In den sanften, malerischen Hügeln Südtirols, wo die majestätischen Dolomiten wie stille Wächter über die grünen Wiesen ragen, lebt ein Mann, dessen Stimme seit Jahrzehnten untrennbar mit der Heimat verbunden ist: Norbert Rier. Er ist das Gesicht und die Seele der „Kastelruther Spatzen“, ein Mann, der mit der Kraft eines Bergwinds Lieder direkt in die Herzen von Millionen Menschen sang. Geboren am 14. Dezember 1959, verkörpert er für seine Fans den Inbegriff des bodenständigen, erdverbundenen Künstlers. Bergbauer von Beruf, Sänger aus purer Leidenschaft, Vater von vier Kindern und Ehemann einer Frau, die seit jeher sein festster Anker in stürmischen Zeiten ist. Doch hinter dieser perfekten Fassade des unerschütterlichen Volksmusikers, der Stadien füllte und unzählige Goldene Schallplatten sammelte, lauerten lange Zeit Schatten, die er der Öffentlichkeit verbarg. In einem bemerkenswert offenen Geständnis hat Norbert Rier nun die Stille gebrochen und gewährt einen Einblick in die Abgründe, die oft hinter dem gleißenden Rampenlicht verborgen bleiben.

Er spricht von Zweifeln, die in der heilen Welt der Volksmusik eigentlich tabu sind, von zentnerschweren Lasten, die der Ruhm ihm und seiner Familie auferlegte, und von Wahrheiten, die viele vielleicht ahnten, aber niemand auszusprechen wagte. Diese Enthüllung wirft ein völlig neues Licht auf einen Mann, der immer mehr war als nur sein sauberes Image. Sie führt uns in eine Realität, in der die romantischen Melodien der Berge hart auf die brutalen Kämpfe des echten Lebens prallen. Seine Geschichte beginnt tief verwurzelt in der Erde seiner Heimat. Der Fuschhof in St. Oswald ist nicht nur eine Kulisse, er ist sein Ursprung und sein Rückzugsort. Hier wuchs Norbert in einer Familie auf, die mit der Natur lebte und litt. Schon als Kind lernte er, dass das Land nicht nur Nahrung gibt, sondern auch Demut lehrt. Diese harte Schule des Lebens, geprägt von Arbeit, Entbehrung und dem Respekt vor den Gewalten der Natur, formte seinen Charakter nachhaltig. Doch schon damals spürte er eine Unruhe, ein Ziehen nach etwas Größerem, das jenseits der sichtbaren Gipfel lag.

Norbert Rier: Kastelruther Spatzen-Sänger privat wie nie im XXL-Interview -  "Öfter mal Probleme" - Schlager.de

Es war kein glamouröser Einstieg in die Welt der Musik, der ihn dorthin führte, wo er heute steht. Kein teures Klavier, kein privater Musiklehrer. Alles begann mit einem alten, verstaubten Akkordeon, das ein Nachbar auf dem Dachboden fand. Norbert, damals zwölf Jahre alt, entlockte dem Instrument die ersten Töne und spürte sofort eine magische Verbindung. Die Musik wurde seine Brücke zur Außenwelt, sein Ventil für Gefühle, die im rauen Bauernalltag oft keinen Platz fanden. Als er 1979 zu den Kastelruther Spatzen stieß, ahnte niemand, welche Dimensionen dies annehmen würde. Der Durchbruch 1984 mit dem Album „Viel Spaß und Freude“ katapultierte die Gruppe aus dem beschaulichen Tal auf die großen Bühnen Europas. Plötzlich war Norbert Rier ein Star, sein Gesicht auf Millionen von Plattencovern, seine Stimme im Radio. Doch mit dem Erfolg wuchs auch der Druck. Der Ruhm forderte einen Tribut, den er in jungen Jahren kaum abschätzen konnte: seine Zeit, seine Privatsphäre und vor allem seine Anwesenheit bei denen, die er liebte.

Das Leben auf dem Fuschhof, das er so sehr liebte, musste oft ohne ihn weitergehen. Hier kommt Rita ins Spiel, seine Frau seit 1981. Sie ist die stille Heldin dieser Geschichte, die Konstante in einem Leben voller Abschiede und Wiedersehen. Ihre Liebesgeschichte begann unspektakulär, fast schicksalhaft, mit einem Mopedunfall und einem gebrochenen Bein, doch sie entwickelte sich zu einem Fundament, das Stürme überdauerte, an denen viele andere zerbrochen wären. Während Norbert in fernen Städten von Heimat und Liebe sang, lebte Rita diese Werte unter härtesten Bedingungen. Sie managte den Hof, erzog die vier Kinder weitgehend allein und hielt ihm den Rücken frei, damit er strahlen konnte. Norbert gesteht heute mit einer Mischung aus Dankbarkeit und tiefer Reue: „Ohne sie wäre die Bühne leer. Sie ist mein Kompass.“ Doch er gibt auch zu, dass er viel „gestohlene Zeit“ auf dem Gewissen hat. Zeit, die er nicht mit seinen heranwachsenden Kindern verbrachte, Zeit, in der er auf der Bühne stand, während zu Hause das Leben stattfand.

