Ein stiller Abschied zu Weihnachten: The Cure trauert um Gitarrist und Keyboarder Perry Bamonte

Perry Bamonte: Gitarrist und Keyboarder von „The Cure“ ist tot - Kultur -  SZ.de

Es gibt Nachrichten, die einen völlig unvorbereitet treffen, die mitten in der besinnlichen Ruhe der Feiertage wie ein Blitz einschlagen und die Welt für einen Moment stillstehen lassen. Für Millionen von Musikliebhabern weltweit, für die Anhänger der düsteren Romantik und des melancholischen Post-Punks, ist genau dieser Fall eingetreten. Perry Bamonte, langjähriger Gitarrist, Keyboarder und eine der wohl faszinierendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der legendären Band The Cure, ist tot. Er starb im Alter von 65 Jahren nach kurzer Krankheit, wie die Band in einem emotionalen Statement bestätigte. Mitten in der Weihnachtszeit, wenn Familien zusammenkommen, musste die “Cure”-Familie einen ihrer liebsten Söhne verabschieden.

Die Nachricht verbreitete sich am zweiten Weihnachtsfeiertag und löste eine Welle der Bestürzung aus. Auf der offiziellen Website der Band und in den sozialen Medien teilten Robert Smith und seine Kollegen ihre tiefe Trauer mit der Öffentlichkeit. Die Worte, die sie wählten, waren nicht die einer typischen Pressemitteilung, sondern die eines Freundeskreises, der einen Bruder verloren hat. “Mit enormer Traurigkeit bestätigen wir den Tod unseres großartigen Freundes und Bandkollegen Perry Bamonte”, hieß es dort. Man beschrieb ihn als “ruhig, intensiv, intuitiv, beständig und enorm kreativ”. Diese Adjektive zeichnen das Bild eines Mannes, der nie das grelle Rampenlicht suchte, sondern dessen Magie im Detail, in der Hingabe zur Musik und in seiner warmherzigen Art lag. Sein Spitzname “Teddy” spricht Bände über den Charakter des Mannes, der hinter der oft düsteren Fassade der Band ein Herz aus Gold trug.

Perry Bamontes Geschichte ist der Stoff, aus dem Rock’n’Roll-Träume gemacht sind, jedoch ohne die üblichen Klischees von Exzess und Skandalen. Seine Reise mit The Cure begann nicht auf der Bühne, sondern im Hintergrund. Im Jahr 1984 stieß er zur Band, zunächst als Teil der Road-Crew. Sein Bruder Daryl Bamonte war bereits als Tourmanager für die Gruppe tätig, und so rutschte Perry in den inneren Zirkel. Er war derjenige, der dafür sorgte, dass die Gitarren gestimmt waren und die Technik lief. Er war der unsichtbare Helfer, der “Guitar Tech”, der Robert Smith den Rücken freihielt. Doch Perry war mehr als nur ein technischer Assistent; er war ein talentierter Musiker, der im Schatten wartete. Seine Loyalität und sein tiefes Verständnis für die komplexe Klangarchitektur der Band machten ihn unverzichtbar.

Perry Bamonte: The Cure-Gitarrist Tod im Alter von 65 Jahren | STERN.de

Der große Wendepunkt kam 1990. Als der damalige Keyboarder Roger O’Donnell die Band verließ, suchte The Cure nicht extern nach einem Ersatz. Sie blickten in ihre eigenen Reihen und fanden Perry. Der Sprung vom Techniker zum Vollmitglied einer der größten Bands der Welt ist selten, doch Bamonte meisterte ihn mit einer fast schon unheimlichen Selbstverständlichkeit. Er übernahm nicht nur die Keyboards, sondern griff auch zur Gitarre und zum sechssaitigen Bass, was den Sound der Band in den 90er Jahren maßgeblich prägte. Er war kein bloßer Lückenfüller; er wurde zu einer kreativen Säule.

Die Ära, in der Perry Bamonte fest zur Band gehörte, war eine der kommerziell erfolgreichsten und kreativ vielseitigsten. Er spielte auf dem Album “Wish” von 1992, das mit Hits wie “Friday I’m in Love” The Cure endgültig in den Mainstream-Olymp hob. Man muss sich das vorstellen: Der Mann, der Jahre zuvor noch Kabel aufrollte, stand nun in Stadien vor Zehntausenden von Menschen und spielte die Riffs, die eine ganze Generation prägten. Sein Einfluss reichte weiter über “Wild Mood Swings” (1996) bis hin zum epischen “Bloodflowers” (2000) und dem selbstbetitelten Album “The Cure” (2004). Über 14 Jahre lang stand er bei mehr als 400 Konzerten auf der Bühne. Er war das konstante Element in einer Band, die oft von Besetzungswechseln und internen Turbulenzen geprägt war.

