Der Jahreswechsel markiert für die Bundesrepublik Deutschland einen Moment der Zäsur. Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz am Vorabend des neuen Jahres zu seiner ersten Neujahrsansprache ansetzt, blickt das Land auf eine Regierungszeit zurück, die ebenso dynamisch wie kontrovers begann. Es war ein langer, oft von Rückschlägen gezeichneter Weg, den Merz innerhalb seiner Partei und schließlich bis ins Bundeskanzleramt zurückgelegt hat. Doch die Euphorie des Wahlsiegs vom 23. Februar ist längst einer nüchternen, fast schon frostigen Realität gewichen.

Der „Ankündigungskanzler“ und die Macht der Erwartungen

Schon bei seiner ersten Regierungserklärung im Mai legte Friedrich Merz die Messlatte in schwindelerregende Höhen. Er versprach den Bürgerinnen und Bürgern, dass sie bereits im Sommer spüren würden, wie sich das Land zum Besseren verändert. Ein Sondervermögen für die Infrastruktur und massive Entlastungen für Unternehmen sollten den großen wirtschaftlichen Umschwung einleiten. Doch während die Regierung viele Gesetze auf den Weg brachte, kam bei den Menschen kaum etwas davon an.

Politikexperten wie Albrecht von Lucke ziehen eine kritische Bilanz: Merz agierte in den ersten Monaten vor allem als „Ankündigungskanzler“. Er nahm den Mund oft zu voll und weckte Hoffnungen, die er in der Kürze der Zeit und angesichts der globalen Verwerfungen gar nicht erfüllen konnte. Das Ergebnis ist ein massiver Vertrauensverlust. Umfragen zeigen ein erschreckendes Bild: Etwa drei Viertel der Bevölkerung sind mit der Arbeit des Kanzlers derzeit unzufrieden.

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Außenpolitische Stärke vs. innenpolitisches Chaos

Interessanterweise offenbart sich bei Friedrich Merz eine ausgeprägte Ambivalenz zwischen seiner Rolle auf der Weltbühne und seinem Wirken im Inland. Als „Außenkanzler“ konnte er durchaus Erfolge verbuchen. In einer historisch beispiellosen Situation – geprägt durch eine US-Regierung unter Donald Trump, die sich zunehmend von Europa distanziert, und der ständigen Bedrohung durch Russland – gelang es Merz, Europa wieder ein Stück weit zu einen. Die Ukraine-Gespräche im Dezember zeigten einen Kanzler, der fähig ist, transatlantische Brücken zu schlagen und gemeinsam mit Präsident Selenskyj entschlossen aufzutreten.

Doch diese außenpolitische Souveränität schlägt nicht auf die Innenpolitik um. Hier wirkt die Koalition zerstritten und wenig handlungsfähig. Das große Versprechen, als geschlossene Einheit aufzutreten, wurde bisher nicht eingelöst. Stattdessen dominiert das Bild einer Regierung, die sich in Detailfragen verheddert, während die großen wirtschaftlichen Probleme ungelöst bleiben.

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Menschliche Momente und kommunikative Fehltritte

Hinter der Fassade des präzisen und oft kühl wirkenden Staatsmannes kamen in den letzten Wochen auch menschliche Regungen zum Vorschein. Merz gestand öffentlich ein, dass er manchmal morgens aufwache und hoffe, die aktuelle Weltlage sei nur ein „böser Traum“. Solche Momente der Nahbarkeit sind selten bei einem Mann, der für seine Härte und Zielstrebigkeit bekannt ist.

Dennoch kämpft er mit kommunikativen Altlasten. Seine vagen Äußerungen zum Thema Migration und das „Stadtbild“ sorgten im Herbst für Empörung. Erst spät folgte eine Art Einsicht. Merz gab zu, dass er früher hätte konkretisieren müssen, was er meint, und dass er heute souveräner agieren würde. Dieser Lernprozess ist zwar lobenswert, kommt für viele Bürger jedoch zu spät, um den Eindruck eines sprunghaften Politikstils zu revidieren.

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Ein Jahr der harten Wahrheiten

Für das kommende Jahr steht Friedrich Merz vor der Herkulesaufgabe, die „Quadratur des Kreises“ zu bewältigen. Mit fünf anstehenden Landtagswahlen wird der Konkurrenzkampf innerhalb der Koalition, insbesondere zwischen CDU und SPD, unweigerlich zunehmen. Gleichzeitig muss die Regierung geschlossen bleiben, um das Land durch die Krise zu führen.

Experten raten dem Kanzler zu einer radikalen Kurskorrektur in der Kommunikation: Weniger Versprechungen, mehr Zumutung. Die Menschen in Deutschland spüren, dass die Bäume nicht mehr in den Himmel wachsen. Eine ehrliche Botschaft, die auch die „starken Schultern“ der Gesellschaft in die Pflicht nimmt und klarstellt, dass harte Zeiten bevorstehen, könnte Merz die verloren gegangene Glaubwürdigkeit zurückgeben. Es geht nicht mehr nur darum, gegen Bürgergeldempfänger zu wettern, sondern einen solidarischen Beitrag aller einzufordern.

Die erste Neujahrsansprache wird somit zum Schicksalsmoment. Wird Friedrich Merz den Mut aufbringen, seinen eigenen Lernprozess offen zu legen und dem Land die ungeschönte Wahrheit zu sagen? Davon wird abhängen, ob er als Kanzler der Reformen in die Geschichte eingeht oder als ein Politiker, der an seinen eigenen, zu hoch gesteckten Ansprüchen gescheitert ist. Das Land wartet gespannt auf eine Richtung, die über bloße Ankündigungen hinausgeht.