Die Jahre der ständigen Abwesenheit, die Eifersucht mancher Fans, die Gerüchte, die ihn als Frauenschwarm darstellten – all das hinterließ Narben. Rita lernte, mit diesem Image umzugehen, vertraute ihm bedingungslos, doch es war nie einfach. Norberts Geständnis offenbart, dass die glänzende Medaille des Erfolgs eine dunkle Kehrseite hatte: Einsamkeit. Mitten im tosenden Applaus von tausenden Menschen fühlte er sich oft isoliert, allein mit der Verantwortung, den Erwartungen und der Kritik. „Der Ruhm isoliert“, erklärt er heute reflektiert. „Man ist umgeben von Menschen, aber allein mit seinen Ängsten.“ Diese psychische Belastung forderte irgendwann auch ihren körperlichen Preis. Die Herzoperation im Jahr 2017 war ein erster, lauter Warnschuss. Zum ersten Mal musste er kapitulieren, eine Tour absagen – für einen Pflichtmenschen wie ihn fühlte sich das an wie Verrat an seinen Fans. Doch in der Stille der Reha, als Rita ihm das Handy wegnahm und ihn zu Spaziergängen zwang, begann er zu begreifen, dass kein Erfolg der Welt die Gesundheit aufwiegen kann.

Sorge um Norbert Rier: Sänger musste in die Notaufnahme | WEB.DE

Ein weiterer gesundheitlicher Rückschlag, ein leichter Schlaganfall im Frühjahr 2025, verstärkte dieses Gefühl der eigenen Sterblichkeit noch. Tage im Krankenbett, gefangen in Sorgen, ließen ihn sein Leben neu bewerten. Er, der immer der Starke, der Unverwüstliche sein wollte, musste lernen, Schwäche zuzulassen. „Ich habe gelernt, dass Stärke nicht im Schweigen liegt“, sagt er heute. Diese Erkenntnis ist der Kern seines neuen Lebensabschnitts. Er blickt auf die Jahre zurück, in denen er den Spagat zwischen Showbühne und Stallarbeit versuchte, oft bis zur totalen Erschöpfung. Morgens melkte er die Kühe, abends stand er im Scheinwerferlicht. Ein Leben zwischen zwei Extremen, das ihn zwar reich machte – Schätzungen sprechen von einem beachtlichen Vermögen –, ihm aber auch die Unbeschwertheit raubte. Schlaflosigkeit und das ständige Gefühl, getrieben zu sein, waren seine Begleiter.

Norbert Rier ist heute, mit Mitte 60, ein Mann, der Frieden sucht und zunehmend findet. Er reflektiert kritisch über die Volksmusikbranche, die oft eine heile Welt verkauft, die es so gar nicht gibt. „Volksmusik soll heilen, doch sie heilt nicht den, der singt“, stellt er fest. Der Druck, immer perfekt zu sein, keine Skandale zu produzieren, immer der „Gute“ zu sein, war immens. Er hatte Zweifel, er hatte Nächte, in denen er weinte – Dinge, die nicht in das Bild des fröhlichen Sängers passten. Nun bricht er dieses Tabu. „Ich bin nicht der Held, den ihr seht. Ich bin der Bauer, der zweifelt.“ Diese Offenheit wirkt befreiend, nicht nur für ihn, sondern auch für seine Fans, die in ihm nun nicht mehr nur das Idol, sondern den Menschen sehen.

Die Familie ist heute sein größtes Glück und sein wichtigstes Vermächtnis. Seine Kinder sind erwachsen und treten teilweise in seine Fußstapfen, sei es in der Landwirtschaft oder in der Musik. Alexander, sein Sohn, singt mittlerweile an seiner Seite bei den Spatzen. Es ist eine Übergabe des Staffelstabs, die Norbert mit Stolz erfüllt, aber auch mit der Mahnung verbindet: „Lebe auch. Mach weiter, aber verliere dich nicht.“ Die Enkelkinder, die nun auf seinem Schoß sitzen, geben ihm die Möglichkeit, das nachzuholen, was er bei seinen eigenen Kindern oft verpasst hat: Zeit. Er genießt die kleinen Momente, die Spaziergänge mit Rita, das einfache Leben auf dem Hof, das ihm immer den nötigen Bodenkontakt gab.

Sein Geständnis ist kein Skandal, es ist eine menschliche Größe. Es zeigt, dass wahrer Reichtum nicht auf Bankkonten oder in Trophäenschränken liegt, sondern in stabilen Beziehungen, in Vergebung und in der Fähigkeit, sich selbst im Spiegel betrachten zu können. Norbert Rier und seine Rita haben bewiesen, dass Liebe Arbeit ist, dass eine Ehe nicht von allein läuft, sondern gepflegt und geschützt werden muss, besonders wenn die Welt von außen zerrt. „Wir sind kein Clan der Perfektion, sondern der Vergebung“, sagt Rita treffend. Das Vermächtnis von Norbert Rier wird am Ende nicht nur aus Liedern bestehen, sondern aus der Geschichte eines Mannes, der auszog, um die Welt zu erobern, und erkannte, dass das größte Glück immer daheim am Küchentisch wartete. Wer Norbert Rier heute erlebt, sieht einen Mann, der angekommen ist – nicht am Ende seines Weges, sondern bei sich selbst. Ein Vorbild, das zeigt, dass es nie zu spät ist, die Wahrheit zu sprechen und das Leben neu zu priorisieren.