Psycho-Horror zum Neujahr: Warum der „Tatort: Nachtschatten“ die Zuschauer schockiert und spaltet

Dresden – Es war ein Start ins neue Jahr, der vielen Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren ließ. Während draußen die letzten Böller verhallten, explodierte auf den heimischen Bildschirmen eine Geschichte, die düsterer kaum sein könnte. Der Neujahrs-„Tatort“ aus Dresden, titelgebend „Nachtschatten“, versprach Spannung, lieferte aber vor allem eines: puren psychologischen Horror. Ein Mädchen, das aus dem Nichts kommt, eine Geschichte, die an die schlimmsten Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte erinnert, und ein Ermittler-Duo, das an seine Grenzen gerät. War das genialer Nervenkitzel oder völlig überzogenes Psycho-Drama? Wir haben den Fall, der Deutschland aktuell in Atem hält, bis ins kleinste Detail zerlegt.

Der blutige Auftakt: Ein Albtraum wird wahr

Die ersten Minuten des Films glichen eher einem amerikanischen Thriller als einem deutschen Sonntagskrimi. Ein junges Mädchen, Amanda (gespielt von Emilie Neumeister), irrt blutverschmiert durch das nächtliche Dresden. In ihrer Hand ein Skalpell, in ihren Augen pure Panik. Sie wirkt wie ein wildes Tier, das zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Als sie schließlich von Passanten und der Polizei überwältigt wird, bricht eine Geschichte aus ihr heraus, die selbst den hartgesottensten Krimi-Fans einen Schauer über den Rücken jagt.

Sie sei geflohen. Aus einem Keller. Zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Jana habe sie dort ihr ganzes Leben verbracht. Eingesperrt, kontrolliert und terrorisiert von einem allmächtigen Vater, den sie „Papa“ nennen, der aber wie ein unsichtbares Phantom über ihr Leben herrscht. „Du weißt ja, dass der Papa alles sieht“, ist der Satz, der sich wie ein Mantra des Schreckens durch den Film zieht.

Sofort werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an reale Monstrositäten, an die Fälle von Josef Fritzl oder Wolfgang Priklopil. Der „Tatort“ spielt bewusst mit diesen Ängsten, mit dem Ur-Horror des Eingesperrtseins, der absoluten Hilflosigkeit. Es ist ein Szenario, das niemanden kaltlässt, weil es so grausam realistisch wirkt – und gleichzeitig so unfassbar.

Winkler gegen Schnabel: Das Duell der Überzeugungen

Inmitten dieses Chaos steht das Dresdner Ermittlerteam, das nach dem Abgang von Karin Gorniak (Karin Hanczewski) nun als Duo funktionieren muss. Und hier zeigt sich die ganze Stärke des Drehbuchs: Der Konflikt wird nicht nur im Fall ausgetragen, sondern direkt zwischen den Kommissaren.

Auf der einen Seite Leonie Winkler, brillant verkörpert von Cornelia Gröschel. Sie ist die emotionale, die intuitive Ermittlerin. Vielleicht ist es ihre eigene Vergangenheit, der Verlust ihres Bruders, der sie sofort eine Verbindung zu Amanda spüren lässt. Winkler will glauben. Sie sieht in den Augen des verstörten Mädchens keine Lüge, sondern nackte Angst. Sie kämpft wie eine Löwin dafür, dass die Suche nach dem ominösen Keller und der angeblich dort noch gefangenen Schwester Jana aufgenommen wird.

Auf der anderen Seite der pragmatische, oft cholerische Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Er ist der Fels der Realität in der Brandung der Emotionen. Für ihn zählen Fakten, Beweise, Logik. Und die sprechen gegen Amanda. Keine Spuren äußerer Gewalt, widersprüchliche Aussagen, das Gutachten einer Psychiaterin, die dem Mädchen Wahnvorstellungen attestiert. „Laupheimer, wenn ich ‘nen Papagei brauche, sage ich’s!“, herrscht er seinen Assistenten an. Brambach spielt diesen Zweifler grandios – man möchte ihn schütteln und ihm gleichzeitig recht geben. Denn rational betrachtet ist Amandas Geschichte zu wahnwitzig, um wahr zu sein.

Das perfide Spiel mit der Wahrheit

Was folgt, ist ein Kammerspiel der psychologischen Kriegsführung. Der Zuschauer wird permanent im Unklaren gelassen. Gibt es den Vater wirklich? Existiert der Keller? Oder ist alles nur das Hirngespinst einer schwer traumatisierten Seele? Der Film nutzt geschickt Rückblenden und beklemmende Kameraschwenks, um diese Unsicherheit zu schüren. Wir sehen Szenen aus dem Keller, hören die Stimme der Mutter (erschreckend intensiv: Nina Kunzendorf), die die Kinder zur Ruhe mahnt, weil der „Papa“ unter Druck stehe.