Doch wie so oft im Musikgeschäft, gab es auch in Perrys Karriere Brüche. Im Jahr 2005 kam es zur überraschenden Trennung. Robert Smith, bekannt für seine rigorosen Entscheidungen im Sinne der künstlerischen Vision, entließ Bamonte (und auch O’Donnell, der zwischenzeitlich zurückgekehrt war) kurz vor Beginn der Aufnahmen zu einem neuen Album. Für viele Fans war dies ein Schock. Perry verschwand jedoch nicht in der Versenkung, sondern widmete sich anderen Projekten, spielte Bass in der Supergroup Love Amongst Ruin und blieb der Musik treu. Er zeigte auch hier seine Klasse: Kein böses Wort, keine Schlammschlacht in der Presse. Perry blieb der Gentleman, als den ihn alle kannten.

Die schönste Wendung in dieser Geschichte ereignete sich jedoch erst vor Kurzem. Im Jahr 2022, fast 17 Jahre nach seinem Rauswurf, kehrte der verlorene Sohn zurück. Robert Smith holte Perry Bamonte für die große “Shows of a Lost World”-Tour wieder in die Band. Es war eine Wiedervereinigung, die sich für Fans und Band gleichermaßen richtig anfühlte. Perry war wieder da, wo er hingehörte. Er spielte weitere 90 Konzerte, die von Kritikern und Anhängern als einige der besten in der langen Geschichte der Band gefeiert wurden. Seine Präsenz auf der Bühne verlieh den alten Songs tiefe und den neuen Stücken, die später auf dem gefeierten Album “Songs of a Lost World” erschienen, eine besondere Schwere und Schönheit.

Sein letzter Auftritt fand am 1. November 2024 in London statt. Niemand im Publikum, niemand in der Band ahnte wohl, dass dies der letzte Vorhang für “Teddy” sein würde. Wenn man heute, mit dem Wissen um seinen Tod, Bilder oder Aufnahmen dieses Konzerts sieht, liegt ein Schleier der Melancholie darüber. The Cure hatten gerade erst ihr erstes Album seit 16 Jahren veröffentlicht, ein Werk, das sich intensiv mit Themen wie Vergänglichkeit, Verlust und Trauer auseinandersetzt. Dass Perry Bamonte nun, so kurz nach diesem triumphalen Comeback, selbst Teil dieser “verlorenen Welt” geworden ist, entbehrt nicht einer tragischen Poesie.

Die Todesursache wird als “kurze Krankheit” angegeben. Dass er zu Hause, im Kreise seiner Familie starb, mag ein kleiner Trost sein, doch es ändert nichts an der Brutalität des Verlustes. 65 Jahre sind kein Alter, schon gar nicht für jemanden, der noch so voller Musik steckte. Die Anteilnahme in der Musikwelt ist riesig. Ex-Kollege Lol Tolhurst schrieb auf Instagram: “So traurig, vom Tod von Perry Bamonte zu hören. (…) Leb wohl, Teddy.” Diese zwei Worte, “Farewell Teddy”, hallen nun durch das Internet, geteilt von Tausenden, die vielleicht nie ein Wort mit ihm gewechselt haben, sich ihm aber durch seine Musik unendlich nah fühlten.

Perry Bamonte war vielleicht nicht der Frontmann, der die großen Reden schwang. Er war nicht das Gesicht auf jedem Magazincover. Aber er war das Fundament, auf dem viele der großen The Cure-Momente gebaut waren. Er war der Beweis dafür, dass man mit Demut, harter Arbeit und Talent seinen Platz in der Geschichte finden kann. Er war der Klebstoff in schwierigen Zeiten und ein kreativer Partner in den goldenen Jahren. Seine Gitarrenlinien in Songs wie “A Letter to Elise” oder “Trust” bleiben unvergessen. Sie sind sein Vermächtnis, konserviert für die Ewigkeit.

Wir bleiben zurück mit der Musik und der Erinnerung an einen Mann, der die Welt ein bisschen dunkler, aber auch viel schöner gemacht hat. The Cure wird weitermachen, das liegt in der Natur von Robert Smith. Aber der Platz auf der rechten Bühnenseite, der Platz von Perry Bamonte, wird sich nun leer anfühlen, selbst wenn er neu besetzt wird. In den Herzen der Fans wird “Teddy” immer weiterspielen. Ruhe in Frieden, Perry Bamonte. Danke für die Musik.