Der letzte Vorhang für den König der Grantler: Volksschauspieler Walter Schultheiß stirbt mit 101 Jahren – Ein Abschied von der schwäbischen Seele

Wildberg/Stuttgart – Es ist still geworden im Ländle. Eine Stille, die schwer wiegt und doch erfüllt ist von den Echos eines herzhaften, unnachahmlichen Lachens – und vor allem eines legendären “Gebruddels”. Walter Schultheiß, der Mann, der dem schwäbischen Gemüt wie kein anderer ein Gesicht und eine Stimme verlieh, ist tot. Der Grandseigneur der süddeutschen Unterhaltung schloss im biblischen Alter von 101 Jahren seine Augen für immer.

Mit ihm geht nicht nur ein brillanter Schauspieler, Autor und Kabarettist, sondern ein Stück Identität. Schultheiß war mehr als nur ein Darsteller; er war eine Institution, ein lebendes Denkmal und für viele Menschen so vertraut wie der eigene Großvater, der am Sonntagstisch über die Weltpolitik schimpft, während er seine Spätzle isst. Sein Tod, kurz vor dem Jahreswechsel, markiert das Ende einer Ära, die weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinausreichte.

Der Weltmeister im “Bruddeln”

Wenn Walter Schultheiß den Mund aufmachte, wusste man nie genau, ob gleich eine Weisheit folgte oder eine Tyrade über die Unzulänglichkeiten des Alltags. Meistens war es beides. Er war der unangefochtene “Weltmeister im Bruddeln”. Doch sein Granteln war nie bösartig, nie verletzend. Es war eine Notwehr gegen die Verrücktheiten der modernen Welt, ein therapeutisches Ventil für ihn und sein Publikum.

“Er konnte Sätze sagen, die bei jedem anderen beleidigend geklungen hätten, aber bei ihm war es pure Poesie”, erinnert sich ein langjähriger Weggefährte. Diese Kunst, das Nörgeln liebenswert zu machen, war sein Markenzeichen. Er verkörperte den Archetyp des Schwaben: außen rau, innen herzlich, immer skeptisch, aber im Grunde tief humanistisch.

Seine Karriere begann indes unter weit weniger heiteren Umständen. Geboren 1924 in Tübingen, erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, bevor er sich seiner wahren Leidenschaft, der Bühne, widmen konnte. Dass er einmal einer der bekanntesten TV-Köpfe Deutschlands werden würde, ahnte damals niemand. Doch sein Talent, Menschen zu beobachten und ihre Eigenheiten liebevoll zu karikieren, bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg.

Die Legende vom Straßenkehrer

Den endgültigen Durchbruch, der ihn unsterblich machte, feierte er jedoch nicht im Fernsehen, sondern im Radio. Über zwei Jahrzehnte lang bildete er gemeinsam mit Werner Veidt das legendäre Straßenkehrer-Duo “Karle und Gottlob” beim damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR).

Jeden Samstag warteten Millionen Hörer auf den Satz: “Ich bin der Straßenkehrer Gottlob Friederich; ich kehr’ für Arm und Reich, für Groß und Niederich.” Mit dem Besen in der Hand kehrten die beiden nicht nur den fiktiven Schmutz der Straße weg, sondern auch den gesellschaftlichen Mief der Zeit. Sie nahmen die Politik aufs Korn, den kleinen Mann, die große Welt. Schultheiß’ Figur des Gottlob war dabei der Philosoph mit der Kehrschaufel – bodenständig, schlau und immer mit einer passenden Erwiderung auf den Lippen. Diese Sketche sind bis heute Kulturgut und werden in den Archiven des SWR wie Schätze gehütet.

Ein Gesicht, das Geschichten erzählte

Doch Walter Schultheiß war weit mehr als nur eine Radio-Stimme. Sein Gesicht, in späteren Jahren gezeichnet von den Falten eines gelebten Lebens, war eine Landkarte der Emotionen. Fernsehzuschauer liebten ihn in Serien wie “Der Eugen”, “Oh Gott, Herr Pfarrer” oder “Hallo, Onkel Doc!”.

Besonders in Erinnerung bleiben wird er jedoch den Krimi-Fans als Rominger im Stuttgarter “Tatort”. An der Seite des ebenfalls unvergessenen Dietz-Werner Steck (Kommissar Bienzle) spielte Schultheiß den Vermieter und später den kauzigen Nachbarn, der oft mehr wusste, als er zugab, und der mit seiner schrulligen Art die düsteren Mordfälle immer wieder erdete. Er war der Ruhepol, der humoristische Kontrapunkt in einer Welt voller Verbrechen.

Bis ins hohe Alter stand Schultheiß vor der Kamera. Noch mit über 90 Jahren spielte er in der beliebten SWR-Serie “Laible und Frisch” den Bäckerei-Senior. Es war bewundernswert, wie er auch im hohen Alter noch Texte lernte, wie präzise sein Timing war. “Ich kann nicht einfach daheim sitzen und die Wand anschauen”, sagte er einmal in einem Interview anlässlich seines 95. Geburtstags. Die Arbeit hielt ihn jung, der Applaus war sein Elixier.

