzig. Heute, mit der Distanz von fast fünf Jahrzehnten, zeichnet Mary Roos jedoch ein weitaus komplexeres Bild dieses Bruchs. In einem Moment der absoluten Wahrheit bezeichnete sie die Scheidung von Pierre als den größten Fehler ihres Lebens. „Man weiß erst am Ende des Lebens, wen man wirklich geliebt hat, und das war Pierre“, gestand sie mit einer Klarheit, die keine Fragen offen ließ.

Rückblickend betrachtet sie ihr jüngeres Ich mit einer Mischung aus Mitleid und Unverständnis. Sie nennt sich selbst „dumm, unreif und eitel“. Ihr damaliger Stolz, der sie zur sofortigen Trennung trieb, erscheint ihr heute wie eine unbedeutende Kleinigkeit im Vergleich zu dem, was sie verloren hat. Diese Beichte ist deshalb so brisant, weil sie mit einem gesellschaftlichen Tabu bricht: der Vorstellung, dass man nach einem Betrug niemals zurückkehren sollte. Mary Roos stellte klar, dass sie heute mit der Weisheit des Alters Pierres einmaligen Fehltritt verzeihen würde, um die Ehe zu retten. Es ist die Anerkennung, dass eine tiefe, über Jahre gewachsene Seelenverwandtschaft schwerer wiegt als ein Moment der körperlichen Schwäche.

Mary Roos und Sohn Julian Böhm Nach zweijähriger Schaffenspause erschien im  April Mary Roos neues

Doch der Weg zur Selbsterkenntnis war steinig und führte durch eine weitere, weitaus turbulente Ehe. Als die Beziehung zu Scardin bereits kriselte, trat Werner Böhm, später bekannt als Gottlieb Wendehals, in ihr Leben. Sein Erscheinen wirkte wie ein Brandbeschleuniger auf die ohnehin fragile Situation. Mary Roos gab später offen zu, dass die Präsenz von Böhm den Scheidungsprozess von Pierre massiv beschleunigte. Es war eine Flucht nach vorne, ein emotionaler Befreiungsschlag, der sich im Nachhinein als fataler Irrtum herausstellen sollte. 1981 gaben sie sich das Ja-Wort – eine Verbindung der Extreme. Hier die elegante Chanson-Diva, dort der exzentrische Entertainer mit dem Gummiadler. Was nach außen wie eine schillernde Allianz wirkte, entpuppte sich hinter den Kulissen schnell als psychologische Zerreißprobe.

Das Jahr 1984 sollte als das „schwarze Jahr“ in die Biografie von Mary Roos eingehen. Es war der Moment, in dem privates Leid und öffentliches Auftreten auf grausamste Weise kollidierten. Der Ort des Geschehens war Luxemburg, das Finale des Eurovision Song Contest. Mary war bereit, Deutschland mit der Hymne „Aufrecht geh’n“ zu vertreten – ein Titel, der heute wie eine bittere Prophezeiung wirkt. Minuten bevor sie vor Millionen von Fernsehzuschauern das Podium betreten sollte, klingelte in der Garderobe das Telefon. Eine anonyme Stimme am anderen Ende riss ihr den Boden unter den Füßen weg: Eine Frau behauptete kaltblütig, ein Kind von Werner Böhm zu erwarten, und drohte mit einem öffentlichen Skandal, sollte nicht sofort Schweigegeld fließen.

Mit bleichem Gesicht und zitternden Knien trat Mary Roos ins Scheinwerferlicht. Es war eine Performance der Qualen. Während sie Zeilen über den Stolz einer betrogenen Frau sang, kämpfte sie hinter ihrer professionellen Maske mit den Tränen. Die psychische Belastung war so immens, dass ihre Stimme unsicher wurde und sie schließlich nur den 13. Platz belegte. Später bezeichnete sie dieses Erlebnis als einen totalen mentalen Zusammenbruch. Es war der Moment, in dem sie begriff, dass ihre Ehe mit Werner Böhm kein sicherer Hafen war, sondern ein offenes Meer voller Haie. Obwohl die Ehe noch bis 1989 hielt und ihr 1986 das kostbarste Gut ihres Lebens schenkte – ihren Sohn Julian –, war der Schaden irreversibel.

Heute, im Jahr 2026, erleben wir eine Mary Roos, die so sehr bei sich selbst angekommen ist wie nie zuvor. Hamburg ist für sie nicht mehr nur ein Wohnort, sondern ein Symbol für ihre späte Freiheit. Nachdem sie ihre aktive Karriere auf der Bühne beendet hat, genießt sie eine Autonomie, die ihr in den Jahrzehnten unter der Obhut ihrer Ehemänner verwehrt blieb. Anstatt sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, hat sie das Alter neu definiert. Mit über 75 Jahren strahlt sie eine Lebensfreude aus, die ansteckend wirkt. Sie braucht keinen Mann mehr, um ihren Wert zu definieren. „Ich habe kein Interesse mehr an einer festen Bindung oder einer erneuten Ehe“, lautet ihr klares Credo.

Mary Roos im Interview: "Langsam kann ich wieder flirten" | GALA.de

Ihre Energie investiert sie heute in ihr soziales Netz, das auf wunderbare Weise sogar den Kreis zu ihrem ersten Ehemann Pierre Scardin schließt. Trotz der schmerzhaften Trennung und der Jahrzehnte des Getrenntseins ist das Band zwischen ihnen nie wirklich gerissen. Heute pflegen sie eine tiefe Freundschaft, telefonieren regelmäßig und teilen Erinnerungen an die Zeit, in der sie gemeinsam die Welt eroberten. Mary Roos hat einen Weg gefunden, nicht nur mit ihrem Ex-Mann Frieden zu schließen, sondern auch mit dessen heutiger Ehefrau. Es ist eine Konstellation, die zeigt, dass wahre Verbundenheit über vergangene Verletzungen hinausgeht.

Inmitten all der Männer, die in ihrem Leben kamen und gingen, gibt es jedoch eine Konstante, die über allem steht: ihr Sohn Julian Böhm. Er ist das Geschenk, das aus den Trümmern ihrer zweiten Ehe hervorging. Mary Roos macht kein Geheimnis daraus, dass er die absolute Priorität in ihrem Leben genießt. „Er ist der wichtigste Mann in meinem Leben“, sagt sie voller Stolz. Julian ist ihr Fels in der Brandung, ihr Berater in der modernen Welt und ihr engster Vertrauter im Alltag. Seit dem Tod seines Vaters Werner Böhm im Jahr 2020 sind sie noch enger zusammengerückt. Er ist der Grund, warum Mary Roos niemals einsam ist.

Wenn wir heute auf Mary Roos blicken, sehen wir nicht nur eine Schlagerlegende. Wir sehen eine Frau, die die gesamte Klaviatur menschlicher Emotionen gespielt hat – vom beruflichen Triumph durch Pierre Scardin über den tiefen Fall durch Werner Böhm bis hin zur ultimativen Selbsterkenntnis im Alter. Sie hat den Mut besessen, ihre Fehler öffentlich einzugestehen und ihren verpassten Chancen nachzutrauern, ohne darin zu verbittern. Ihre Geschichte lehrt uns, dass man erst dann wirklich frei ist, wenn man aufhört, anderen gefallen zu wollen, und anfängt, seine eigene Wahrheit zu leben. Mary Roos im Jahr 2026 ist eine Frau, die endlich genau das tut, was sie 1984 nur sang: Sie geht aufrecht. Und sie tut es an der Seite des einzigen Mannes, der sie niemals enttäuscht hat – ihres Sohnes.