In der deutschen Unterhaltungslandschaft gibt es nur wenige Gesichter, die so sehr für Bodenständigkeit, Verlässlichkeit und stille Größe stehen wie Wolfgang Stumph. Über Jahrzehnte hinweg war der Dresdner Schauspieler eine feste Instanz, ein Mann, dem das Publikum vertraute, ohne dass er jemals die lauten Töne oder die grellen Schlagzeilen suchte. Doch nun, im Alter von 78 Jahren, hat sich Stumph zu einem ungewöhnlich offenen Rückblick entschlossen. In einer Zeit, in der er niemandem mehr etwas beweisen muss, nennt er erstmals jene fünf Kollegen, die seinen Weg nicht nur begleitet, sondern ihn tiefgreifend geprägt haben – oft als faszinierendes Vorbild, manchmal aber auch als eindringliche Warnung.
Es ist eine Bilanz, die weit über oberflächliche Anekdoten hinausgeht. Stumph spricht über eine Branche, die er liebt, deren Mechanismen er jedoch stets mit einer gesunden Skepsis beobachtet hat. Seine Auswahl der fünf Persönlichkeiten ist dabei so überraschend wie aufschlussreich.

Der Kontrast der Generationen: Till Schweiger
Auf Platz fünf seiner Liste steht Till Schweiger. Für Stumph verkörpert Schweiger den radikalen Wandel der Branche. Während Stumph seine Rollen stets mit Bedacht wählte und eher abwartend agierte, nahm sich Schweiger mit einer fast schon Hollywood-reifen Selbstverständlichkeit den Raum. Stumph erinnert sich an diesen Kontrast ohne Neid, aber mit einer klaren Erkenntnis: Der Erfolg funktionierte plötzlich anders. Schweiger stand für Lautstärke, Härte und internationales Flair. Für einen leisen Charakter wie Stumph war dies ein Moment der Verunsicherung, ein erster Riss im Gefühl der Sicherheit. Er verstand, dass in einer Welt, in der Lautstärke belohnt wird, die leisen Karrieren es zunehmend schwerer haben würden.
Zwischen Freiheit und Abgrund: Heiner Lauterbach
Noch intensiver beschäftigte Stumph die Karriere von Heiner Lauterbach, den er auf Platz vier setzt. Lauterbach war für ihn das Sinnbild für die schmale Gratwanderung zwischen genialem Talent und drohendem Absturz. Während Stumph für Disziplin und familiäre Werte stand, lebte Lauterbach lange Zeit am Limit – geprägt von Eskapaden, Comebacks und einem riskanten Image. „Heiner hat mir gezeigt, wie nah Erfolg und Selbstzerstörung beieinanderliegen“, reflektiert Stumph heute. Lauterbach war für ihn kein Vorbild, dem er nacheifern wollte, sondern eine mahnende Erinnerung daran, dass wahrer Charakter länger trägt als kurzfristige Schlagzeilen. Er lernte durch ihn, dass es oft das ist, was man nicht tut, das einen am Ende rettet.

Der Kampf gegen das Etikett: Dieter Hallervorden
Auf Platz drei begegnen wir Dieter Hallervorden. Ein Gigant des Humors, der jedoch ein schweres Erbe mit sich herumtrug: das Image des „Didi“. Stumph beobachtete genau, wie hart Hallervorden darum kämpfen musste, als ernsthafter Schauspieler anerkannt zu werden. Das Publikum liebte den Komiker, wollte ihm aber lange Zeit keine Tiefe zugestehen. Für Stumph wurde Hallervorden zum Spiegel der Industrie, die Menschen nur zu gerne in Schubladen steckt. Er lernte daraus, dass Beliebtheit eine Form der Begrenzung sein kann und dass es enorme Kraft kostet, sich von den Erwartungen anderer zu befreien. Hallervordens später Triumph am Theater und im ernsten Film war für Stumph eine Lektion in Geduld und Beharrlichkeit.
Der goldene Käfig der Popularität: Otto Waalkes
Platz zwei belegt Otto Waalkes, ein Phänomen, das Stumph gleichermaßen bewunderte wie fürchtete. Otto war überall, ein Volksliebling ohnegleichen. Doch Stumph sah hinter die Maske des ewigen Kindskopfs. Er erkannte, dass Ottos Popularität zu einem „Käfig“ wurde. Das Publikum ließ ihn nicht wachsen; man wollte immer denselben Otto sehen. Jede Abweichung, jeder ernste Ton wurde skeptisch beäugt. Stumph zog daraus die Konsequenz für seine eigene Laufbahn: „Ich wollte nie eine Figur werden, ich wollte Mensch bleiben.“ Für ihn war die Freiheit, sich verändern zu dürfen, stets wertvoller als der maximale Applaus für eine erstarrte Rolle.
Der radikale Gegenentwurf: Udo Lindenberg
Die größte Prägung jedoch erfuhr Wolfgang Stumph durch einen Mann, der scheinbar das exakte Gegenteil von ihm ist: Udo Lindenberg. Auf Platz eins steht der Rock-Rebell, der laut, provokant und völlig unberechenbar durch das Leben zieht. Lindenberg brach jede Regel, die Stumph heilig war. Doch genau in dieser Reibung fand Stumph seine eigene Identität. Er beobachtete Lindenberg nicht mit Verurteilung, sondern mit prüfendem Blick und erkannte: Diese radikale Freiheit hat einen Preis, den er selbst nicht zu zahlen bereit war. Lindenberg zeigte ihm, dass man nicht laut rebellieren muss, um Haltung zu zeigen. Durch den „Panik-Rocker“ verstand Stumph, welchen Weg er ganz bewusst nicht gehen wollte – und dass genau diese Entscheidung für Bodenständigkeit und Verlässlichkeit seine größte Stärke werden sollte.
Mit 78 Jahren blickt Wolfgang Stumph auf diese fünf Spiegelbilder zurück. Er hat die Branche gesehen, verglichen und eingeordnet. Sein Fazit ist so bescheiden wie eindrucksvoll: Er war vielleicht nie der Star der großen Schlagzeilen, aber er ist sich treu geblieben. Sein Weg zeigt, dass man in einer lauten Welt auch leise ans Ziel kommen kann – ohne Reue und mit sich selbst im Reinen.
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