Oktober 1941 05:4 uh Der Wald bei dem Jansk lag flach und still, als hätte er den Atem angehalten. Der Nebel hing zwischen den Kiefern in grauen Bahnen, roch nach feuchtem Harz und kaltem Metall. Unter den Stiefeln knackte gefrorenes Laub. Zu laut, immer zu laut. Leutnant Karl Heinemann blieb stehen, hob die Faust, die Kolonne erstarrte.

Sechs Männer, keine Worte, nur Atem. der in kurzen Stößen kam. Irgendwo links ein Vogel, zu früh am Morgen oder zu spät. Heinemann zog den Kompass aus der Brusttasche. Das Glas war gesprungen, die Nadel zitterte, sie zeigte nach Westen, dann nach Süden, dann wieder zurück. Ein kaputtes Instrument mitten im feindlichen Wald.

Er spürte, wie sich ein Knoten in seinem Magen zuzog. Der Auftrag war simpel gewesen. Marsch durch das Waldgebiet, Umgehung der bekannten sowjetischen Stellungen, Anschluss an eine Nachschubeinheit vorm Mittag. Keine Kämpfe, keine Verzögerungen. Jetzt war nichts davon sicher. Der Funk war seit Stunden tot.

Der Wald schluckte jedes Signal. Die Männer hinter ihm warteten. Gesichter grau, Augen gerötet vom Schlafmangel. Einer wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl die Luft kalt war. Heinemann dachte an die Karte. Dünnes Papier, feucht geworden. Linien, die im Nebel ihre Bedeutung verloren. Er hatte sich auf den Kompass verlassen immer. Jetzt war er blind.

Ein leises Geräusch, nicht nah, aber rhythmisch. Metall auf Holz, vielleicht ein Gurt, vielleicht ein Gewehrkolben. Heinemann drehte langsam den Kopf, lauschte. Der Wald antwortete nicht. Sie setzten sich wieder in Bewegung, langsam, Schritt für Schritt. Jeder Meter fühlte sich an wie eine Entscheidung.

Der Boden senkte sich leicht, ein natürlicher Pfad, zu bequem, zu logisch. Der Kompass zitterte erneut. Die Nadel blieb plötzlich stehen, zeigte stur nach Norden. Heinemann runzelte die Stirn. Er klopfte leicht gegen das Gehäuse. Keine Reaktion. Hinter ihm flüsterte jemand seinen Namen. Er hob die Hand ohne sich umzudrehen. Der Geruch änderte sich.

nicht mehr nur Wald, Öl, kalter Rauch, frische Erde ausgehoben. Heinemann spürte ein Kribbeln im Nacken. Er ging in die Hocke, fuhr mit den Fingern über den Boden. Glatt, zu glatt. Jemand war hier gewesen, viele. Er sah die Linie im Gelände. Jetzt eine sanfte Kurve, die den Weg lenkte. Weg von der Karte, weg von dem, was er geplant hatte.

Der Kompass bestand darauf. Ein Knacken diesmal näher, kein Tier, zu kontrolliert. Heinemann hob den Kopf, sah zwischen den Stämmen etwas Dunkles, gerade Linien. Nicht natürlich. Er zog den Mann hinter sich herunter. Alle folgten. Kein Befehl. Instinkt. Sie lagen flach im kalten Dreck. Der Nebel bewegte sich und mit ihm schatten mehrere. Geduckt, wartend.

Heinemann verstand es plötzlich. Der Pfad, der Geruch, die Stille, eine vorbereitete Zone, ein Trichter. Sie waren Sekunden davon entfernt hineinzulaufen. Er blickte auf den Kompass. Die Nadel zuckte, als würde sie protestieren. Sie hatte sie weggeführt. Nicht zum Ziel. Weg von der Falle. Ein kaputtes Instrument oder ein rettender Fehler.

Heinemann hob zwei Finger. Rückzug, langsam, leise. Die Männer krochen zurück. Zentimeter um Zentimeter. Jeder Atemzug schmerzte. Hinter ihnen blieb der Wald ruhig, zu ruhig. Der Rückzug dauerte Minuten, die sich dehnten wie Stunden. Jeder Zentimeter Boden war kalt, feucht, klebrig. Schlamm sickerte durch den Stoff der Mäntel, kroch an den Knien hoch.

