Der Frühlingsnebel hing wie ein Leichentuch über den zerbombten Straßen von Achen. Oberleutnant Wilhelm Steiner presste seine schmalen Lippen zusammen, während er durch sein Fernglas die amerikanischen Stellungen am Waldrand beobachtete. Die letzten drei Jahre an der Ostfront hatten tiefe Falten in sein einstugendliches Gesicht gegraben und der plötzliche Transfer an die Westfront vor zwei Wochen hatte ihm keine Zeit gelassen, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen.

 Mit seinen 37 Jahren fühlte er sich wie ein Greis unter den jungen Rekruten seiner Kompanie. Die meisten kaum älter als 18. Jungen mit leeren Augen, die zu viel gesehen hatten und doch nichts vom wahren Krieg verstanden. Herr Oberleutnant, die Amerikaner verstärken ihre Stellungen im Norden flüsterte Unteroffizier Hans Bcker, ein stämmiger Metzgers Sohn aus Dresden, dessen rechte Hand seit einem Granatangriff in Stalingrad unaufhörlich zitterte.

 Sie bereiten einen Durchbruch vor”, murmelte Steiner, während er das Fernglas absetzte und sich im Graben umdrehte, wo seine Männer kauerten. Erschöpfte Soldaten, die letzte verbliebene Kampfeinheit des einstolzen 415. Grenadierregiments. Sie hatten keine Panzer mehr, kaum Munition und seit drei Tagen keine warme Mahlzeit.

 Was sie jedoch hatten, waren drei MG42 Maschinengewehre die neueste Waffe der Wehrmacht, gefürchtet an allen Fronten für ihre unglaubliche Feuerrate von 1200 Schuss pro Minute. Die Amerikaner nannten sie Hitlers Säge, ein Geräusch, das einmal gehört nie wieder vergessen wurde. “Feldwebel Müller”, rief Steiner leise und ein hagerer Mann mit Narbengesicht kroch zu ihm herüber.

Verteilen Sie die MGs. Eins hier, eins am Waldrand und eins bei den Ruinen der Kirche. Ich will, daß die Schussfelder sich überlappen. Müller nickte stumm und verschwand lautlos in der Dämmerung, um die Befehle auszuführen. Die Nacht senkte sich über ihre Stellungen und mit ihr kam die beißende Frühlingskälte.

Steiner wickelte seinen abgetragenen Mantel enger um sich und dachte an das Versprechen, das er seinem Vater gegeben hatte, bevor dieser im Lazaret von München an seinen in Frankreich erlittenen Verletzungen gestorben war. Beschütze Deutschland, Wilhelm, nicht für Hitler, nicht für die Partei, für das Land unserer Vorfahren.

 Der alte Mann hatte die Niederlage kommen sehen, lange bevor die Generäle es zugeben wollten. Jetzt im April 1945 war der Krieg praktisch verloren. Die Russen standen vor Berlin. Die Amerikaner und Briten drangen tief in deutsches Gebiet ein und doch seine Männer kämpften weiter. nicht aus Fanatismus oder blinder Treue zum Regime, sondern aus einer seltsamen Mischung aus Pflichtgefühl, Kameradschaft und der verzweifelten Hoffnung, den Heimatboden zu verteidigen.

 Während die Nachtgeräusche des Waldes ihn umgaben, notierte Steiner in sein abgegriffenes Tagebuch: “Morgen werden Sie angreifen. Wir werden bereit sein. Die MG42 ist unsere letzte Hoffnung. Möge Gott uns beistehen, denn sonst wird es niemand tun.” Die ersten Sonnenstrahlen krochen gerade über den Horizont, als das dumpfe Dröhnen der amerikanischen Schermanpanzer die Stille des frühen Morgens durchbrach.

 Steiner kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie sich die massiven Stahlkolosse langsam durch den Morgennebel schoben, gefolgt von Infanterieeinheiten in ihren charakteristischen Uniformen. Er konnte die Gesichter der jungen amerikanischen Soldaten nicht sehen, aber er stellte sich vor, wie sie lachten und scherzten, siegessicher und überzeugt, dass der Krieg bald vorbei sein würde.

 Sie hatten keine Ahnung, was sie erwartete. Steiner gab das vereinbarte Zeichen, drei kurze Pfeiftöne und sofort verstummten die Gespräche in seinen eigenen Reihen. Die Maschinengewehrschützen bereiteten ihre Waffen vor. Kalte methodische Bewegungen, die sie tausendmal geübt hatten. “Nicht schießen, bevor ich das Zeichen gebe”, befahl Steiner mit ruhiger Stimme. “Las sie näher kommen.

