Ein Gigant tritt ab: Boris Rhein würdigt verstorbenen Uwe Kockisch als unersetzlichen Verlust für die deutsche Seele

Es ist einer jener Momente, in denen die Welt für einen Herzschlag stillzustehen scheint, in denen der hektische Takt des politischen und gesellschaftlichen Alltags einer tiefen, ehrfürchtigen Stille weicht. Die Nachricht vom Tod des großen Schauspielers Uwe Kockisch hat Deutschland getroffen – nicht laut und schrill, sondern mit jener melancholischen Schwere, die auch seine größten Rollen auszeichnete. Inmitten der Welle der Anteilnahme, die nun durch das Land rollt, ist es der Hessische Ministerpräsident Boris Rhein, der Worte findet, die den Kern dieses Verlustes präzise treffen und die weit über die üblichen Kondolenzfloskeln hinausgehen. Rhein spricht von einem “großen Verlust für die Kulturszene”, doch wer zwischen den Zeilen liest, spürt: Hier geht es um mehr als den Tod eines Prominenten. Hier geht es um das Ende einer Ära und den Abschied von einem Mann, der die deutsche Geschichte am eigenen Leib erfahren und in Kunst verwandelt hat.

Boris Rhein, sichtlich bewegt, hob in seiner Stellungnahme eine Facette hervor, die in der glitzernden Welt des Showbusiness oft übersehen wird: die gesamtdeutsche Bedeutung des Künstlers. Kockisch habe “wie kaum ein anderer für ein gesamtdeutsches Kulturverständnis gestanden”, so der Ministerpräsident. Dieser Satz wiegt schwer, und er ist wahr. Denn Uwe Kockisch war kein Schauspieler, der einfach nur Rollen spielte. Er war ein Wanderer zwischen den Welten, ein Mann, der die Brüche und Narben der deutschen Teilung nicht nur kannte, sondern sie in sein Spiel integrierte, sie sichtbar und fühlbar machte. Rhein würdigte ihn als jemanden, “der Menschen mit seinem Spiel bewegt und Generationen übergreifend begeistert hat”. Und genau hier liegt das Geheimnis von Kockischs unvergleichlicher Aura: Er erreichte die Menschen im Osten wie im Westen, die Jungen wie die Alten, weil er authentisch war – bis zur Schmerzgrenze.

Die Biografie von Uwe Kockisch liest sich selbst wie ein Drehbuch, dramatischer als jeder “Tatort”. Geboren 1944 in Cottbus, wuchs er in den Trümmern des Nachkriegsdeutschlands auf. Seine Jugend in der DDR war geprägt von dem Drang nach Freiheit, einem Drang, der ihn 1961 zu einem folgenschweren Entschluss trieb: Flucht. Doch der Versuch scheiterte. Kockisch wurde gefasst und musste für ein Jahr ins Gefängnis. Diese Erfahrung, das Eingesperrtsein, die Ohnmacht gegenüber einem übermächtigen Staatsapparat, hätte ihn brechen können. Stattdessen formte sie ihn. Sie gab ihm jene tiefe, oft wortlose Melancholie und jenen skeptischen Blick, die später seine Figuren so unverwechselbar machen sollten. Wenn Boris Rhein heute von seiner “Vita und Kunst” spricht, dann meint er genau diese Symbiose aus gelebtem Schmerz und künstlerischem Ausdruck.