Besonders eindringlich sind die Momente, in denen Amanda mit der „normalen“ Welt konfrontiert wird. Eine Szene brennt sich besonders ein: Als Winkler mit dem Mädchen Pizza isst. Amanda starrt das Essen an, als käme es von einem anderen Stern. Sie hat noch nie eine Pizza gesehen. Es sind diese kleinen, leisen Momente, die oft lauter schreien als jede Explosion. Emilie Neumeister, obwohl im echten Leben bereits Mitte 20, spielt die 16-Jährige mit einer fragilen Intensität, die unter die Haut geht. Ihre ruckartigen Bewegungen, die Lichtempfindlichkeit, die Mischung aus kindlicher Naivität und tödlicher Entschlossenheit – das ist Schauspielkunst auf hohem Niveau.

Die schockierende Auflösung: Das Böse hat viele Gesichter

Je tiefer Winkler gräbt, desto brüchiger wird das Bild vom tyrannischen Vater. Und dann kommt der Twist, der viele Zuschauer kalt erwischt hat. Es gibt keinen Vater. Zumindest nicht den, den Amanda beschreibt. Der allmächtige Unterdrücker, der Kameras installiert hat und Essensentzug anordnet, ist eine Erfindung. Eine grausame Fiktion, erschaffen von der eigenen Mutter.

Nina Kunzendorf spielt diese Mutter mit einer Eiseskälte, die fast körperlich wehtut. Sie hat ihre Tochter nicht vor der Welt beschützt, sie hat sie der Welt gestohlen. Und das Schlimmste: Die Schwester Jana, die Amanda retten wollte, existiert nicht mehr. Sie starb bereits als Kleinkind. Amanda war jahrelang allein mit ihrer wahnsinnigen Mutter und dem Geist ihrer toten Schwester, gefangen in einem Netz aus Lügen und Manipulation.

Diese Wendung hebt den „Tatort“ aus der Masse der gewöhnlichen Krimis heraus. Es geht nicht um einen simplen Mord aus Habgier. Es geht um den Missbrauch von Vertrauen, um die Zerstörung einer Kinderseele durch die Person, die sie eigentlich am meisten lieben sollte. Das „Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom“ in seiner extremsten, pervertiertesten Form.

Kritik der Fans: Zu viel Psycho, zu wenig Tatort?

Doch genau diese psychologische Schwere ist es, die das Publikum spaltet. In den sozialen Netzwerken entbrannte noch während der Ausstrahlung eine hitzige Debatte. Für die einen war „Nachtschatten“ ein Meisterwerk, ein beklemmendes Psychodrama, das an Qualitätsserien wie „Liebes Kind“ erinnert. Sie loben die dichte Atmosphäre, die düsteren Bilder und das mutige Thema.

Für die anderen – und das ist keine kleine Gruppe – war es „zu viel des Guten“. Die Kritikpunkte sind laut: Die Handlung sei zu konstruiert, unlogisch und weit weg von der polizeilichen Realität. Viele vermissen den klassischen Ermittlungskrimi, das „Whodunit“. Stattdessen bekamen sie eine Reise in die menschlichen Abgründe serviert, die streckenweise schwer zu ertragen war. Auch die Besetzung der 16-jährigen Amanda mit einer deutlich älteren Schauspielerin sorgte für Diskussionen, auch wenn Neumeisters Leistung an sich unbestritten ist.

„Warum muss der Tatort immer so abgedreht sein?“, fragt ein User auf Facebook. „Ich will unterhalten werden, nicht therapiert.“ Diese Stimmen zeigen, dass der Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und massentauglicher Unterhaltung für die „Tatort“-Macher immer schwieriger wird. Besonders der Dresdner „Tatort“ ist bekannt dafür, eher im Thriller- und Horror-Genre zu wildern als im klassischen Polizeiruf-Terrain. Das gefällt nicht jedem.

Fazit: Ein mutiges Experiment mit Nachhall

Was bleibt also von diesem Abend? „Nachtschatten“ ist kein Film zum Nebenbei-Schauen. Er fordert, er verstört, er tut weh. Er zeigt uns, dass die wahren Monster oft nicht unter dem Bett lauern, sondern mitten unter uns leben, getarnt als fürsorgliche Eltern oder nette Nachbarn.

Cornelia Gröschel hat endgültig bewiesen, dass sie den „Tatort“ auch ohne ihre langjährige Partnerin tragen kann. Ihre Leonie Winkler gewinnt an Tiefe, an Kantigkeit. Sie ist verletzlich, aber nicht schwach. Empathisch, aber professionell. Das Zusammenspiel mit Martin Brambach ist dynamisch und verspricht für die Zukunft – dann wieder als Trio mit neuer Kollegin – spannende Konstellationen.

Ob man den Film nun liebt oder hasst: Er hat sein Ziel erreicht. Er hat uns bewegt. Er hat Diskussionen ausgelöst. Und er hat uns daran erinnert, wie zerbrechlich die Normalität sein kann. Ein Start ins Jahr 2026, der noch lange nachhallen wird – wie ein böser Traum, aus dem man schweißgebadet aufwacht, nur um festzustellen, dass das Grauen real sein kann.

Für alle, die den Nervenkitzel suchen und bereit sind, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche zu blicken, ist „Nachtschatten“ ein absolutes Muss. Für Freunde des gemütlichen Schmunzelkrimis war es wohl eher ein Abend zum Vergessen. Aber eines ist sicher: Langweilig war es keine Sekunde.