Heinemann hielt den Blick nach vorne gerichtet, nicht zurück. Wer zurücksah, verlor den Rhythmus. Wer den Rhythmus verlor, machte Geräusche. Der Wald blieb still. Kein Schuß, kein Ruf. Das war das Beunruhigendste. Als sie außer Sichtweite der Senke waren, gab Heinemann das Zeichen zum Halt. Die Männer kauerten hinter umgestürzten Baumstämmen keuchend, die Lippen blau.

Unteroffizier Brand presste die Stirn gegen das Holz, als wolle er sich verankern. Schützekeller murmelte etwas Unverständliches, immer wieder dasselbe Wort. Heinemann zog erneut den Kompass hervor. Das Glas reflektierte fahes Morgenlicht. Die Nadel drehte sich jetzt langsam, fast träge, als hätte sie ihre eigene Müdigkeit.

Er zwang sich zur Ruhe, atmete durch die Nase, riechen, hören, sehen. Ein fernes Klacken, kurz, gedämpft, metallisch, dann nichts, kein Echo. Jemand justierte etwas, kein Zufall. Er dachte an die sowjetische Taktik. locken, lenken, warten. Die Falle war nicht für sie allein gebaut. Sie war Teil von etwas Größerem. Vielleicht eine Umfassung, vielleicht ein Sperrpunkt.

Sie waren hineingestolpert wie ein Stein ins Wasser, hatten aber die Wellen noch nicht gespürt. Brand kroch näher, seine Stimme war kaum mehr als Atem. Herr Leutnant, der Weg eben, der war zu sauber. Heinemann nickte. Ja. Mehr sagte er nicht. Worte verbrauchten Zeit und Luft. Er breitete die Karte auf dem Boden aus, hielt die Ecken mit Handschuhen fest.

Der Maßstab verschwamm. Linien verloren sich. Er verglich Gelände und Papier. Eine Anhöhe, die es laut Karte nicht gebensollte. Ein Bachlauf, der versetzt lag. Entweder war die Karte alt oder absichtlich falsch. Der Kompass zeigte jetzt nach Nordost. Beständig, fast trotzig. Heinemann spürte einen Widerstand in sich.

Jahrelange Ausbildung sagte ihm, dass ein kaputter Kompass nutzlos war. Aber der Wald hatte etwas anderes behauptet. Die Falle war real gewesen, der Fehler auch. Und genau dieser Fehler hatte sie gestoppt. Ein weiteres Geräusch. Diesmal mehrere gedämpfte Schritte. Nicht direkt auf sie zu.

parallel, als würde jemand einen Korridor schließen. Heinemann hob den Kopf, sah Brand an, dann Keller, dann die anderen. Angst war da, aber auch Vertrauen. Sie warteten auf eine Entscheidung. “Wir gehen nicht weiter nach Osten”, flüsterte er. “Wir gehen quer gegen das Gelände.” Brand zögerte: “Herr Leutnand, das führt weg vom Treffpunkt. Der Treffpunkt führt uns in den Tod.

Kein Widerspruch. Sie bewegten sich seitlich durch den Wald, quer zu jedem natürlichen Pfad. Dornen rissen an Stoff, Äste schlugen gegen Helme, Geräusche, zu viele. Aber der Wald war dicht genug, um sie zu verschlucken. Der Boden stieg an. Jeder Schritt brannte in den Oberschenkeln. Schweiß lief kalt den Rücken hinunter.

Heinemann hielt den Kompass tief nahe am Körper. Die Nadel blieb ruhig wie festgenagelt. Plötzlich ein Schuss weit entfernt, dann zwei, dann eine kurze Salve, nicht auf sie, aber nah genug, um Bedeutung zu haben. Jemand hatte ausgelöst. Die Falle schnappte zu. Nur nicht um sie. Sie erreichten einen Felsvorsprung, kaum sichtbar, moß bewachsen.

Heinemann ließ sie dahinter verschwinden. Von hier aus konnte man den unteren Wald einsehen. Nebel riss auf. Dort unten bewegten sich Gestalten. Viele. Geduckt, geordnet, rote Sterne auf Mützen. Ein vorbereiteter Sperrriegel, Maschinengewehrstellungen, sorgfältig getarnt. Der Pfad, den sie fast genommen hätten, führte direkt hinein. Keller schluckte hörbar.