Jeder Schuss muss sitzen.” Seine Männer nickten grimmig. Sie wußten, daß sie zahlenmäßig weit unterlegen waren, aber sie hatten den Vorteil der Stellung und die überlegene Feuerkraft der MG42. Langsam, unerbittlich näherten sich die Amerikaner ihren Positionen, ahnungslos, dass sie direkt in einen sorgfältig vorbereiteten Hinterhalt liefen.

 Es war kurz nach 7 Uhr morgens, als der erste amerikanische Spättrup in Reichweite kam. Fünf Männer, die sich vorsichtig durch das Unterholz bewegten, ihre Gewehre im Anschlag. Steiner beobachtete sie durch sein Fernglas und konnte ihre Gespräche hören. Sie sprachen Englisch natürlich, aber er hatte genug in der Schule gelernt, um zu verstehen, dass sie die deutschen Stellungen für verlassen hielten.

 Ein junger Soldat mit Sommersprossen lachte und sagte etwas über die Nazibastarde, die wahrscheinlich schon auf der Flucht seien. Ein anderer, älter und mit dem Abzeichen eines Sergeants, schien vorsichtiger zu sein und mahnte zurRuhe. Steiner senkte sein Fernglas und gab Feldwebel Müller ein Handzeichen. Es war Zeit.

 In weniger als 30 Sekunden würden die Amerikaner die unsichtbare Linie überschreiten, die Steiner in seinem Kopf gezogen hatte, den perfekten Punkt für einen koordinierten Angriff. Er atmete tief ein, zählte innerlich bis drei und gab dann das Feuersignal. Was folgte, war ein Inferno aus Licht, Lärm und Tod.

 Als die drei MG42 gleichzeitig das Feuer eröffneten und ihre tödlichen Bleisalven in die Reihen der überraschten Amerikaner schickten, die MG42 röhrten mit ihrer unverwechselbaren Stimme, einem Kreischen wie zerrissener Stoff, das den Amerikanern den treffenden Spitznamen Hitlers Zipper, Hitlers Reichsverschluss eingebracht hatte. Der Effekt war verheerend.

 Die vorderste Linie der amerikanischen Infanterie brach unter dem konzentrierten Feuer zusammen. Körper fielen wie Marionetten mit durchtrennten Fäden. Munitionsgurt wechseln, brüllte gefreiter Klaus Weber, ein schmächtiger Bauernohn aus dem Schwarzwald, während er mit geübten Bewegungen den leeren Munitionsgurt seiner MG240 entfernte und einen neuen einlegte.

 Seine Hände, obwohl blutig vom heißen Metall der Waffe, arbeiteten präzise und schnell. Neben ihm lag Schütze Heinrich Vogel. Erstzehn Jahre alt, mit weit aufgerissenen Augen, als könnte er nicht glauben, was gerade geschah. Der Junge hatte seinen ersten echten Kampfeinsatz und das Zittern seiner Hände verriet seine Angst.

 Weber nickte ihm aufmunternd zu. Ruhig bleiben, Junge. Gib mir einfach die Munition, wenn ich sie brauche, und halte deinen Kopf unten. Die Amerikaner nach dem ersten Schock begannen sich schnell neu zu formieren. Ihre Ausbildung und Disziplin zahlten sich aus, als sie in Deckung gingen und anfingen, gezieltes Feuer auf die deutschen Stellungen zu erwidern.

Granaten explodierten in der Nähe von Steiners Position, ließen die Erde beben und bedeckten alles mit einer dicken Schicht aus Staub und Schmutz. Ein Shermanpanzer rollte vor, seine massive Bitm Kanone suchend nach Zielen. Steiner wußte, dass sie gegen Panzer nur begrenzte Mittel hatten, einige Panzerfäuste, aber die Schützen müssten nahe genug herankommen, um effektiv zu sein.

 Ein gefährliches Unterfangen im offenen Gelände. “Bcker”, rief er und der Unteroffizier kroch zu ihm herüber, das Gesicht schweiß bedeckt und mit Ruß verschmiert. Nimm Fischer und Schmidt, umgeht den Panzer über den östlichen Hang und versucht ihn von hinten zu erwischen. Die Panzerung ist dort am dünnsten. Becker nickte grimmig, klopfte seiner Pistole an der Hüfte zur Bestätigung und verschwand, um die beiden anderen Männer zu holen.

