Ein stiller Abschied kurz vor dem Fest: TV-Legende und “Brunetti”-Star Uwe Kockisch ist tot

Commissario Brunetti" ist tot - TV-Star Uwe Kockisch stirbt vor Weihnachten

Es sind Nachrichten, die einen mitten in der hektischen Vorfreude, zwischen dem Glanz der Lichterketten und dem Duft von Glühwein, eiskalt erwischen und die Welt für einen Moment anhalten lassen. Mitten in die besinnliche Zeit, in der sich Familien zusammenfinden und Deutschland sich auf das Weihnachtsfest vorbereitet, platzt eine Meldung, die Millionen von Fernsehzuschauern und Kulturliebhabern tief ins Mark trifft. Uwe Kockisch, einer der profiliertesten, charismatischsten und beliebtesten Schauspieler dieses Landes, ist tot. Er starb, wie nun bekannt wurde, kurz vor Weihnachten. Mit ihm verliert die deutsche Schauspielkunst nicht nur ein bekanntes Gesicht, sondern eine ihrer markantesten Stimmen, einen Charakterkopf, der Ecken und Kanten hatte und gerade deshalb so unendlich geliebt wurde. Er war der Mann, der Venedig eine deutsche Seele gab und der die Abgründe der DDR-Geschichte in “Weissensee” so greifbar machte, dass es schmerzte. Sein Tod markiert das Ende einer Ära und hinterlässt eine Stille, die lauter dröhnt als jeder Applaus.

Wenn man an Uwe Kockisch denkt, haben die meisten Menschen sofort ein ganz bestimmtes Bild vor Augen. Einen Mann in einem gut sitzenden Mantel, der durch die nebligen Gassen Venedigs schreitet, vorbei an morschen Palazzi und schaukelnden Gondeln. Sein Blick ist melancholisch, ein wenig müde von der Welt und ihren ewigen Verbrechen, aber immer wach, immer menschlich. Als Commissario Guido Brunetti prägte er über fast zwei Jahrzehnte die Verfilmungen der Donna-Leon-Bestseller. Er war nicht der erste Brunetti, aber er war der endgültige. Er löste Joachim Król ab und machte die Rolle zu seiner eigenen, indem er ihr eine Schwere nahm und ihr dafür eine Tiefe gab, die im deutschen Fernsehen selten zu finden ist. Kockisch spielte diesen venezianischen Polizisten nicht als strahlenden Helden, der mit der Waffe im Anschlag Türen eintritt. Er spielte ihn als einen Intellektuellen, einen Zweifler, einen Mann, der lieber bei einem Glas Wein und einem guten Buch über die Ungerechtigkeit der Welt sinniert, als sich in wilden Verfolgungsjagden zu verlieren. Diese Ruhe, diese fast schon meditative Gelassenheit, die er ausstrahlte, war sein Markenzeichen. Sie war der Anker, an dem sich Millionen Zuschauer festhielten, wenn am Donnerstagabend die ARD nach Italien lud.

Spielte Commissario Brunetti in «Donna Leon»: Uwe Kockisch (†81) ist tot

Doch Uwe Kockisch auf Brunetti zu reduzieren, wäre ein fataler Fehler und würde seinem gewaltigen künstlerischen Erbe nicht gerecht werden. Denn hinter der Fassade des beliebten TV-Ermittlers steckte ein Künstler, dessen eigenes Leben dramatischer verlief als viele der Drehbücher, die er später in den Händen hielt. Geboren 1944 in Cottbus, hinein in die Trümmer des Zweiten Weltkriegs, wuchs er in der DDR auf. Ein Staat, der für einen Freigeist wie ihn schnell zu eng wurde. Seine Jugend war geprägt von Auflehnung und dem unbändigen Drang nach Freiheit. Dieser Drang gipfelte im Jahr 1961 in einem Versuch, der sein Leben für immer verändern sollte: Kockisch versuchte, über die Ostsee in den Westen zu fliehen. Der Plan scheiterte. Er wurde gefasst. Was folgte, war eine Zäsur, die ihn, wie er später oft andeutete, erst zu dem Schauspieler machte, der er wurde. Er verbrachte ein Jahr im Gefängnis. Eine Erfahrung von Ohnmacht, Kälte und Härte, die sich tief in seine Seele einbrannte. Wer in die Augen des späten Kockisch blickte, sah dort oft noch den Schatten dieser Zeit, eine gewisse Skepsis gegenüber Autoritäten, einen Hauch von Traurigkeit, der nie ganz verschwand.