Brand fluchte lautlos. Heinemann sah wieder auf den Kompass. Die Nadel zeigte weg von dem, was er sah. Weg von der Logik, weg von der Falle. Er verstand jetzt. Der Fehler hatte sie aus dem Muster geworfen, unberechenbar gemacht. Genau das hatte gefehlt. Er faltete die Karte zusammen. Entscheidung gefallen, keine Rückkehr.

Sie verharrten fast eine Stunde hinter dem Felsvorsprung. Zeit verlor hier ihre Form. Sie bestand nur noch aus Geräuschen. Fernes Feuer, das Abreißen einzelner Schüsse, dann wieder lange Pausen, dazwischen das Knacken von Holz, wenn jemand unten Stellung wechselte. Der Wind frischte auf, trug den Geruch von Pulver herauf, bitter, metallisch, ein Versprechen von Gewalt.

Heinemann zwang sich nicht ständig hinunterzusehen. Beobachten war nötig, starren gefährlich. Er prüfte die Männer, Brandute auf einem Lederband herum. Keller hielt sein Gewehr so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Einer der Jüngeren zitterte unkontrolliert, obwohl er die Zähne zusammenbiss.

Der Kompass lag offen auf Heinemanns Handfläche. Die Nadel bewegte sich kaum noch. Sie zeigte in eine Richtung, die weder mit der Karte noch mit dem Gelände übereinstimmte, ins Nichts oder in einen Zwischenraum. Er dachte an Zufall und daran, wie selten Zufall im Krieg wirklich zufällig war. Unten im Wald änderte sich etwas. Die sowjetischen Soldaten bewegten sich schneller.

Rufe gedämpft, aber eindeutig. Eine Einheit zog nach Westen ab. Vielleicht hatte man Kontakt mit anderen deutschen Kräften. Vielleicht war die Falle zugeschnappt. Nur ohne Beute. Heinemann wusste, dass sie nicht ewig warten konnten. Stillstand bedeutete Entdeckung. Er deutete nach Norden, schräg den Hang hinauf. Kein Weg, nur dichter Wald und steiniges Gelände. Der Aufstieg war brutal.

Hände rutschten ab, Steine lösten sich, polterten talwärts. Jeder Laut schien zu laut. Heinemann hielt an, immer wieder, lauschte, wartete. Der Wald reagierte nicht, noch nicht. Der Boden wurde trockener, weniger Moos, mehr nackter Fels, der Geruch von Harzwig kalter, klarer Luft. Oben angekommen duckten sie sich in eine Mulde.

Von hier aus war der Wald auf beiden Seiten sichtbar. Eine Schneise zog sich wie eine Narbe durch das Gelände. Künstlich, neu. Heinemann erstarrte. Eine Schneise bedeutete Bewegung, Versorgung, Truppen. Sie waren näher an sowjetischen Linien, als ihm lieb war. Der Kompass vibrierte leicht, als hätte jemand daran gestoßen.

Die Nadel drehte sich, zeigte plötzlich direkt auf die Schneise zu. Zum ersten Mal seit Stunden eindeutig. Brand sah es auch. Sein Blick wurde hart. Herr Leutnant, ich weiß. Die Nadel führte sie diesmal nicht weg von der Gefahr, sondern zu ihr. Heinemann dachte schnell, vielleicht war genau das der Punkt. Die Sowjets rechneten nicht damit, daß jemand bewusst auf eine Schneise zuging.

Zu offen, zu riskant. Aber offen bedeutete auch Überblick, Kontrolle, keine versteckten MG-Nester. Sie krochen näher heran, centimeterweise. Die Schneise war leer, frische Spuren im Boden, Fahrzeuge, Leichtketten. Vornicht langer Zeit, vielleicht vor einer Stunde, ein Geräusch von rechts, Motoren, gedämpft, aber eindeutig.

Die Kolonne näherte sich. Heinemann hob die Hand, still stand. Die Männer drückten sich in den Boden. Er sah die Angst jetzt offen. Kein Platz mehr für Zurückhaltung. Die ersten Fahrzeuge erschienen zwischen den Bäumen. Halbketten mit Planen abgedeckt, Soldaten auf den Seitenbänken, wachsam, aber müde.