Eine Liebe für die Ewigkeit: Walter und Trudel

Man kann über das Leben von Walter Schultheiß nicht schreiben, ohne Trudel Wulle zu erwähnen. Sie waren das Traumpaar der schwäbischen Unterhaltung, das “Brad Pitt und Angelina Jolie” des Südens – nur ohne Skandale und Scheidung. Über 70 Jahre waren sie verheiratet, eine Ewigkeit im schnelllebigen Showgeschäft. Kennengelernt hatten sie sich am Theater, und seitdem waren sie unzertrennlich, sowohl privat als auch beruflich.

Sie ergänzten sich perfekt: Er, der polternde Grantler, sie, die Sanfte, die ihn mit einem Augenzwinkern wieder auf den Boden der Tatsachen holte. Gemeinsam standen sie auf der Bühne, lasen Geschichten, spielten Sketche. Ihre Chemie war magisch. Als Trudel Wulle im Jahr 2021 starb, brach für Schultheiß eine Welt zusammen. “Sie fehlt mir jeden Tag”, gestand er leise. Dass er danach noch die Kraft fand, seinen 100. Geburtstag zu feiern, zeugt von seiner enormen inneren Stärke.

Nun, so tröstet sich die Fangemeinde, sind Walter und Trudel wieder vereint. Man stellt sich vor, wie sie irgendwo auf einer himmlischen Bank sitzen, er über das Wetter oder das Essen “bruddelt” und sie ihn liebevoll anlächelt und ihm die Hand tätschelt.

Ein Jahrhundertleben

Walter Schultheiß hat ein ganzes Jahrhundert durchlebt. Er sah die Welt sich wandeln, von der Nachkriegszeit über das Wirtschaftswunder bis hin zum digitalen Zeitalter. Er blieb sich dabei immer treu. Er verbog sich nicht für Moden, er sprach, wie ihm der Schnabel gewachsen war – im breitesten, schönsten Schwäbisch. Er zeigte, dass Dialekt keine Einschränkung ist, sondern eine Bereicherung, ein Ausdruck von Heimat und Authentizität.

Seine Kunst war es, das Alltägliche besonders zu machen. Er brauchte keine großen Gesten, kein Hollywood-Drama. Ein hochgezogene Augenbraue, ein tiefes Schnaufen, ein “Ha no!” reichten aus, um einen Saal zum Toben zu bringen. Er war der Spiegel, in den die Menschen schauten und sich selbst erkannten – mit all ihren kleinen Fehlern und Schwächen, über die man dank ihm so herrlich lachen konnte.

Reaktionen und Abschied

Die Nachricht von seinem Tod löste eine Welle der Anteilnahme aus. Politiker, Schauspielkollegen und Tausende von Fans bekundeten ihre Trauer in den sozialen Netzwerken. Der SWR-Intendant würdigte ihn als “Urgestein”, als jemanden, ohne den Baden-Württemberg nicht das wäre, was es ist. “Ein Leben ohne Walter Schultheiß ist wie Maultaschen ohne Füllung – es fehlt das Wichtigste”, schrieb ein Fan auf Facebook.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann nannte ihn einst einen “Glücksfall für das Land”. Und das war er. Ein Glücksfall, der uns lehrte, das Leben nicht immer so bierernst zu nehmen.

Walter Schultheiß starb in Wildberg im Landkreis Calw, dort, wo er viele Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er schlief friedlich ein, im Kreise seiner Familie, so wie er es sich gewünscht hatte. Er hinterlässt seinen Sohn Götz, Enkelkinder und ein künstlerisches Erbe, das noch Generationen überdauern wird.

Was bleibt?

Was bleibt von Walter Schultheiß? Es sind die unzähligen Stunden Filmmaterial, die Hörspiele, die Bücher. Aber es ist vor allem ein Gefühl. Das Gefühl von Wärme, von Beständigkeit in unruhigen Zeiten. Er hat uns gezeigt, dass man auch im hohen Alter noch neugierig, produktiv und vor allem humorvoll sein kann.

Er hat uns aber auch gelehrt, dass “Bruddeln” eigentlich eine Form der Zuneigung ist. Wer meckert, dem ist es nicht egal. Wer schimpft, der hofft auf Besserung. Walter Schultheiß war ein Optimist im Gewand eines Pessimisten.

Wir verneigen uns vor einem großen Künstler und einem noch größeren Menschen. Mach’s gut, Walter. Und grüß uns die Trudel. Da oben wird es jetzt sicher nie wieder langweilig – und bestimmt gibt es auch dort etwas, worüber man sich herrlich aufregen kann.

Danke für alles, du wunderbarer Grantler.