 Der Kampfflärm schwoll zu einem ohrenbetäubenden Krisendo an. Die MG42 bei der Kirchenruine verstummte plötzlich. Entweder war die Munition ausgegangen oder der Schütze getroffen worden. Steiner konnte es nicht erkennen durch den dichten Rauch und Staub, der das Schlachtfeld verhüllte. Rotmann, rief er seinem Funker zu, versuchen Sie Kontakt zur dritten Stellung herzustellen.

 Der junge Funker, dessen Brille mit Klebeband repariert worden war, nachdem sie bei einem früheren Gefecht beschädigt wurde, nickte und begann in sein Feldtelefon zu sprechen. Sein Gesicht verdunkelte sich, als er keine Antwort erhielt. Verbindung unterbrochen, Herr Oberleutnant, meldete er mit tonloser Stimme. Steiner fluchte leise.

 Die Schlacht entwickelte sich nicht gut. Sie hatten den Überraschungsmoment genutzt und den Amerikanern schwere Verluste zugefügt. Aber die schiere Übermacht und bessere Ausrüstung des Feindes begann sich bemerkbar zu machen. Von irgendwoher hörte er den mag erschütternden Schrei eines Verwundeten. Einer seiner Männer oder ein Amerikaner, er konnte es nicht sagen.

 Der Krieg machte keinen Unterschied mehr, wenn es um Schmerz und Leid ging. Der Tag zog sich endlos hin. Ein erbarmungsloser Wechsel aus Feuergefechten, kurzen Momenten trügerischer Stille und erneuten Ausbrüchen von Gewalt. Die deutschen Stellungen hielten, aber der Preis war hoch. Von den ursprünglich 22 Männern waren nur noch 14 kampffähig.

 Feldwebel Müller hatte einen Streifschuss am Arm erlitten, kämpfte aber weiter, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. Der junge Vogel war tot, sein Körper von einer amerikanischen Granate zerrissen. Weber, der Maschinengewehrschütze, hatte seine Position nicht verlassen, obwohl seine Hände inzwischen so verbrannt waren, dass die Haut in Fetzen hing.

 Die MG42 war buchstäblich zu einer Verlängerung seines Körpers geworden, eine tödliche Symfonie aus Metall und Feuer. Die Amerikaner hatten den direkten Angriff eingestellt und waren dazu übergegangen, die deutschen Stellungen mit Artillerie zu bearbeiten. Eine kluge Taktik, die Steiners Männer langsam zermürbte.

 Jede Explosion riss ein Stück Erde weg, jede Detonation brachte den Tod ein Stückchen näher. Als die Dämmerung hereinbrach, nutzte Steiner die relative Ruhe, um seine Verteidigung neu zu organisieren.Die verbliebenen MG2 wurden an strategischen Punkten positioniert, um das gesamte Gebiet abzudecken. Die Verwundeten, die nicht mehr kämpfen konnten, wurden in einen provisorischen Unterstand gebracht, wo der Sanitäter Franz Hoffmann, ein ehemaliger Medizinstudent aus Heidelberg, mit begrenzten Mitteln versuchte, ihre

Leiden zu lindern. Steiner kniete neben einem sterbenden Soldaten, einem jungen Mann namens Werner Kaufmann, dessen Bauch von Granatsplittern aufgerissen worden war. “Meine Mutter”, flüsterte Kaufmann Blut auf seinen blassen Lippen. “Sagen sie ihr, es tat nicht weh.” Eine offensichtliche Lüge, aber Steiner nickte ernst.

 “Ich werde es ihr sagen, Werner. Ruh dich jetzt aus!” Der junge Soldat lächelte schwach und schloss die Augen. Sein Atem wurde flacher, bis er schließlich ganz aufhörte. Steiner drückte ihm sanft die Augen zu und nahm seine Erkennungsmarke, eine mehr für die wachsende Sammlung in seiner Tasche, kleine Metallstücke, die einst lebendige, atmende Menschen repräsentierten und nun nur noch Namen für Briefe waren, die er wahrscheinlich nie würde schreiben können.

 In der Ferne hörte Steiner das Geräusch von Motoren mehr amerikanische Verstärkung. Er warf einen Blick auf seine Uhr. 21:17 Uhr. Sie hatten den ersten Tag überstanden, aber zu welchem Preis und was würde der Morgen bringen? Die Amerikaner würden nicht noch einmal den Fehler machen, sie zu unterschätzen. Bcker war von seiner Mission zurückgekehrt, erschöpft aber mit einem grimmigen Lächeln.