Nach seiner Haftentlassung und dem Schauspielstudium an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin wurde Kockisch zu einer festen Größe am Maxim-Gorki-Theater. Über zwanzig Jahre lang prägte er die Theaterlandschaft der DDR, bevor er nach der Wende auch das gesamtdeutsche Publikum eroberte. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet er, das Opfer des DDR-Regimes, seine vielleicht eindringlichste Rolle als Täter fand. In der gefeierten ARD-Serie “Weissensee” verkörperte er den Stasi-Offizier Hans Kupfer. Doch Kockisch spielte diesen Kupfer nicht als eindimensionales Monster. Er gab ihm Brüche, Zweifel, eine tragische Tiefe. Er zeigte, wie das System Menschen korrumpierte, aber auch, dass selbst im dunklen Herzen der Macht noch Reste von Menschlichkeit flackern können. Für diese darstellerische Meisterleistung wurde er 2011 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Wenn Boris Rhein nun betont, Kockisch habe für ein “gesamtdeutsches Kulturverständnis” gestanden, dann ist “Weissensee” der beste Beweis dafür. Kockisch half uns allen, die Wunden der Vergangenheit besser zu verstehen, indem er nicht richtete, sondern darstellte.

Doch für Millionen von Zuschauern wird Uwe Kockisch immer vor allem eines bleiben: Commissario Guido Brunetti. Von 2003 bis 2019 lieh er dem venezianischen Ermittler aus der Feder von Donna Leon sein Gesicht und seine Stimme. Er trat in große Fußstapfen, doch er füllte sie nicht nur aus, er definierte die Rolle neu. Sein Brunetti war kein Actionheld, kein lauter Polterer. Er war ein Intellektueller, ein Feingeist, der den Verfall seiner geliebten Stadt Venedig mit der gleichen Sorge betrachtete wie die menschlichen Abgründe, in die er blicken musste. Kockisch spielte diesen Kommissar mit einer leisen, fast zärtlichen Autorität. Er brauchte keine großen Gesten; ein Augenaufschlag, ein kurzes Verziehen der Mundwinkel genügten, um Bände zu sprechen. Er brachte die deutsche Gründlichkeit und die italienische “Dolce Vita”-Melancholie in einer Weise zusammen, die das Publikum liebte. Dass er seine letzten Jahre tatsächlich in Madrid und Venedig verbrachte, passt zu diesem Weltbürger, der seine Wurzeln nie vergaß, aber seine Flügel weit ausspannte.

Der Tod von Uwe Kockisch, der im Alter von 81 Jahren in Madrid an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung starb, reißt eine Lücke, die schmerzt. Boris Rheins Würdigung ist deshalb so wichtig, weil sie den politischen Konsens darüber ausdrückt, dass Kultur mehr ist als Unterhaltung. Kockisch war ein Kulturbotschafter. Er zeigte, dass Kunst die Kraft hat, Grenzen zu überwinden – die Grenzen zwischen Ost und West, zwischen Täter und Opfer, zwischen Realität und Fiktion.

In den sozialen Netzwerken und in den Feuilletons des Landes mischt sich in die Trauer auch Dankbarkeit. Dankbarkeit für die vielen Stunden, in denen uns Uwe Kockisch entführte – sei es in die düsteren Gänge der Stasi-Zentrale oder in die sonnendurchfluteten Gassen Venedigs. Wir haben ihm geglaubt. Jedem Wort, jedem Schweigen. Er war einer von denen, die nicht spielen müssen, um zu sein. Er war einfach. Diese Präsenz, diese “stille Wucht”, wie es ein Kritiker einmal nannte, wird fehlen.

Boris Rhein hat recht, wenn er sagt, dass die Kulturszene einen ihrer ganz Großen verliert. Doch das Vermächtnis von Uwe Kockisch bleibt. Es ist konserviert in den unzähligen Filmen und Serien, die er geprägt hat. Aber noch mehr lebt es weiter in der Erinnerung an einen Mann, der sich nicht verbiegen ließ. Der aufrecht ging, auch wenn der Gegenwind stark war. Der aus seinen Brüchen seine Stärke schöpfte.

Wir verneigen uns vor einem Lebenswerk, das seinesgleichen sucht. Uwe Kockisch hat die Bühne verlassen, aber der Applaus, er wird noch lange nachhallen. In Hessen, in Berlin, in Venedig – und in den Herzen all jener, die gute Geschichten und wahrhaftige Menschen lieben. Ruhe in Frieden, Uwe Kockisch. Und danke für alles.