Nach der Haft hätte er zerbrechen können. Doch Kockisch tat das Gegenteil. Er nutzte die Erfahrung, transformierte den Schmerz in Kunst. Er studierte an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin, der Kaderschmiede der DDR-Schauspielkunst. Er spielte Theater, wurde am Maxim-Gorki-Theater und an der Volksbühne gefeiert. Er war ein Star im Osten, lange bevor der Westen ihn entdeckte. Doch erst nach der Wende, als die Mauer fiel, die sein Leben so lange bestimmt hatte, wurde er zu dem gesamtdeutschen Phänomen, das wir heute betrauern. Er brachte diese spezifische ostdeutsche Erfahrung mit, dieses Wissen um die Brüchigkeit von Biografien, das vielen westdeutschen Kollegen fehlte. Er musste nicht spielen, was es bedeutet, wenn ein System zusammenbricht oder wenn man sich entscheiden muss zwischen Anpassung und Widerstand. Er wusste es.

Vielleicht war es genau dieses Wissen, das seine Darstellung des Stasi-Offiziers Hans Kupfer in der ARD-Serie “Weissensee” so meisterhaft machte. Es war seine zweite große Paraderolle, das Gegenstück zum sanften Brunetti. Als patriarchaler Familienvater und Generalmajor des Ministeriums für Staatssicherheit verkörperte er das System DDR. Aber Kockisch wäre nicht Kockisch gewesen, wenn er daraus eine Karikatur gemacht hätte. Er zeigte Kupfer nicht als eindimensionales Monster, sondern als zerrissenen Menschen. Einen Mann, der glaubt, das Richtige zu tun, und dabei zusehen muss, wie er seine Familie und seine eigenen Ideale zerstört. Diese Ambivalenz, dieses Spiel mit den Grautönen, das war seine große Kunst. Er machte die Täter greifbar, ohne sie zu entschuldigen. Er zeigte die Mechanismen der Macht und wie sie Menschen deformieren. Dafür wurde er zu Recht mit Preisen überhäuft, darunter dem Adolf-Grimme-Preis. In “Weissensee” kulminierte sein ganzes schauspielerisches Können, seine ganze Lebenserfahrung.

Sein Tod kurz vor Weihnachten entbehrt nicht einer gewissen tragischen Symbolik. Weihnachten, das Fest der Familie, der Heimkehr, der Besinnung. Dass er gerade jetzt geht, macht den Verlust für viele noch spürbarer. In den Wohnzimmern, wo man sich vielleicht schon darauf gefreut hatte, alte Wiederholungen seiner Filme zu sehen, herrscht nun eine leere Stille. Die sozialen Netzwerke füllen sich bereits mit Kondolenzbekundungen. Kollegen, Weggefährten und Fans drücken ihre Bestürzung aus. Man liest von einem “großen Verlust”, von einem “wunderbaren Menschen”, von einem “Vorbild”. Es sind die üblichen Worte, aber in diesem Fall klingen sie nicht hohl. Sie sind getragen von echtem Respekt vor einer Lebensleistung, die sich über Jahrzehnte und über Systemgrenzen hinweg erstreckte.