 Sie hatten es tatsächlich geschafft, einen der Schermenpanzer mit einer Panzerfaust auszuschalten. Ein kleiner Sieg in einem Meer aus Niederlagen. Steiner setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und zog eine zerknitterte Karte hervor. Im schwachen Licht seiner abgeschirmten Taschenlampe studierte er die Umgebung. Es gab einen schmalen Pfad nach Süden, der möglicherweise eine Rückzugsoption bot, wenn die Situation unhaltbar würde.

Aber ein Rückzug würde bedeuten, dass die nächste Verteidigungslinie 5 km entfernt exponiert wäre. Eine unmögliche Entscheidung. Herr Oberleutnant, flüsterte Rotmann, der junge Funker und kniete sich neben ihn. Ich habe versucht, das Hauptquartier zu kontaktieren, aber es gibt keine Antwort.

 Ich glaube, ich glaube, wir sind auf uns allein gestellt. Die Nachricht überraschte Steiner nicht. In den letzten Wochen war die Kommunikation mit dem Hauptquartier immer sporadischer geworden. Befehle kamen verspätet oder gar nicht. Das Reich zerfiel und mit ihm die Befehlskette. Danke, Rotmann. Versuchen Sie es weiter, aber konzentrieren Sie sich auf die lokalen Einheiten.

 Vielleicht gibt es noch andere, die in der Nähe kämpfen. Der Funker nickte und zog sich zurück. Sein junges Gesicht, eine Maske aus Erschöpfung und unterdrückte Angst. Steiner sah zu den Sternen hinauf, die zwischen den Wolken durchschimmerten. In einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, hätte er die Schönheit des Nachthimmels genießen können.

 Jetzt erinnerten ihn die Sterne nur an die kalte Gleichgültigkeit des Universums gegenüber dem menschlichen Leid. Aus seiner Brusttasche zog er vorsichtig ein zerknittertes Foto, seine Frau Maria und ihre sechsjährige Tochter Lena, aufgenommen im Sommer 1931, bevor die Welt in Flammen aufgegangen war.

 Sie waren in München, hatten es hoffentlich geschafft, die zunehmenden Bombenangriffe zu überleben. Er hatte seit drei Monaten nichts von ihnen gehört. Steiner strich sanft über das Bild, als könnte er durch das vergilbte Papier hindurch ihre Gesichter berühren, bevor er es sorgfältig wieder einsteckte. Die Nacht wurde kälter und mit ihr kam ein leichter Regen, der den Staub und Rauch des Tages niederwusch, aber die Gräben in schlammige Rinnsale verwandelte.

 Die Männer wickelten sich in ihre durchnästen Mäntel. versuchten zu schlafen, wo immer sie eine halbwegs trockene Stelle finden konnten. Weber, der Maschinengewehrschütze, ließ seine MG42 nicht aus den Augen, säuberte und ölte sie trotz seiner bandagierten Hände. Die Waffe war ihre beste Chance, den nächsten Tag zu überleben.

 Ihr metallisches Klicken, als er den Verschluss überprüfte, hatte etwas seltsam beruhigendes in der gespenstischen Stille der Nacht. Steiner setzte Wachen ein, jeweils zwei Männer für zweistündige Schichten und befahl dem Rest zu schlafen. Er selbst fand keine Ruhe. In seinem Kopf spielte er immer wieder die Ereignisse des Tages durch, suchte nach Fehlern, nach besseren Strategien, nach einem Weg mehr seiner Männer am Leben zu halten.

 Der Regen trommelte auf sein schützendes Zeltblatt, ein stetiger Rhythmus, der sich mit dem gelegentlichen fernen Donner der Artillerie vermischte. Es war als würde die Natur selbst den Kriegslärm nachahmen, als könnte sie nichts anderes mehr. Mitten in der Nacht wurde Steiner von Unteroffizier Bäcker geweckt, der sich neben ihn kauerte.

Herr Oberleutnant, die Amerikaner bewegen Truppen. Ich kann ihre Fahrzeugehören. Sofort war Steiner Hellwach alle Müdigkeit vergessen. Er folgte Bäcker zu einem vorgeschobenen Beobachtungspunkt, von woaus sie die amerikanischen Linien einsehen konnten. Im schwachen Mondlicht, das gelegentlich durch die Wolken brach, konnte er tatsächlich Bewegungen erkennen, dunkle Gestalten, die Ausrüstung verlagerten, Fahrzeuge, die in Position gebracht wurden.