Die Kolonne war lang, zu lang. Heinemann erkannte das Muster. Versorgungseinheit. Keine Fronttruppen, weniger Sicherung, aber ein Schuss hier würde alles verändern. Der Kompass in seiner Hand drehte sich erneut. Die Nadel schlug aus, unruhig, als wolle sie warnen oder drängen. Heinemann entschied sich nicht für Angriff, nicht für Rückzug, für Timing.

Sie warteten, bis die Mitte der Kolonne an ihnen vorbeizog. Dann bewegten sie sich schnell seitlich weg von der Schneise mit dem Lärm der Motoren als Deckung. Schritte wurden verschluckt, Atem ging unter. Ein sowjetischer Soldat drehte den Kopf, zögerte, sah nur Wald. Dann fuhr das Fahrzeug weiter. Erst als der letzte Motor verklungen war, erlaubte Heinemann sich zu atmen.

Sie lebten noch, aber jetzt waren sie tiefer drin als je zuvor und der Kompass zeigte weiter nach Norden. Stur, unnachgiebig. Der Nachmittag brach früh herein. Wolken schoben sich schwer über den Himmel, nahmen dem Wald das letzte Licht. Die Geräusche der Kolonne waren verschwunden, doch ihr Echo hing noch zwischen den Stämmen.

Heinemann führte die Gruppe weiter nach Norden, immer tiefer in ein Gebiet, das auf keiner Karte verzeichnet war. Der Boden wurde sumpfig, jeder Schritt sogie, wollte sie festhalten. Der Kompass war jetzt still, unheimlich still. Die Nadel hatte aufgehört zu zittern, als hätte sie ihre Aufgabe erfüllt. Sie zeigte in eine Richtung, die Heinemann nicht mehr hinterfragte.

Denken kostete Kraft, Vertrauen war einfacher, ein dumpfer Knall hinter ihnen, gedämpft, aber nah genug, um die Brust zu spüren. Dann schreie kurz, abgeschnitten. Die Falle schloss sich endgültig um jemand anderen. Brand blieb stehen. Sein Blick suchte Heinemanns Gesicht. Die Frage blieb unausgesprochen. Heinemann schüttelte kaum merklich den Kopf. Weiter.

Der Wald öffnete sich langsam. Die Bäume standen weiter auseinander. Der Boden wurde fester. Ein Bach tauchte auf. Schmal, schnell, eiskalt. Sie warteten hindurch. Das Wasser bis in die Beine, nahm Geruch und Spuren mit sich. Auf der anderen Seite kletterten sie keuchend ans Ufer. Keller lachte leise, kurz, ungläubig. Als die Dämmerung in echte Dunkelheit kippte, sahen sie es.

Ein schwaches Licht zwischen den Bäumen. Kein Feuer. Zu gleichmäßig eine Laterne, dann noch eine. Heinemann hob die Faust. Beobachtung, Lauschen, Stimmen, Deutsch, gedämpft, Wachposten. Sie hatten es geschafft, nicht zum geplanten Treffpunkt, aber zu einer Vorfeldstellung. Improvisiert, nervös, lebendig.

Ein Unteroffizier kam ihnen entgegen, das Gewehr halb erhoben. Er ließ es sinken, als er ihre Gesichter sah. Wo kommen Sie her? Heinemann antwortete nicht sofort. Er sah noch einmal zurück in den Wald, dorthin, wo Nebel und Dunkelheit alles verschluckten, wo die Falle wartete, die sie nie ganz gesehen hatten. “Von der falschen Richtung”, sagte er schließlich.

Später, als sie in einer Erdhütte saßen, Hände um emilierte Becher gelegt, zog Heinemann den Kompass ein letztes Mal hervor. Das Glas war weiter gesprungen. Die Nadel hatte sich verkantet. Sie zeigte nirgendwohin. Brand betrachtete das Ding lange. Wird Zeit, ihn wegzuwerfen. Heinemann schüttelte den Kopf. Nein. Er legte den Kompass neben sich.

Kein Werkzeug mehr, nur ein Gegenstand, ein stiller Zeuge. Draußen begann es zu regnen. Der Wald nahm die Geräusche auf, glättete sie. Die Front verschob sich weiter wie jeden Tag. Neue Fallen wurden gebaut. neue Fehler gemacht. Aber diese Nacht lebten sie nicht wegen eines Plans, nicht wegen Befehlen, sondern wegen eines kaputten Stücks Metall, das sie aus dem Muster gedrängt hatte.