Uwe Kockisch war ein Mann der leisen Töne. Er mied den roten Teppich, wann immer es ging. Er war kein Mann für die Klatschspalten, keiner, der sein Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreitete. Er lebte zurückgezogen, pendelte zwischen Madrid, wo er mit seiner Frau lebte, und Venedig, seiner zweiten Heimat. Diese Diskretion machte ihn in einer Welt der lauten Selbstdarsteller zu einer edlen Erscheinung. Er ließ seine Arbeit für sich sprechen. Und diese Arbeit sprach Bände. Seine Stimme, dieser unverwechselbare, sonore Bass, konnte beruhigen und bedrohen, oft im selben Satz. Er brauchte keine großen Gesten. Ein hochgezogener Augenbrauenbogen, ein leichtes Zucken im Mundwinkel, das reichte, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Er war ein Meister der Reduktion, ein Minimalist der Emotionen, der genau wusste, dass das, was man nicht zeigt, oft wirkungsvoller ist als das, was man offenbart.

Der Verlust wiegt schwer für die deutsche Film- und Fernsehlandschaft. Mit Kockisch stirbt einer der letzten großen Charakterdarsteller der alten Schule. Einer, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hatte, der Theaterstaub geatmet hatte, bevor er vor die Kameras trat. Er gehörte zu einer Generation, für die Schauspielerei noch Arbeit an der eigenen Seele war und nicht nur der Weg zu schnellem Ruhm. Er hinterlässt ein Werk, das bleiben wird. Die “Brunetti”-Verfilmungen werden noch in Jahren laufen und uns an laue Sommerabende erinnern. “Weissensee” wird als wichtiges Zeitdokument im kulturellen Gedächtnis bleiben. Und auch seine zahlreichen anderen Rollen, ob im “Tatort”, im “Polizeiruf 110” oder in Kinofilmen wie “Der Tunnel”, werden nicht vergessen werden.

Uwe Kockisch (†81): Der "Donna Leon"-Schauspieler ist tot | GALA.de

In diesen Tagen der Trauer sollten wir uns aber nicht nur an den Schauspieler erinnern, sondern auch an den Menschen Uwe Kockisch. An den Jungen aus Cottbus, der die Freiheit so sehr liebte, dass er alles dafür riskierte. An den Mann, der sich nicht verbiegen ließ, weder von Gefängnismauern noch von den Verlockungen des Ruhms. Sein Lebensweg ist eine Inspiration. Er zeigt, dass man auch nach tiefsten Niederlagen wieder aufstehen kann. Dass Kunst heilen kann. Dass Integrität wichtiger ist als Applaus.

Der Tod ist endgültig, aber die Erinnerung ist es nicht. Uwe Kockisch hat uns viele Erinnerungen geschenkt. Momente der Spannung, der Rührung, des Nachdenkens. Er hat uns unterhalten, ja, aber er hat uns auch gefordert. Er hat uns den Spiegel vorgehalten, mal als italienischer Kommissar, mal als deutscher Stasi-Offizier. Er hat uns gezeigt, was es heißt, Mensch zu sein, mit allen Fehlern und aller Größe. Dafür gebührt ihm unser Dank.

Während wir nun die Kerzen am Weihnachtsbaum entzünden, wird eine Kerze in Gedanken für ihn brennen. Für den Mann im Trenchcoat, der nun seinen letzten Fall gelöst hat. Für den Vater aus “Weissensee”, der seinen Frieden hoffentlich gefunden hat. Venedig trägt Trauer, Berlin trägt Trauer, ganz Deutschland trägt Trauer. Die Kanäle der Lagunenstadt werden heute etwas dunkler wirken, der Nebel etwas dichter. Commissario Brunetti hat seinen Dienst quittiert. Uwe Kockisch ist gegangen. Aber in den Herzen seines Publikums hat er sich einen Platz erspielt, der ihm nicht mehr genommen werden kann. Er war ein Großer. Ein Ganzgroßer. Und er wird fehlen. Sehr sogar. Gute Reise, Uwe Kockisch. Danke für alles.