 Sie bereiten etwas vor. murmelte Steiner. Wahrscheinlich einen koordinierten Angriff bei Tagesanbruch. Bcker nickte grimmig, mit Panzerunterstützung und vermutlich Luftaufklärung, sobald das Wetter es zulässt. Die beiden Männer tauschten einen langen Blick aus. Sie beide wußten, was das bedeutete. Ihre Position würde nicht zu halten sein, nicht gegen einen vollkoordinierten Angriff mit überlegenen Kräften.

 “Wir sollten uns zurückziehen, Herr Oberleutnant”, sagte Bcker leise, “Solange wir noch können.” Steiner schüttelte langsam den Kopf. “Wenn wir diese Stellung aufgeben, haben die Amerikaner freie Bahn bis zur nächsten Verteidigungslinie. Das können wir nicht zulassen.” Er schwieg einen Moment. Dann fügte er hinzu: “Aber ich werde niemanden zwingen zu bleiben. Wer gehen will, kann gehen.

Kein Vorwurf, kein Eintrag in die Akte.” Becker lächelte dünn. “Sie kennen die Männer, Herr Oberleutnant. Keiner wird gehen.” Steiner nickte. Eine Mischung aus Stolz und Trauer in seinem Herzen. Solche Männer hätten etwas Besseres verdient als einen sinnlosen Tod in einem verlorenen Krieg. Der Morgen graute mit einer fast grausamen Schönheit.

 Sonnenstrahlen fielen durch zerrissene Wolken auf das verwüstete Schlachtfeld, vergoldeten die Trümmer und ließen Tautropfen wie Diamanten auf den Gräsern funkeln. Steiner lag regungslos in seinem Schützengraben, die MG42 vor sich in Position. Seine verbliebenen zwölf Männer waren in einem weiten Halbkreis verteilt, jeder an seiner zugewiesenen Stellung.

 Keine Worte wurden mehr gewechselt. Alles notwendige war gesagt worden. Um so begann der amerikanische Angriff mit einem Artilleriefeuer, das die Erde beben ließ und die Luft mit Schrapnellen und Splittern füllte. Die amerikanische Infanterie rückte vor, diesmal vorsichtiger, geduckt und in kurzen Sprints von Deckung zu Deckung.

 Hinter ihnen rollten drei Shermanpanzer, ihre Kanonen suchend über das Gelände schwenkend. Steiner wartete geduldig, ließ sie näher kommen. Die MG42 in seinen Händen fühlte sich seltsam lebendig an, vibrierte fast erwartungsvoll. Als der erste amerikanische Trup in Reichweite kam, eröffnete er das Feuer. Die Waffe brüllte ihr charakteristisches Lied.

 Ein metallisches Kreischen, das die Amerikaner sofort in Deckung zwang. Munition sparen! Rief Steiner über den Kampflärm hinweg. Kurze gezielte Feuerstöße. Sie hatten nur noch begrenzte Vorräte. Jede Kugel mußte zählen. Ein amerikanischer Panzer drehte seinen Turm in Richtung von Webers Position und feuerte.

 Die Explosion riss ein klaffendes Loch in die Erde, verschüttete den Schützengraben mit Weber und zwei weiteren Männern. Steiner unterdrückte den Impuls zu ihnen zu rennen. Es wäre Selbstmord gewesen. Stattdessen konzentrierte er sich auf sein eigenes Ziel, feuerte eine weitere Salve auf die vorrückenden Amerikaner. Die Zeit schien sich zu dehnen und zu komprimieren.

 Ein seltsames Phänomen, das Steine aus zahlreichen Schlachten kannte. Minuten fühlten sich wie Stunden an. Dann wieder verging eine Stunde in einem Augenblick. Der Kampf wogte hin und her. Ein blutiger Tanz aus Vorrücken, zurückweichen und verzweifeltem Ausharren. Durch sein Fernglas beobachtete Steiner, wie ein amerikanischer Offizier seine Männer koordinierte, jung, wahrscheinlich nicht älter als 30, mit energischen Bewegungen und klaren Befehlen.

 Für einen Moment fühlte Steiner eine seltsame Verbundenheit mit diesem unbekannten Feind, einem Mann wie er, der versuchte seine Soldaten lebend durch die Hölle zu bringen. Gegen Mittag wurden Steiners Reihen immer dünner. Von den zwölf Männern, die den Morgen erlebt hatten, waren nur noch sieben kampfähig. Die Amerikaner hatten ebenfalls Verluste erlitten, aber sie konnten sie ersetzen.

Ein endloser Strom frischer Truppen und Ausrüstung. Bäcker kroch zu Steiner herüber, das Gesicht Blut verschmiert von einer Platzwunde an der Stirn. Herr Oberleutnand, wir können die Stellung nicht mehr lange halten. Die Munition geht zur Neige und Hoffmann meldet, dass er keine Verbandsmaterialien mehr hat.

Steiner wusste, dass Bäcker recht hatte. Der Kampf war verloren, hatte eigentlich nie gewonnen werden können. Aber sie hatten Zeit erkauft, wertvolle Stunden für die Verteidigungslinien weiter südlich, um sich zu verstärken. Bereiten Sie den Rückzug vor. Unteroffizier. Die verbliebenen MG42 mitnehmen, die Verwundeten zuerst.

 Ich werde die Nachhut bilden. Becker zögerte. Mit allem Respekt, Herr Oberleutnant, ich sollte die Nachhut bilden. Sie werden bei den Männern gebraucht. Steinerschüttelte den Kopf. Das ist ein Befehl, Bäcker. Bringen Sie die Männer sicher zurück. Die nächsten Minuten vergingen in hektischer Aktivität. Die Verwundeten wurden auf provisorische Tragen gelegt, die verbliebene Munition verteilt.

Steiner behielt eine MG42 und genug Munition für etwa 2 Minuten Dauerfeuer. Es würde reichen müssen. Als seine Männer sich in den schmalen Pfad nach Süden zurückzogen, positionierte sich Steiner an einem erhöhten Punkt mit guter Sicht auf das Gelände. Er würde den Rückzug so lange wie möglich decken. Die Amerikaner bemerkten die Bewegung und verstärkten ihren Angriff.

 Ein Schermanpanzer rollte vorwärts, gefolgt von einer Gruppe Infanteristen. Steiner atmete tief ein, zielte sorgfältig und drückte den Abzug. Die MG42 erwachte zum Leben, schnitt eine tödliche Schneise durch die amerikanischen Reihen. Männer fielen, andere suchten verzweifelt Deckung. Der Panzer feuerte, aber Steiner hatte seine Position bereits gewechselt, kroch zu einem neuen Aussichtspunkt.

 Die Zeit verging, gemessen in kurzen, intensiven Feuergefechten und hastig gewechselten Positionen. Steiner verlor jedes Gefühl für die Dauer, waren es Minuten, Stunden. Seine Uniform war durchgeschwitzt, seine Hände schmerzten vom heißen Metall der Waffe. Aber er hörte nicht auf, gab den Amerikanern keinen Moment zum Durchatmen, keine Chance, den Rückzug seiner Männer zu verfolgen.

 Schließlich versagte die MG42. Der letzte Munitionsgurt war leer. Die Waffe verstummte mitten in einer Salve. Steiner wusste, daß sein Teil des Kampfes vorbei war. Mit einem letzten Blick auf die Stellung, die sie so verzweifelt verteidigt hatten, zog er seine Pistole und begann seinen eigenen Rückzug.

 Er war kaum 50 m weit gekommen, als eine Explosion die Welt um ihn herum in blendes Weiß und ohren betäubenden Lärm tauchte. Schmerz durchzuckte seinen Körper, dann Taubheit. Er fand sich auf dem Rücken wieder. starrte in den blauen Himmel über ihm. Seltsam friedlich, dachte er, als dunkle Gestalten sich über ihn beugten.

 Amerikanische Soldaten mit ernsten, müden Gesichtern. Einer kniete sich neben ihn, ein junger Sanitäter mit sanften Händen, der versuchte, die Blutung zu stoppen. “Durchhalten, Fritz”, sagte er in gebrochenem Deutsch, “der Krieg ist fast vorbei.” Steiner lächelte schwach. “Ich weiß”, flüsterte er. “Ich weiß.” Seine Gedanken drifteten zu Maria und Lena, zu einem Leben nach dem Krieg, das er nie sehen würde.

 Während die Amerikaner um ihn herumsten ehrbietiges Schweigen angesichts eines gefallenen Gegners, verhalte das Echo der MG42 Hitlers Säge in der Ferne. Die Soldaten, die einst darüber gelacht hatten, lachten nicht mehr.